am 25. August
Auf Ulrikas Bitte teilte ich Bogner heute mit, was er von Magda noch nicht wußte. Er hörte wortlos zu, schloß dann die Augen und hielt sie lange so, wie um zu versuchen, was Blindheit sei. Als er sie wieder öffnete, sagte er, sie zukneifend, geblendet: „Unmöglich! Sterben ist möglich, aber blind werden nicht!“ Da erinnerte ich ihn, um ihn sich selber vergessen zu machen, daran, daß Magda nicht male.
„Richtig,“ sagte er, „sie hat ja auch eure Musik. Oh freilich Musik! Die Sehenden macht sie halb blind, diese blendende Sonne, aber für Blinde kann sie ja dann wohl eine schöne Quelle der Wärme sein.“
„Ich wills Magda sagen“, meinte ich leise.
„Nein,“ sagte er da, „sagen Sie ihr nicht das! Es klingt nicht gut so von Blinden ... Sagen Sie ihr —“ Er besann sich, die Lippen bewegend, sagte dann: „Der Körper ist blind, aber die Seele ein Argus mit tausend Augen; soviel Götter, soviel Augen.“
Wir hatten dann eine Weile von andern Dingen gesprochen. Auf einmal fragte er mich, lächelnd mit einem Mundwinkel, ob mein Vater nicht Pfarrer gewesen sei, und als ich nickte, ob er gewesen sei, was man so liberal nennte. — „Ach, nein!“ „Ein ganz frommer Mann?“ Ich bejahte.
„Dann“, sagte er, „will ich Ihnen noch was schenken. Jason hörte ich einmal sagen: Ein liberaler Pastor — da könnte man auch sagen: eine liberale Musik, — und nun fällt mir bei dem Seelenargus ein: das sogenannte liberale Christentum ist wie der einäugige Polyphem, geblendet vom listenreichen Ulyß,“ schloß er verschmitzt, „der Vernunft.“
Er ist nun so klügelnd geworden ...
am 26.
Ich kam von Bogner zurück, es war schon spät und dämmrig geworden, da hörte ich die Orgel. Konnte das wieder Magda sein? Gleich lief ich in den Garten, wo ich dem Getön anhörte, daß Tür und Fenster der Kapelle geschlossen sein mußten und daß es äußerst heftig war. Näher kommend hörte ich Gesang und erkannte die Musik der alten Kirchenarie von Stradella ‚Si miei sospiri‘, zu der Georg Magda einmal einen deutschen Text geschrieben hat. ‚Wer weint in Finsternis? Wer schluchzt im Dunkel?‘ fing es an. Vor der Tür der Kapelle hörte ich die Orgel allein die Schlußwendungen mit solcher Kraft brausen, daß die hölzerne Tür erbebte; ich öffnete und trat ein, es war dunkel drin, die riesigen Orgelstimmen warfen sich über mich wie Geister, schon wieder mit der Wucht der Oktavengänge im Baß des Anfangs einherstampfend. Ach, ich glaube, alle Engel meiner Brust sind aufgestanden vor einer übermenschlichen, viel zu lauten, einer rauchenden Stimme aus dem Dunkel, die hinfegte über mich durch den Raum, so tief und gewaltsam, so brechend aus allen Fugen, nach oben stürzend und sich niederschmetternd, daß ich mich nicht halten konnte und hingekniet bin und das Gesicht in die Hände gelegt habe. Und jetzt: schwarzblau durch das Schwarze der Nacht, unter Gewölben her, kam der Engel gebraust, der furchtbare, blinde. Die Stirn im Armbug trat er die Lüfte hinter sich mit zuckenden Füßen; die riesenhaften Schwingen bogen und wanden sich wie schwarze Flammen, er peitschte mit ihnen, und so jagte er unterm Gewölbe hin und über mir fort, und die Lüfte schlugen schallend hinter ihm auf wie Gewässer, heraufklatschend an den Nachtwänden. Es war ein endloser Gang, nicht breiter, als daß der Engel darin fliegen konnte, und so kam er zurück; ich, oh ich sah die Sohlen seiner Füße bleich schimmern, wie er über mir fortstürmte, und plötzlich sah ich ihn an den Stäben eines Gitterfensters hängen und daran rütteln; sein Leib fiel nach unten, er hing, so lang er war, aber er schwang die Füße hoch, stemmte sie gegen die Wand, und während hinter ihm die ohnmächtigen Flügel in rasenden Wirbeln die Lüfte peitschten, rüttelte er mit seinen langen Armen, rüttelte und schrie auf, ließ los, ermattete, tastete und stürzte ins Bodenlose ab. Ehe aber der Donner seiner Schwingen in den Tiefen verhallt war, kam er wieder herauf gerauscht wie ein Brunnen, und jetzte rannte er mit wütender Schnelle schräg nach oben und mit ungeheurem Prall gegen die Wölbung, daß sie barst.