Bald fühlte der Kranke Besserung, die Schwäche ließ nach und der Doktor meinte, wenn der Patient nur schwitzen könnte, so sollte es durch Gottes Gnade für diesmal keine Not mehr mit ihm haben.

Da gingen die drei Männer, um ihm Ruhe zu gönnen, hinab in den Saal zur Abendmahlzeit und hießen die Frauen stille sein. Der Patient geriet wirklich in Schweiß. Der Arzt sah später wieder nach dem Kranken und erklärte die Gefahr vorbei. Dann kamen auch die Freunde, begrüßten den Genesenden, wünschten ihm „Selige Nacht“ und gingen nach Hause.

Zwar dauerte das Ohrenbrausen am Sonntag noch fort; am Abend aber konnte der Doktor aufstehen und mit den Freunden das Abendmahl halten. Das körperliche Leiden war so bald gehoben; aber die „geistige Anfechtung“, wie Luther sagt, warf ihn noch eine ganze Woche in „Tod und Hölle“ umher, so daß er zerschlagen an allen Gliedern bebte.

Kaum war dieser Schrecken vorbei, so nahte eine neue und viel längere Heimsuchung: die Pest, die damals ganz Deutschland durchzog, kam auch nach Wittenberg. Alles was konnte, floh aus der Stadt; die Universität wurde nach Jena verlegt; Luther aber blieb zurück als Mann, Seelsorger und Lehrer und seine treue Gattin mit ihm. Er war immer des Glaubens, die Angst sei die schlimmste Seuche, die Hälfte der Leute stürben an Furcht davor, nicht an der Pest selbst. Er hielt es für einen „Spuk des Teufels“, dem er trotzen müsse, während der Böse sich freue, die Menschen so zu ängstigen und die Universität zu sprengen, die er nicht umsonst so hasse. Er bleibe gerade wegen der ungeheuren Angst des Volkes. Er ging ohne Scheu zu den Pestkranken: die Frau des Bürgermeisters Thilo Dene starb fast in seinen Armen; und andere Pestverdächtige nahm er in sein Haus. Dagegen war, scheint's aus Furcht vor der Pest, Elsa von Kanitz, welche in Wittenberg Mädchenlehrerin werden und bei Luther wohnen sollte, nicht aufgezogen; an ihrer Statt aber wohnte nun Fräulein Magdalene von Mochau im Klosterhause[273].

Die Seuche brach in den Winkeln aus, kam aber bald ans Elsterthor-Viertel, wo der Pestkirchhof lag[274]; zuerst wurde die Umgebung angesteckt, so das Haus des nächsten Nachbarn, des D. Schurf und endlich auch das Schwarze Kloster. Das wurde jetzt gerade ein Spital, denn Luther nahm die kranke Frau Dr. Schurf, Hanna, herüber. Die von Mochau bekam die wirkliche Pest. Die Frau des Kaplan (Diakonus) Röhrer, eines von Luther hochgeschätzen Amtsgenossen, starb (am 2. Nov.) daran bei ihrer Entbindung samt dem Kinde. Und Bugenhagen flüchtete deshalb mit seiner Familie aus dem Pfarrhaus in das Schwarze Kloster. Zwei Pflegetöchter von Käthe erkrankten und auch der kleine Hans war vom Zahnen so mitgenommen, daß er mehrere Wochen nichts aß und allein mit Flüssigkeit ernährt wurde, so daß er nur sehr langsam wieder zu Kräften kam. Dazu war Luther selbst noch immer eine lange Zeit (Juli bis November) vom Unwohlsein geplagt, besonders mit Blutandrang nach dem Kopf und infolge dessen von Schwermut, oder wie er sagte, vom Satan angefochten und sehr entkräftet. Schließlich kam die Krankheit noch in die Ställe und es fielen fünf Schweine. Die Bauern brachten der Stadt keine Zufuhr, so daß eine Teurung entstand und der Scheffel Mehl 5 Groschen galt, eine Gans 2 Groschen[275].

Nur Käthe hielt sich aufrecht in alt dieser Not, „tapfer im Glauben und gesund am Körper“, und doch war sie ihrer Entbindung nahe. Sie pflegte Mann und Kind, Nichten und Gäste. Den Diakonus Röhrer mit seinem Knäblein Paul, welches nach der Mutter schrie, nahm Käthe auch noch auf, und Luther lud noch Jonas dringend zum Besuch ein, als es ein wenig besser ging. Die von Mochau wurde in dem gewöhnlichem Winterzimmer (Wohnzimmer) eingeschlossen, Frau Hanna war in Katharinas Kemenate (heizbarem Zimmer), Hänschen im Studierzimmer, der Doktor und die Lutherin weilten in der vorderen großen Aula. Schließlich wurde der „Mochau“ die Beule aufgeschnitten, und nachdem das Gift heraus war, ging es besser. Endlich, Mitte November, wich die Krankheit. Die Eheleute waren froh, daß der böse Geist der Pest nur in die Säue gefahren war und sie mit diesem Opfer sich loskauften. Hänschen war wieder frisch und munter, Hanna genas und die Mochau entrann mit Mühe dem Tode; auch Luthers Zustand und Stimmung wurde besser, namentlich als die Universität allmählich wiederkehrte und er seine gewohnte Lehrtätigkeit wieder beginnen konnte[276].

In dieser Zeit (am 10. Dezember) kam nun Käthe nach schmerzlichen Wochen mit ihrem Töchterchen Elisabeth nieder, gerade als der Gemahl von einer Vorlesung heimkehrte. Die vorausgegangenen Strapazen hatten doch ihre Spuren hinterlassen, und die Mutter war recht angegriffen. Aber schon zu Weihnachten wurde im Lutherhaus Verlobung gefeiert; die Hanna von Sala wurde dem Petrus Eisenberg, einem braven Mann aus guter Familie, Leut-Priester in Halle, anverlobt; schon am Neujahrstag war die Hochzeit, und die kaum vom Wochenbett erstandene Hausfrau hatte schon wieder diese fröhliche Unmuße durchzumachen[277].

Das neue Jahr (1528) war ein gesundes und im ganzen glückliches, Luther und Käthe lebten wieder frisch auf. Sie brachten am 15. Mai wieder eine Verlobung zustande, zwischen dem verwitweten Kaplan D. Georg Röhrer und ihrer Pflegetochter Magdalene von Mochau. Die Hochzeit sollte fröhlich am Tag nach Laurenzi (11. August) gefeiert werden. Aber da kam Leid vor die Freude: am 3. August starb „Elslein“ und von dem lieben Töchterlein, dessen Ankunft die glücklichen Eltern den Freunden in zahlreichen Briefen angekündet hatten, mußten sie jetzt, gar wehmütig und weich gestimmt, wieder ihr Abscheiden in die ewige Heimat melden. „Es war ein großes Herzeleid; denn es starb ein Stück an des Vaters und ein Teil von der Mutter Leibe“[278].

Die durch Tod und Verheiratung in die Hausgenossenschaft gerissenen Lücken wurden bald reichlich ausgefüllt. Im Mai des folgenden Jahres erschien das kleine Lenchen im Schwarzen Kloster. Auf gar wunderbare Weise entkam die Herzogin Ursula von Münsterberg, die Base des Herzogs Georg aus dem Kloster Freiburg samt zwei andern bürgerlichen Klosterjungfrauen, von denen die eine ihr reiches Vermögen im Stiche ließ, um der Armut Christi zu folgen. Die drei flüchteten nach Wittenberg in die Freistätte des Lutherhauses: keinen Kreuzer brachten sie mit, wohl aber den Haß des Herzogs und Verlegenheit für Luthers Landesherrn[279].

Das war im Herbst 1528. Zu Ostern 1529 hatte Frau Käthe wieder eine
Hochzeit auszurichten: dem Pfarrer Bruno Brauer zu Dobin, dessen Braut
natürlich auch schon ein paar Tage vorher sich im Hause aufhielt.
Amsdorf wird dazu eingeladen und wird ersucht, sich nicht mit Eisen und
Schwert, sondern mit Gold und Silber und Ranzen zu umgürten, denn ohne
Geschenk komme er nicht los. Im Sommer verlobten die beiden Ehegatten
den Professor der Medizin Milich mit Susanna von Muschwitz, der
Schwester von Frau D. Schurf[280].