Frau Käthe wußte auch Sagen. So erzählte sie von einem Wasserweib, das in der Mulde im Wasser in einem Loche wie in einer schönen Stube gesessen und hätte ihr das Wasser nichts geschadet; zu der sei eine Wehemutter von einem „Geist“ geführt worden, um ihr beizustehen[392].
Ein andermal wurde bei Tisch erzählt, daß einer in der Stadt die Ehe gebrochen. Da entsetzte sich Frau Käthe und fragte den Herrn Doktor: „Lieber Herr, wie können die Leute nur so böse sein und sich mit solchen Sünden beflecken?!“ Da antwortete er: „Ja, liebe Käthe, die Leute beten nicht; so ist dann der Teufel bei der Hand.“[393]
Einmal fing der Doktor mit seiner Käthe eine Disputation an über ihre Heiligkeit. Sie erwies sich da als eine tüchtige, in lutherischen Gedankengängen geübte Theologin, wurde natürlich aber von dem Sieggewaltigen doch widerlegt und überwunden. Er fragte sie, ob sie glaube, daß sie heilig wäre? Sie dachte lange nach, dann erwiderte sie: „Wie kann ich heilig sein, da ich eine so große Sünderin bin! So sehr hat der Papst unser ganzes Wesen verdorben, seine Lehre hat unser Innerstes so durchsetzt, daß wir auch mit willigem Ohr Christus nicht als unsern Erlöser, als unsere Gerechtigkeit und Heiligkeit erkennen und wunderbarer Weise glauben, getauft, ja Christen zu sein und doch nicht glauben, heilig zu sein. Denn in der Taufe wird unsre Sünde verbannt und uns Christi Gerechtigkeit geschenkt und wir glauben doch nicht, heilig geworden zu sein. Soweit wir Menschen, sind wir Sünder, aber weil wir getauft sind und glauben, so sind wir heilig durch Christum.“
Luther entgegnete: „Ja, der ganze Christ ist heilig; denn wenn der Teufel den Sünder wegführt, wo bleibt der Christ? Daher ist die Unterscheidung meiner Gattin nicht gültig. Denn wer durch festen Glauben an seiner Taufe hängt, der ist ganz heilig (wie David sich heilig nennt). Die Papisten, welche den Artikel von der Sündenvergebung nicht verstehen, können diese Heiligkeit nicht glauben noch einsehen, ärgern sich nur, wenn sie solches von uns hören.“[394]
Die Ritter vom Geiste waren zu jener Zeit ganz besonders kampfesfreudig und die Fehden des Wortes wollten kein Ende nehmen. Insbesondere aber waren an Luthers Tische die wissenshungrigen Magister auf diese interessanten Privatissima erpicht und vor allem suchten die Tagebuchschreiber, die auf jedes Wort vom Munde des Geistgewaltigen lauerten, um es gedruckt in die Welt zu senden, diese Gespräche zu verlängern. Natürlich hatte Frau Käthe viel weniger Freude an diesen theologischen Turnieren; ihr lebhafter Geist, wie derjenige von Jonas, mochte langen Erörterungen nicht folgen. Sie unterbrach daher gar oft die gelehrten Gespräche, indem sie den geistlichen Fechtern ganz gewöhnliche Knüppel zwischen die Schwerter warf, vor allem ihrem Gatten, der nicht leicht aufhören konnte, wenn er einmal im Zuge war[395].
Wenn des Redens bei Tisch zu viel wurde und dabei die Speisen kalt und warm der Trank, da brach Frau Käthe mit einer Strafpredigt los über den Text: „Was ist denn, daß ihr ohne Unterbrechung redet und nicht eßt?“ Ueber diese Störung war der Tischredenschreiber Cordatus entrüstet, er hatte gerade eine gar schöne Auseinandersetzung Luthers über das Vaterunser, den „Himmelsknecht Gabriel und den Himmelsfuhrmann Raphael“, die er „aus vollem glühenden Herzen“ that, heimlich aufgeschrieben. Aber Luther wandte die Sache zum Scherz und sagte: „Wenn nur ihr Frauen, bevor ihr eine Predigt anfanget, auch beten könntet (d.h. euch sammeln und besinnen); ein Paternoster solltet ihr zuvor sprechen!“ [396]
Aber auch Frau Käthe stellte in der Rede ihren Mann. Ueber diese weibliche Wohlredenheit wurde sie öfter aufgezogen von Luther. Er fragte sie lachend: ob sie predigen wolle und ihrer Predigt so viel Worte Betens (als Einleitung) vorausschicke? Oder er neckte sie: die Weiber dürften nicht predigen, weil sie nicht beteten vor der Predigt; oder: Gott lasse, durch ihr langes Gebet ermüdet, sie gar nicht zum Predigen kommen. Einst saß ein gelehrter „Engeleser“ (Engländer) am Tische, der kein Wort Deutsch konnte; da sagte Luther zu ihm: „Ich will Euch meine Frau zum Lehrer in der deutschen Sprache vorschlagen, die ist gar beredt. Sie kann's so fertig, daß sie mich weit überwindet.“[397] Freilich setzte er hinzu: „Die Beredsamkeit ist nicht zu loben an Frauen; es ziemt sich eher, daß sie bloß lispeln und stammeln. Das steht ihnen wohl besser an.“ Und vom Unterschied der weiblichen und männlichen Beredsamkeit sagt er in einem andern Tischgespräch: „Die Weiber sind von Natur beredt und können die Rethoricam, die Redekunst wohl, welche doch die Männer mit großem Fleiß lernen und überkommen müssen. Das aber ist wahr: in häuslichen Sachen, was das Hausregiment, da sind die Weiber geschickter und beredter; aber im weltlichen, politischen Regiment und Händeln taugen sie nichts. Dazu sind die Männer geschaffen und geordnet von Gott und nicht die Weiber. Denn wiewohl sie Worte genug haben, so fehlet und mangelt's ihnen an Sachen, als die sie nicht verstehen; drum reden sie davon auch läppisch, unordentlich und wüste über die Maßen. Daraus erscheint, daß das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann aber zur Policei (Politik), weltlichem Regiment, zu Kriegen und Gerichtshändeln, die zu verwalten und führen.“[398]
So kam Frau Käthe bei den Gesprächen der Männer wohl weniger zum Wort, als sie verdient hätte; und noch weniger fand man bemerkenswert, was sie sagte. Es ist schade, daß die „Tischreden“ so wenig von der Doctorissa berichten. Aber den Tagebuchschreibern kam es vor allem auf theologische Erörterungen an — darum ist auch die einzige längere Rede von Käthe, die sie der Aufzeichnung wert erachtet haben, eine theologische; zum andern wollten sie des Doktors Reden bringen: die Ergüsse seines übergewaltigen Geistes schienen ihnen allein der Nachwelt würdig.
13. Kapitel
Hausfreunde.