„Sagen Sie doch,“ fragte er heute, „ist Fuge wirklich das lateinische fuga?“ Da ich bejahte, wunderte er sich und meinte: „Also wirklich Flucht? Das ist ja abscheulich!“ worauf er mich und Ulrika nachdenklich betrachtete und fragte: „Ich möchte wirklich wissen, wie ihr es anstellt, diese unseligste aller Künste zu betreiben!“
Wir stellten uns sehr böse. Warum unselig?
„Eben,“ sagte er fein, „weil sie gradezu die Seligkeit will. Aber sie kriegt sie nie. Sie ist ja nur immer da hinterher. Sie ist so ganz — bergig! Fuga, die Flucht. Sie ist wie der Lauf eines flüchtigen Tiers über ein Gebirge.“ So sprach er unaufhaltsam weiter. Immer hätte die Musik etwas Gejagtes, könne nie stillhalten, sei zwischen ihrem Anfang und dem Ende unaufhörlich, und wenn man ja absetze an einer Stelle, so geschehe das nicht glatt wie bei einem Gedicht, sondern mit einer zackigen Bruchstelle. Immer wolle sie die Ruhe, liege immer im Sterben, „und hat sie die Ruhe doch einmal,“ sagte er, „so tritt sie schon wie ein Gewässer über ihren Rand.“
Ulrika wandte ein, wenn er ihr einmal bei einem guten Legatosatz schön zugehört haben würde, ob er dann nicht hinter der Bewegung den Stillstand gehört haben würde.
„Quies in fuga?“ meinte er zweifelnd, „die Ruhe auf der Flucht?“
Schöner, erwiderte ich, ließe es sich kaum ausdrücken.
„Aber erklärt mir eins,“ fing er nach einer Weile wieder an, „warum habe ich denn immer, wenn ich genau zuhöre, das Gefühl: weshalb ist das nun so? Könnte es nicht gradsogut alles ganz anders sein?“
Weil er, erklärte Ulrika ihm lachend, jetzt genug geredet hätte und schlafen sollte.
„Das will ich,“ sagte er folgsam entschlossen, „aber noch eins!“ Er fing umständlich wieder an, wir hätten seine erste Frage nicht beantwortet, wie wir es nämlich machten, die unselige Kunst zu betreiben. Er rieb sich die Hände. „Ich wills euch sagen. Die Musik ist für gewöhnliche Menschen Gift, ihr aber habt in euch ein Gegengift, denn — ihr seid Angeli sancti, nicht wahr?“ schloß er mit einem sonderbar ängstlichen Blick zu Ulrika empor.
Diesen scheuen Blick seh ich noch immer. Denn er war nicht nur dasmal, und wenn er nicht in seinen Augen war, so doch in einer Bewegung; und stets ist er gegen Ulrika von einer so ängstlichen Zartheit, die mir, ich weiß nicht warum, so schuldvoll erscheint, und ich muß die Augen niederschlagen, wenn er nur sagt: „Möchtest du wohl so gut sein ...“, als wäre da etwas zum Schämen.