Es war eine traurige Heimkehr, als Frau Katharina mit ihren Kindern und dem Rest der geretteten Habe auf ihrem Fuhrwerk durch das Coswiger Thor, die Schloßstraße und die Kollegiengasse herauf fuhr und vor dem Klosterhause hielt. Leichter waren Koffer und Kasten geworden — es waren vergoldete und silberne Kredenzbecher im Werte von 600 fl. versetzt worden — und das Herz voll schwerer Sorge. Und doch war's ein Gefühl der Ruhe und Sicherheit, wieder daheim zu sein nach der langen Flucht draußen im „Elend“. Und tapfer griff Frau Käthe es an, das Leben neu zu gestalten.

Das Haus war noch im alten Stande und vom Hausrat nichts versehrt. Die Stadt hatte zwar eine Belagerung und einen Sturm durch Moriz ausgehalten, aber friedlich war sie nach der Mühlberger Schlacht an den neuen Regenten übergeben worden und keine Spanier hatten darin hausen dürfen; nur deutsche Völker waren zugelassen. Das Klosterhaus war während der Flucht in der Hut des alten treuen Wolf gestanden. Der aber war nicht mehr, als die Doctorin mit den Kindern heimkehrte: einige Wochen zuvor, am 14. Juni, war er dahin gegangen, als man seiner nicht mehr zu bedürfen schien[633].

Wenn aber auch Haus und Hof unangetastet dastand, um so schlimmer stand es mit den Gütern draußen. Die Vorstädte waren bei Beginn der ersten Belagerung niedergebrannt worden und so waren auch die Gebäulichkeiten in den Gärten ein Opfer der Flammen geworden. Dann hatten die „Hussern“ die Nachbarschaft von Wittenberg geplündert. Auch sonst, bei Grimma, unweit Nimbschen und Zulsdorf, hatte (schon 1546) der Nachtrab übel gehaust: Hühner, Gänse und Schafe geraubt, auch ungedroschenes Getreide zur Streu für die Pferde verwendet. Noch schlimmer hatten im folgenden Jahr die Spanier mit Morden und Brennen, Plündern und Verjagen geschaltet; wo nichts zu plündern war, verbrannten sie draußen im Lande alles Gewächs bis auf die Stoppeln[634].

So hatte Luthers Witwe großen Schaden erlitten im Krieg. Wenn Jonas den seinigen bei den zwei Fluchten auf 400 fl. schätzt, so muß derjenige Katharinas bei ihrem ausgedehnten Grundbesitz weit mehr betragen haben. Ihre Gärten und Güter: das Baumstück mit seinen Gebäulichkeiten, das Gut Wachsdorf und das Vorwerk Zulsdorf waren verwüstet, so daß sie auf Jahre hinaus sie „schwer zu versorgen“ wußte, wie Bugenhagen in Briefen an den dänischen König klagt[635].

Und wenn man die vielgeplagte Witwe nur in Frieden gelassen hätte, daß sie ruhig sich ihrer verwüsteten Güter hätte annehmen können. Aber da wurde sie noch von bösen Nachbarn geplagt und von harten Beamten. Ein zänkischer Mensch fing Streit mit ihr an wegen eines Servituts (vielleicht der Nachbar von Zulsdorf auf Kieritzsch). Melanchthon war zu einem Vergleich bereit, aber der Mann forderte eine maßlose Summe und auch Bruder Hans riet vom Vergleich ab. So kam es zum Prozeß, wobei Dr. Stromberg in Leipzig und auch Camerarius, die Freunde Melanchthons, sich der armen Frau annahmen (1548). Dieser Prozeß dauerte aber jahrelang und noch 1550 mußte Frau Katharina mit Melanchthon vor dem Stadthauptmann in Leipzig zur Tagfahrt erscheinen[636].

Da galt es nicht verzagen, sondern mit neuem Mut das Werk angreifen, um sich und ihre Kinder in Ehren durchzubringen. Der Kosttisch wurde wieder eingerichtet, wenn es auch schwer hielt, in diesen wirren Zeiten, wo die Universität zersprengt war und nur mit Mühe sich wieder sammelte, zumal das neue Kursachsen jetzt zwei Hochschulen hatte: Leipzig und Wittenberg, und die Söhne des gefangenen Kurfürsten sich bestrebten, in Jena eine eigene zu errichten und dahin die echten Lutheraner unter den Professoren und Studenten von Wittenberg zu ziehen; erst im August wurde das Wittenberger Kollegienhaus vom Schmutz der Einquartierung gereinigt und neu getüncht[637]. Ferner konnte von großem Verdienst keine Rede sein, wenn bei dem Rektor Crodel in Torgau zwei Schüler in der Woche für Wohnung und Kost, dazu mittags und abends zwei Kannen Bier, nur 14 Groschen zahlten, und Matthesius in Wittenberg, ehe er zu Frau Luther kam, bei Wolf Jan von Rochlitz „einen sehr guten trocknen Tisch um 5 Silbergroschen“ hatte „neben alten gelehrten, ehrlichen (ehrbaren), guten Tafelbrüdern“. Als solcher Tischgenosse wird genannt: Johann Stromer, der fünf Jahre bei der Witwe wohnte und aß. Vielleicht war damals unter den Tischgenossen Käthes auch der Preuße Georg von Kunheim, der am 15. August 1550 in Wittenberg Student wurde und so mit der Lutherischen Familie bekannt und später verwandt wurde[638].

Außer den Stuben wurden auch noch die Säle zu Vorlesungen an Docenten vermietet, und so las im Sommer 1551 in Luthers Aula, wo der große Doktor sonst über biblische Bücher vorgetragen hatte, Bartholomäus Lasan über Herodot[639].

Trotz alledem mußte Frau Katharina außer der Verpfändung der Becher noch auf ihr Gütlein Zulsdorf ein Anlehen von 400 fl. aufnehmen bei Dr. Franz Kram und außerdem mußte sie sich entschließen, selbst an den König von Dänemark zu schreiben, als den „einzigen König auf Erden, zu dem wir armen Christen Zuflucht haben mögen und von dem allein erwartet werden konnte, daß den armen christlichen Prädikanten und ihren armen Witwen und Waisen Wohlthaten erzeiget würden.“ Zu diesem Brief war sie gezwungen, nachdem die Schreiben der Freunde Bugenhagen und Melanchthon ohne Erfolg gewesen. So bittet nun am 6. Oktober 1550 „D.M. Luthers nachgelassene Witfrau, nachdem sie und ihre Kinder jetzund weniger Hilfe haben und die Unruhe dieser Zeit viele Beschwerungen bringet“, S.K.M. wolle ihr solche Hilfe gnädiglich auch hinfüro verordnen. Sie will treulich und ernstlich bitten, Gott möge Sr.K.M. Wohlthaten, die er den armen evangelischen Pfarrherren und ihren Familien erzeigt, vergelten und dafür besondere Gaben und Segen verleihen. „Der allmächtige Gott wolle E.K.M. und E.K.M. Königin und junge Herrschaft gnädiglich bewahren.“

Auch dies eigene Schreiben der Witwe war, scheint es, ohne Erfolg, trotzdem sie den König an ihres „lieben Herrn große Last und Arbeit“ mahnen konnte, die S.K. Maj. ohne Zweifel nicht vergessen habe[640].

Die Zeitläufe waren sehr traurig. Kreuziger starb 1548, und seine Frau wollte fast vergehen; auch Veit Dietrich in Nürnberg schied bald darauf. Andere Freunde waren verzogen oder auch gestorben. Dazu kam die Not der Kirche, welche der Witwe Luthers nahe genug ging: „das Interim“ mit dem „Schalk hinter ihm“ erregte die Evangelischen aufs ärgste. Der neue Landesherr Moriz, bei dessen Anblick sogar die Spanier und Italiener „Schelm! Schelm!“ riefen und den die Protestanten als „Judas“ bezeichneten, hatte kein warmes Herz, weder für die protestantische Sache, noch für die hauptsächlichsten Vertreter derselben, die Universität zu Wittenberg und deren Angehörige. Da gab es trübe Tage in der alten Elbstadt[641].