Die Humanistenzeit hatte ein ausgeprägtes Freundschaftsbedürfnis, welches nur ein Seitenstück findet in der freundesseligen Stimmung unserer klassischen Litteraturperiode im vorigen Jahrhundert. Dieses rege Freundschaftsgefühl äußert sich einerseits in den zahlreichen Besuchsreisen der befreundeten Humanisten, welche in jener Zeit der so beschwerlichen Reisegelegenheiten doppelt auffallen, und dann in dem heute ganz unbegreiflich reichen Briefwechsel, in welchem diese Gelehrten damals mit einander standen. Alle möglichen Dinge teilte man sich brieflich mit, selbst die intimsten persönlichen Erlebnisse und Stimmungen; und wenn man gar nichts zu schreiben hatte, so schrieb man sich auch dieses. „Ich schreibe Dir, um Dir zu schreiben, daß ich nichts zu schreiben habe“, ist kein ungewöhnlicher Briefinhalt dieser Zeit, sogar bei Luther[399].

Den größtmöglichen Freundeskreis zählte aber begreiflicherweise das
Luthersche Ehepaar. Nicht etwa Luther allein, sondern auch Frau Käthe.
Die vielen jungen Leute, die bei ihr Kost und Pflege fanden, die
mancherlei Magister, die als Präzeptoren ihrer und anderer Knaben im
Schwarzen Kloster hausten, die vielen Amtsgenossen und Schüler ihres
Mannes, die zahllosen Gäste, welche freundliche Aufnahme an ihrem Tische
erlebten: sie alte kannten und verehrten neben dem gewaltigen Doktor
auch die weibliche Genossin seiner Freundschaft und Gastlichkeit, Frau
Käthe. Aus den Schülern wurden Amtsgenossen, aus den Tischgenossen
Freunde — ein stets wachsender Haufen. Und Luthers alte Bekannte, welche
Frau Käthe erst durch Briefe oder Besuche kennen lernte, wurden mit der
Zeit auch ihre Freunde, namentlich wenn sie diese Freundschaft durch
Grüße, Glückwünsche und Geschenke warm hielten.

Diese umfangreiche Freundschaft wurde auch lebhaft gepflegt. Da ist kaum ein Brief, den Luther empfängt oder schreibt, in dem nicht auch die Frau Käthe gegrüßt wird oder grüßt, oder Glückwünsche und Beileidsbezeugungen zu allerlei Familienereignisse und Glückwechsel empfängt und sendet.

Gar oft begnügt sich aber Frau Käthe nicht mit einem bloßen Wortgruß, sie fügt auch in ihrer praktischen Weise einen guten Rat bei, eine Mahnung, oder ein Rezept, eine Arzenei, eine Wurzel gut fürs Steinleiden u. dgl.

Noch viel häufiger aber hat Frau Käthe zu danken für allerhand Geschenke. Und nicht zum wenigsten nützt die wirtliche Hausfrau die Freundschaften aus zu allerlei hauswirtschaftlichen Aufträgen. Dies ging bei Lauterbach sogar soweit, daß Luther selber einmal bei einer solchen Bestellung meint, sie hätte den Freund förmlich in Dienst und Beschlag genommen[400].

Wie begreiflich, waren die Hausfreunde in einem so ausnehmend theologischen Hause auch fast lauter Theologen. Weltlich waren nur die Verwandten: Geschwister, Schwäger und Schwägerinnen, einige vornehme Gevattersleute, wie die Kanzler Müller und Rühel in Mansfeld, die Goritz in Leipzig, Hans von Riedtesel und Hans von Taubenheim, der Landrentmeister in Torgau, an welchen Frau Käthe in die Ferne freundliche und ehrerbietige Grüße, Glückwünsche oder Einladungen sendet oder gar selbst einmal zu einem Brief — natürlich einem Geschäftsbrief — sich aufschwingt. Auch der Straßburger Syndikus Gerbel läßt Frau Käthe tausendmal grüßen. Der Stadtschreiber Roth von Zwickau läßt ein Exemplar seiner Postille für die Doktorin binden und schenken und sendet ein Glas, das „fein ganz“ ankommt. Endlich war noch eine liebenswürdige Adelsfamilie Jörger von Tollet im Oesterreichischen, eine Mutter mit mehreren Söhnen, welcher Luther einen evangelischen Hauskaplan besorgt hatte (1525) und allerlei seelsorgerliche Ratschläge gab, die sich nun dankbar erwies in zahlreichen und teuren Geschenken: „ungarische Gulden“, „Kütten-Latwerg“ und andere „treue und teure Gaben“; auch ein Stipendium sandte sie von 500 Goldgulden für arme Gesellen, die in der heiligen Schrift studieren. Später studierte auch ein Enkel der Jörgerin in Wittenberg. Mit dieser „ehrenreichen, edlen Frauen Dorothea Jörgerin, als besonders guten Freundin“, wurden gar zahlreiche und freundliche Briefe gewechselt, worin auch Luthers „Hausehre Frau Käthe“ oft zum Gruße kommt[401].

Mit dem evangelischen Bischof von Naumburg, Nikolaus v. Amsdorf, wechselte Frau Käthe ehrerbietige Grüße, namentlich seitdem sie durch den Besitz von Zulsdorf die Nachbarin des gnädigen Herrn Bischofs geworden (1542); sogar mit einem Besuch „droht“ sie auf „künftigen Sommer“. Sonst hatte man freilich mit dem ehelosen und hochgestellten Mann weniger intime Beziehungen. Doch besorgte er auch einmal für 7 fl. Butter und Stockfisch ins Lutherhaus[402].

Mit dem kleinen M. Joh. Agrikola, dem Pfarrer von Eisleben und seiner Else, stand die Luthersche Familie gleich von Anfang an in lebhaftem Verkehr. „Sie konnte ihn auch sehr wohl leiden.“ Er hatte schon 1523 zu dem Kreise der jungen Nürnberger gehört, welche über die Verlobung Baumgartens mit Käthe sich aussprachen und steht auch jetzt noch in regem Briefwechsel mit Wittenberg[403]. Da giebt's Grüße an Weib und Kinder, hinüber und herüber; auch ein Pelzrock wird dorther besorgt, der Frau Käthe nur zu teuer ausfällt, und Elsbeeren oder kleine Mispelchen werden bestellt, nach denen Frau Käthe eben Gelüste bekommt. 1529 wird Agrikola nach Wittenberg geladen. 1530 sendet er vom Augsburger Reichstag über Koburg einen scherzhaften Brief zur Besorgung an Frau Käthe, über den ihm Luther schreibt: „Ich errate leicht, was sie Dir antworten wird. Wenn sie den Brief gelesen hat, wird sie lachen und sagen: Ei, wie ist M. Eisleben doch ein Grundschalk!“[404] Luther nahm sich Agrikolas an, als es dem beweglichen und ehrgeizigen Mann nicht mehr in Eisleben gefiel. Und als er 1536 seine Stelle kündigte und in Wittenberg nicht gleich eine bequeme Wohnung fand, so öffnete sich ihm das Klosterhaus und Agrikola zog ein mit Weib und Kind. Als dann Luther zu Anfang 1537 nach Schmalkalden zog, vertraute er Agrikola nicht nur „Lehre, Predigtstuhl und Kirche an“, sondern auch „Weib, Kind, Haus und Heimlichkeit“[405]. Als aber Agrikola ein „Antinomist“ (Bestreiter der Giltigkeit des Gesetzes für die Christen) wurde, da entbrannte Luthers Zorn wider ihn und er entzog ihm die vorher gewährte Erlaubnis, in Wittenberg Vorlesungen zu halten. Agrikolas Frau, zu welcher Luther ganz väterlich stand, so daß er sie mit Du anredet, that zwar vor dem Doktor einen Fußfall und dieser nahm ihren Mann wieder zu Gnaden an (1538); aber Agrikola entzog sich dem Einfluß Luthers, ging nach Berlin und die Freundschaft mit dem „Meister Grickel“ hörte natürlich auch für Frau Käthe auf, ohne wieder angeknüpft zu werden. Als später einmal (1545) Agrikola mit Weib und Tochter nach Wittenberg kam, durften bloß die beiden Frauen ins Klosterhaus kommen; aber das Töchterlein fanden die Lutherischen eitel und vorlaut wie ihren Vater[406].

Mit dem Pfarrer Jakob Probst in Bremen, einem früheren Klostergenossen Luthers, auch einem Gevatter, stand ebenso die Lutherische Familie in früher Verbindung. Familiennachrichten werden ausgiebig mitgeteilt; Käthe und auch das kleine Patchen Margaretel senden regelmäßig Grüße an den fernen Gevatter und danken für Patengulden und andere Geschenke. Ihm empfehlen die Eltern ihre Jüngste zur Versorgung, da Probst sie sich zum Patchen auserlesen. Und „Herr Käthe“ befiehlt ihrem Gatten, noch scherzend anzufragen, ob denn die Nordsee ausgetrocknet sei, seitdem das Evangelium die Erlaubnis zum Fleischessen gebracht habe? Denn niemals habe es in Wittenberg weniger Seefische gegeben, so daß man schon durch die Hungersnot zum Fleischessen gezwungen werde, wo nicht etwa die Fische und das Meer sich vor des Papstes Zorn ängstigten, nachdem man ihn zu Lande verachte. Am 14. Juni 1542 kam Probst, jetzt ein alter Mann, nach Wittenberg, um seinen Vater D. Martinus noch einmal zu sehen. Das war ein gar unerwarteter lieber Besuch und Frau Käthe wird ihm den Aufenthalt recht angenehm gemacht und das Margaretlein den Paten fröhlich begrüßt und ihm mit ihrer hübschen Stimme etwas vorgesungen haben[407].

Weniger im Verkehr war man mit dem früheren Prior des Schwarzen Klosters
Eberhard Brisger, Pfarrer in Altenburg; doch tauschte auch mit ihm
Käthe Grüße aus[408].