Die Frau Doktorin war aber auch ein gar fleißiges Weib. Sie hat in ihrem Bereich ebenso gewaltig und unermüdlich geschafft und geschaffen, wie der Doktor in dem seinigen.
Freilich schon morgens um 4 Uhr im Sommer, um 5 Uhr im Winter, oft auch noch früher, stand sie auf, und darum wohl sagte ihr Gatte und ihre Mitbürger: „Käthe von Bora ist der Morgenstern von Wittenberg.“ Und so stand sie an der Arbeit bis abends um 9 Uhr, wo der Doktor unerbittlich zum Schlafengehen drängte. Freilich hatte sie einen kräftigen, leistungsfähigen Körper und war, im Gegensatz zu ihrem viel kränklichen Mann, so gesund, daß fast niemals von einer Erkrankung Meldung geschieht. Es ist nur einmal die Rede davon, daß sie eines Abends schwach wurde und ein Fieber bekam, so daß ihr Gatte in Angst geriet und sagte: „Liebe Käthe, stirb mir ja nicht.“ Ein andermal, da D.M. Luther mit etlichen über Tische redete, ging sie in die Kammer und fiel in Ohnmacht. Aber das war alles vorübergehendes Unwohlsein. Nur eine Krankheit machte sie durch infolge einer Frühgeburt; sonst scheint sie gesund gewesen zu sein bis ins Alter[235].
Doch nicht nur unermüdliche Geschäftigkeit war Käthes Tugend, sondern sie verstand es auch, das Hausregiment zu führen in Küche und Keller, im Brauhaus und Backhaus, in Garten und Feld, in der Kinder- und Gesindestube, als Mutter und Gattin, als Wirtin und Herrin, als „Predigerin, Bräuerin, Gärtnerin und was sie mehr sein kann“, und mit Bezug auf sie, die Hausregentin und „Küchenmeisterin“, schrieb Luther an den Rand seines Hausbuches:
„Der Frauen Augen kochen wohl
Mehr denn Magd, Knecht und Feuer und Kohl“[236].
Freilich Luther selbst war nicht weniger arbeitssam, auch mit körperlicher Beschäftigung; namentlich in den ersten Jahren: er gärtelte gern und viel, grub, säete, pfropfte; er drechselte auch auf seiner eigenen Drehbank. Beides sah gewiß Frau Käthe gern, nicht nur, weil es manchen Tagelohn und Handwerksmann ersparte, sondern weil es auch Luthers Gesundheit zuträglich war. Weniger Gefallen hatte sie an seiner aus der Junggesellenzeit herübergenommenen Neigung, seine Kleider selber zu flicken. Der Doktor that sich auf diese Kunst viel zu gut und dünkte darin sich geschickter, wie die deutschen Schneider, welche keine gutsitzenden Hosen fertig brächten. Da fand Frau Käthe eines Tags zu ihrem nicht geringen Staunen und Verdruß ein Paar Hosen ihres Buben, aus denen ein Stück herausgeschnitten war: und als sie nachfragte, hatte der Herr Gemahl den Flicken zum Ausbessern seiner eigenen Hose verwendet[237]! —
Es war ein arbeitsseliges Haus, die ehemalige Stätte der Beschaulichkeit. Droben in der Studierstube der große Doktor, der mit emsiger Gewissenhaftigkeit und dem angestammten Fleiß eines Bauernsohnes seine Zeit auskaufte für die geistliche Haushaltung der Kirche; und unten die wirtliche Hausfrau, die in echter deutscher Geschäftigkeit und Treue sich ihrem Hause widmete, dem Gatten und den Kindern, dem Gesinde und den Freunden, und deren Stolz und Ruhm es war, alles zu können und alles zu thun.
So waltete Frau Käthe in ihrer „Wirtschaft“.
9. Kapitel
„Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Käthe.“
Ein Grundbesitz, wie ihn das Lutherische Ehepaar am Ende aufwies, zeugte von nicht geringer Vermöglichkeit. Woher und wie war nun dieses Vermögen zusammengekommen?