Gleich im zweiten Jahre ihres Ehestandes hatte die Doktorin schwere
Zeiten durchzumachen[272].
Frau Käthe wurde durch einen heftigen Krankheitsanfall ihres Gemahls erschreckt, wie sie es in dieser Heftigkeit noch nicht an ihm erlebt hatte, wiewohl er schon mehrmals Schwindelanfälle erfahren. Eine entsetzliche Angst und Beklemmung ging dem Anfall voraus. Samstags 6. August morgens fühlte er am linken Ohr und Backen ein ungestümes Sausen und Brausen wie Windsbraut und Meeresbrandung, so gräßlich und unerträglich, daß er es nur einer satanischen Einwirkung zuschreiben konnte. Es ging gottlob rasch vorüber. Aber er fürchtete, dies sei vielleicht der Vorbote eines noch schwereren, tödlichen Anfalls, darum schickte er um 8 Uhr seinen Diener Wolf zu seinem Beichtvater Bugenhagen, dieser möge eilend kommen. Bugenhagen eilte erschrocken ins Kloster, fand aber da den Doktor in „gewöhnlicher Gestalt“ bei seiner Hausfrau stehen. Warum er ihn habe rufen lassen? „Um keiner bösen Sache willen“, erwiderte Luther, ging mit ihm hierauf abseits, beichtete und begehrte für den folgenden Tag zum Abendmahl zu gehen.
Mittlerweile war es schier Zeit geworden zum Mittagsmahl (d.h. um 10 Uhr). Und weil Luther und Bugenhagen von etlichen Adeligen, Max von Wallefels, Hans von Löser u.a. zu Gaste geladen war, forderte ihn Bugenhagen auf, mitzukommen, indem er hoffte, die Zerstreuung sollte ihm gut thun, wenn er nicht einsam daheim sitze, sondern mit Menschen verkehre. Luther schlug es ab. Aber Bugenhagen steckte es hinter Frau Käthe, und diese brachte Luther dazu, hinzugehn in Paul Schultheiß' Gasthof. Dort aß und trank er, aber sehr wenig, und unterhielt die Gäste mit angemessener Fröhlichkeit. Um zwölf Uhr stand er auf und ging in D. Jonas Gärtlein hinter dem Hause und unterhielt sich da zwei Stunden mit dem Stiftspropst. Beim Weggehen lud er Jonas und seine Frau ein, sie sollten auf den Abend mit ihm essen.
Recht angegriffen kehrte Luther zurück ins Kloster und legte sich ins Bett, um sich zu erholen. Als um 5 Uhr die Jonischen kamen, lag er noch und die Frau Doktorin bat die Gäste, sich die Weile nicht lang sein zu lassen, und so sich's ein wenig verzöge, es seiner Schwachheit zuzurechnen.
Nach einer Weile kam der Doktor herunter, um die Abendmahlzeit gemeinsam mit den andern zu halten. Er klagte wieder über großes unangenehmes Brausen und Klingen des linken Ohrs. Das wurde über Tisch heftiger, er mußte aufstehen und zog sich, begleitet von Jonas, hinauf in seine Schlafkammer zurück; die Doktorin folgte, hatte aber noch unten an der Treppe den Mägden zu befehlen. Da, als Luther gerade über die Schwelle der Schlafkammer trat, überkam ihn plötzlich eine Ohnmacht: „O Herr Doktor Jona“, rief der Kranke, „mir wird übel; Wasser her, oder was Ihr habt, oder ich vergehe.“ Er sank leblos hin. Jonas erwischte erschrocken und behend einen Topf mit kaltem Wasser und goß es dem Ohnmächtigen über Kopf und Rücken. Er kam wieder zu sich und fing an zu beten.
Indem kommt auch die Doktorin hinauf; da sie nun sah, daß er so hinfällig und schier tot war, entsetzte sie sich sehr und rief laut den Mägden. Dann schickte sie zum Hausarzt Dr. Augustin Schurf und zu dem Hausfreund Bugenhagen. Mittlerweile zogen sie dem Kranken die Kleider aus und legten ihn auf den Rücken. Er war sehr matt und völlig kraftlos. Frau Käthe und Jonas rieben und kühlten ihn, gaben ihm Labsal und thaten, was sie konnten, bis der Arzt kam.
Da der Doktor so eiskalt und leblos war, so verordnete Schurf dem Kranken warme Tücher, Kleider und Kissen, die man immer über dem Kohlenfeuer wärmte, aufzulegen auf Brust und Füße, ließ auch seinen Leib reiben, tröstete ihn auch und hieß ihn hoffen, es würde, ob Gott will, auf diesmal keine Not haben. Dann kam auch um 6 Uhr Dr. Pommer, und die Freunde mahnten den Patienten, er solle mit ihnen dafür beten, daß er möge leben bleiben, ihnen und vielen zum Trost. Da antwortete er: „Zwar für meine Person wäre Sterben mein Gewinn; aber im Fleische länger leben, wäre nötig um vieler willen. Lieber Gott, Dein Wille geschehe.“
Da aber die Ohnmacht wieder zunahm, betete er wieder um Erbarmen. Dann sagte er zu seiner Hausfrau: „Meine allerliebste Käthe, ich bitte Dich, will mich unser lieber Gott auf diesmal zu sich nehmen, daß Du Dich in seinen gnädigen Willen ergebest. Du bist mein ehrlich Weib, dafür sollst Du Dich gewiß halten und gar keinen Zweifel daran haben. Laß die blinde, gottlose Welt darüber sagen, was sie will; richte Du Dich nach Gottes Wort und halte fest daran, so hast Du einen gewissen beständigen Trost wider den Teufel und all seine Lästermäuler.“
Dann fragte er nach seinem Söhnlein: „Wo ist denn mein allerliebstes Hänsichen?“ Da das Kind gebracht wurde, lachte es den Vater an. Da sprach er: „O Du gutes armes Kindlein! Nun ich befehle meine allerliebste Käthe und Dich armes Waislein meinem lieben, frommen, treuen Gott. Ihr habt nichts, Gott aber, der ein Vater der Waisen und Richter der Witwen ist, wird Euch wohl ernähren und versorgen.“
Darauf redete er weiter mit seiner Hausfrau von den silbernen Bechern: „Die ausgenommen weißt Du, daß wir sonst nichts haben.“ Ueber dieser und andern Reden ihres Herrn war die Doktorin hoch erschrocken und betrübt. Doch ließ sie sich nicht merken, wie groß Leid ihr geschah, daß sie ihren lieben Herrn dergestalt so jämmerlich da vor Augen liegen sah, sondern sie stellte sich getrost und sprach: „Mein liebster Herr Doktor! Ist's Gottes Wille, so will ich Euch bei unserm lieben Herrn Gott lieber denn bei mir wissen. Aber es ist nicht allein um mich und mein liebes Kind zu thun, sondern um viel frommer, christlicher Leute, die Euer noch bedürfen. Wollet Euch, mein allerliebster Herr, nicht bekümmern; ich befehle Euch seinem göttlichen Willen, ich hoff und trau zu Gott, er werde Euch gnädiglich erhalten.“