Im August 1531 ging Hausmann von dem schwierigen Zwickau weg, hielt sich auch in Wittenberg auf. Von dem nahen Dessau aus war noch ein viel regerer Verkehr möglich. Das erste Zeichen war ein Wildschwein, das von der Residenz kam und zum Martinstag von den Freunden des Lutherhauses verspeist wurde. Als er krank wird, bekümmert sich „Herr Käthe“ in gar „stattlichem stetem Gedanken um den Freund“. Ja, da dieser so oft kränklich ist, will Luther ihn gar zu sich nehmen, damit er der Stille und Ruhe genieße. 1538 kam aber Nikolaus Hausmann als Superintendent nach Freiberg, wo sein Bruder Valentin lebte. Hier traf ihn bei seiner Antrittspredigt am 3. November auf der Kanzel der Schlag. Die Freunde und die Hausfrau verheimlichten Luther den Tod seines lieben Genossen und brachten ihm die Nachricht erst allmählich bei — er aber saß einen ganzen Tag und weinte, und auch Frau Käthe wird dem Getreuen ihre Thränen nachgeweint haben[425].

Der frühere Tischgenosse Schlaginhaufen war im Jahre 1532 nach Zahna, nur zwei Stunden von Wittenberg, als Pfarrer gesetzt worden, wo er mit dem Lutherhause in enger Verbindung blieb, und z.B. einmal die von Luther so geliebten Mispeln schickte. Aber in dem ärmlichen und der Gesundheit des schwachbrüstigen Mannes wenig zuträglichen Orte hielt er es nur ein Jahr aus. Er wurde dann Pfarrer in Köthen und reformierte dies Ländchen. Dahin grüßt auch Frau Käthe. Er reiste mit nach Schmalkalden, begleitete den erkrankten Luther zurück bis Tambach, lief dann mit der Kunde von dessen Besserung nach Schmalkalden und rief zu den Fenstern an der Herberge des Legaten hinauf: Lutherus vivit! Lutherus vivit! (Luther lebt! Luther lebt!)[426].

Mit dem Pfarrhaus von Leisnig standen Luther und seine Käthe in regem Verkehr. Sie senden in zahlreichen Briefen Grüße an ihre ehemaligen Tischgenossen M. Lauterbach und seine Hagnes oder Nise (Agnese) und Elslein („Lamm“ und „Lämmlein“); sie geben ihm allerlei zu besorgen, so Frau Käthe einen Katechismus an eine arme ehemalige Nonne, Christina v. Honsberg, jetzt Gattin von Georg Schmid. Der Bischof von Meißen hatte sich gegen Lauterbach gesträubt, weil er nicht geweiht wäre; da sagte Lauterbach zu dem bischöflichen Amtmann: „Ich bin genug geweiht durch mein Weib (denn sie war eine Nonne) und Mann und Weib ist ein Leib“[427]. Da der andre Pfarrer in Leisnig sich nicht mit Lauterbach vertrug, so verzog dieser als Diakonus nach Wittenberg, wo er von 1536-39 lebte, um dann als Superintendent nach Pirna ins evangelisch gewordene Herzogtum Sachsen zu kommen. Zu Wittenberg als Amtsgenosse Luthers verkehrte er viel im Klosterhaus; auch seine Frau war öfter da und gab einmal auf eine theologische Frage eine gar feine Antwort. Es war an sie dieselbe Frage gerichtet, wie an Frau Käthe, ob sie heilig wäre; da sagte sie, sie wäre heilig, so viel sie glaubte; wäre aber eine Sünderin, sofern sie ein Mensch wäre. Von Pirna hat Lauterbach die Steinmetzarbeit an der Hausthür für Frau Käthe besorgt, weiterhin Rebpfähle, mehrmals Pelzröcke für die Töchter, auch Butter und Aepfel, Borsdorfer und andere, „rötliche“, von welchen sich dann Frau Käthe auch Zweige zur Veredlung bestellt[428].

Georg Spalatin war bald nach Luthers Vermählung aus dem Hofdienst getreten, hatte sich verheiratet und war neben M. Eberhard Brisger Oberpfarrer von Altenburg geworden. Weil diese Stadt ziemlich weit ablag, so kam der alte Freund Luthers nur bei besonderen Veranlassungen amtlicher Art nach Wittenberg; auch Luther konnte, so sehr er voll Sehnsucht nach des Freundes Umgang war, schwer nach Altenburg kommen, nicht einmal zur Hochzeit Spalatins, weil er eben die Flucht der 13 Nonnen aus Freiberg veranstaltet hatte. Um so häufiger aber sandten sich die Freunde Briefe und Boten und teilten sich die häuslichen Vorkommnisse mit und Frau Käthe drängt dabei ihren Mann zum Schreiben. „Meine Rippe“ oder „mein Herr Käthe“ senden an Spalatin und „seine Rippe“ oder „Kette“ (sie hieß auch Katharina), seine „Hindin“ und ihre Kleinen Grüße und Glückwünsche, wünscht ihm auch ein kleines „Spalatinlein, das ihn lehre, was sie sich rühmt von ihrem Hänslein gelernt zu haben, nämlich die Frucht und Freude des Ehestandes, deren der Papst mit seiner Welt nicht wert ist“[429]. Den in Schmalkalden schwer erkrankten Luther ließ Frau Käthe ins Altenburger Pfarrhaus bringen und bleibt dort mehrere Tage. Voller Dankbarkeit und Anerkennung ist sie für die „freundliche Liebenswürdigkeit und liebenswürdige Freundlichkeit“, die sie mit ihrem Gatten im Hause des feinen Mannes erfahren. Sie ist unglücklich, daß sie in der Aufregung den Töchtern Spalatins nichts mitgebracht und sendet ihnen schön gebundene Büchlein, ihr gewöhnliches Geschenk[430]. Nochmals nimmt sie die Liebenswürdigkeit des Altenburger Pfarrherrn in Anspruch, als sie ihre Bauten in Zulsdorf ausführt. Weil Spalatin gerade um diese Zeit nach Wittenberg kam, so giebt sie ihm allerlei Aufträge mit, da Zulsdorf von Wittenberg so weit weg und näher bei Altenburg lag und sie wegen der bestehenden Winterszeit nicht dahin kommen konnte. Da soll er, der ehemalige Hofmann, bei dem Schöffer dafür sorgen, daß sie Eichenstämme und dicke Prügel für Bauten bekomme in ihrem neuen Reich. Da empfiehlt sie ihre Fuhrleute und Handwerker der Fürsorge Spalatins. Und dieser interessiert sich für ihre Zulsdorfer Unternehmungen so sehr, daß ihm Luther ausführlich über all die Mißgeschicke schreiben muß, welche seine Frau mit den sächsischen „Harpyen“ hat, welche ihr Bauholz wegstibitzen. Dafür schickt die arzneikundige Doktorin dem Herrn Oberpfarrer auch eine Wurzel gegen den Stein, die sich bei Luther recht wirksam gezeigt hatten.[431]

Ein Freund der Familie Luther war auch ihr Gevatter Hans von Taubenheim. An ihn wendet Käthe sich vertraulich mit wirtschaftlichen Anliegen. Aber sie nimmt auch Teil an seinem Schicksal, als er 1539, scheint's, in Ungnade fiel. Luther muß ihm schreiben: „Meine Käthe läßt Euch herzlich grüßen und weinet bitterlich über Euren Unfall und sagt: wenn Euch Gott nicht so lieb hätte, oder wäret ein Papist, so würd er Euch solch Unglück nicht geschehen lassen.“[432]

Alle diese Freunde des Lutherhauses lebten auswärts und waren nur besuchsweise oder doch vorübergehend in Wittenberg. Die befreundeten Familien in der Stadt selbst waren die der Amtsgenossen Luthers: die Professoren Kreuziger, Jonas und Melanchthon und die Pfarrer Bugenhagen und Röhrer, weniger bedeutend der andere Schloßprediger D. Georg Major, der Professor des Hebräischen Matthäus Aurogallus (Goldhahn), Melanchthons Busenfreund Paul Eber, D. Hier. Schurf, endlich sein Bruder, der Hausarzt und Nachbar, Professor Augustin Schurf, dessen Weib Hanna von Frau Käthe in der Pestzeit ins Haus genommen und gepflegt wurde. Sie alle waren vielfach Gäste in Luthers Haus, namentlich bei der Bibel-Uebersetzung. In ihrem Kreise ließ sich Luther mehr gehen, als an der Tafelrunde der Tischgenossen, mit „fröhlicher Laune und witzigem Scherzwort“[433].

Kreuziger, Dr. der heiligen Schrift, Luthers treuer Freund und „Fürbund“, den er (seit 1528) zu seinem „Elisa“, seinem Nachfolger in der Theologie erlesen hatte, der auch Luthers Testament unterschrieben hat, war — ausnahmsweise — ein wohlhabender Theologe[434]. Für ihn besorgte Frau Käthe Aufträge und seine Frau Elisabeth, eine gewesene Nonne aus Pommern, bringt ihr ein goldenes Meßgeschenk, wofür Luther an Kreuzigers Frau ein gleiches schickt. Diese, Elisabeth von Meseritz, war die Dichterin eines Liedes, das Luther in sein Gesangbuch setzen ließ. Es beginnt:

Herr Christ, der Einige Gottes
Vaters in Ewigkeit,
Aus seinem Herz entsprossen
Gleichwie geschrieben steit.
Er ist der Morgenstern,
Sein' Glanz streckt er so fern
Vor andern Sternen dar[435].

Elisabeth starb früh, so daß Kreuziger zur zweiten Ehe schritt (1530); mit der Hochzeit wollte er aber Frau Käthe nicht beschweren und hielt sie auf Schloß Eilenburg ab, das ihm der Kurfürst auf Luthers Bitte dafür zur Verfügung stellte. Dagegen ist er eingeladen bei Luthers Geburtstagsschmaus[436].

Bugenhagen oder D. Pommer, der stattliche und würdige Propst, Professor und Stadtpfarrer und geborene General-Superintendent (1536)[437], war mit seiner pommerschen Gelassenheit ein gar milderndes Element in dem Lutherischen Hause, dessen Beichtvater er war. So hielt er auch neben Luther ruhig in der Pestzeit aus. Trotz seines würdevollen Wesens war er doch „im gemeinen Wandel eines liberalischen, fröhlichen und fertigen Gemüts“. Er stellte sich von Anfang auf Frau Käthes Seite. Er half ihr — nebst dem Kapellan Röhrer — das schöne Glas vor Luthers Geschenkwut retten. Er hielt sich gar viel im Kloster auf; ja er wohnte sogar in Luthers Anfechtungen dort[438]. Luthers Briefe grüßen gar oft in einem Atem: Dr. Pommer und meine Käthe oder meine Käthe und Dr. Pommer. Einmal schreibt er sogar im Hause und Namen Luthers einen Brief an Spalatin, worin „Dominus mea“ („meine Herr“ Käthe) grüßte. Einen Brief Luthers an Frau Käthe sollte in ihrer Abwesenheit Pfarrherr D. Pommer erbrechen und lesen[439]. Umgekehrt hat Frau Käthe auch allerlei an D. Pommer auszurichten, sogar allerlei Theologisches in lateinischen Wendungen von den Argumenten Zwinglis in Marburg und Kirchenpolitisches von Augsburg. „Sage D. Pommer“, heißt es dann in Luthers Briefen an seine Frau[440]. Der behagliche Pommer ergötzte die Freunde gar sehr mit seinen Sprüchen, namentlich in breitem Platt; aber er lachte auch, wenn der „schwäbische“ Pfälzer Melanchthon sich im Plattdeutschen versuchen wollte. Im Dezember 1527 erwartet der Propst im Lutherhause die Niederkunft seiner Frau. Sie und Frau Katharina lagen fast zu gleicher Zeit in den Wochen: Frau Pommer mit einem Knäblein, Frau Käthe mit ihrem Töchterlein Elsbeth. Bald darauf starben ihr zwei Söhne[441]. 1528 wird zu Bugenhagens Reise nach Braunschweig von Luthers „Eva“ im Kloster ein Abschiedsmahl gehalten; er wurde aber auch nach Hamburg „geliehen“, dann nach Lübeck, Pommern und Dänemark, und erzählte dann daheim, nach der Landesart gefragt, zum Ergötzen der „Tafelrunde“, dort tränken die Leute „Oel“ und äßen „Schmeer“ (d.h. Bier und Butter). Bugenhagen war also viel weg von Wittenberg, zur großen Sorge Luthers, der seine Arbeitslast als Stadtpfarrer und Professor noch dazu übernehmen mußte. So hatte auch Frau Käthe gar oft nach dem „Pommerischen Rom“ mit seinen kleinen Weltbürgern in der Superintendur am Kirchenplatz zu sehen[442].