Justus Jonas, „der Rechte Licentiat und Erfurter Kanonikus“ nachher (1521) Professor, D. der Theologie und Propst des Allerheiligenstiftes, nahm im Lutherhause eine ähnliche Stellung ein, wie Bugenhagen. Nur hatte er in seinem Wesen nicht die stoische, gesunde Ruhe des D. Pommer. Er war vielmehr kränklich und etwas erregt, ein lebhafter Sprecher, „unser Demosthenes“, der lieber redete als schrieb; denn er „drohte“ nur Briefe zu schreiben, führte es aber nicht aus, wie Luther scherzt. Die Familie wohnte in der Fischervorstadt, hatte auch Garten und Weinberg. Während der Pest 1527 und wieder 1535 zog Jonas mit Weib und Kind in seine Vaterstadt Nordhausen bezw. nach Jena. Er war bei den Verhandlungen in Augsburg, Marburg, Frankfurt, Schmalkalden u.s.w. viel abwesend von Wittenberg, so daß Luther viele und häufige Briefe an ihn zu schreiben hatte, in denen Frau Käthe mit Grüßen, Aufträgen und Mahnungen und dgl. sich hören läßt. Umgekehrt grüßt auch Jonas die Frau Doktorin, Muhme Lene, Hänschen, Lenchen — und sendet seinem Paten einen silbernen Johannes, d.h. einen Joachimsthaler (Gulden) mit dem Bildnis des Kurfürsten Johann[443]. Jonas hatte sich schon 1522 verheiratet mit Katharina von Falk. Sie hatte eine große Kinderschar (1530 schon 5 Söhne), aber viele starben jung; bekannt sind davon Jost, Christoph, „Sophiela“, „Elisabethula“, auch eine Großmutter lebte im Haus und erhielt von Luther Grüße[444]. Frau Käthe Jonas war eine muntere, heitere Frau. Von ihr meldete im Sommer 1529 der Wittenberger Stadtschreiber Baldunai: „Ich hab' Melanchthon mit der Pröpstin tanzen sehen! Es ist mir wunderlich gewesen.“ Auch Luther richtet an sie gelegentlich einen scherzhaften Brief als der „Ehrbaren, Tugendsamen Frauen Kathrin Dokterschen Jonischen, Propstin zu Wittenberg, meiner günstigen Freundin und lieben Gevatterin“ und schließt: „meine Käthe und Herr zu Zulsdorf grüßet Euch alle freundlich.“[445]
Mit der „Jonischen“ Familie war die Lutherische eng befreundet, namentlich die beiden Käthen waren aufs innigste mit einander verbunden, sie waren stets ein Herz und eine Seele: die lebhafte thatkräftige Lutherin war offenbar recht angezogen von der fröhlichen Natur der Propstin. Aber auch den redegewandten Propst mochte die Frau Doktorin gerne leiden. Nach Augsburg schickt sie in einem Brief an ihren Herrn Martinus ein Billet („Zedula“), worin sie von der Geburt eines Jonischen fünften Sohnes berichtet[446]. Als die Propstfamilie während der Pest mit der Universität auch in Jena weilt, bestellt die „Erzköchin“ bei Jonas für einen Thaler allerhand Geflügel und Wildbret zu einem Doktorschmaus und will ihn mit einem guten Sud von ihrem gesunden und heilsamen Bier nach Wittenberg locken. Dagegen warnt sie ihn, sich von der „Güte des Weins“ bei Spalatin berücken zu lassen, wodurch der Leib so rauch und scharf von Steinen werde, wie die Weinfässer, wenn sie ausgetrunken sind. Mit dem Bier wußte Frau Jonas nicht so wohl Bescheid wie Frau Lutherin; denn dasjenige, das sie Luther einmal schickte, war verdorben. Angenehmer als dieses Geschenk waren der Wein, die Quitten und Aepfel u.a., welche Jonas von seinen Reisen oder aus Halle sandte[447]. Als Frau Käthe zu Anfang des Jahres 1540 schwer erkrankte, da schrieb Jonas manchen betrübten Brief voll aufrichtiger Teilnahme und Sorge. „Wenn mein Brief so trübselig ist, so ist die Trauer schuld um die hochgeschätzte Frau, weil sie so krank darniederliegt.“ Und er freut sich „dann, als ἡ γυνή des Herrn D.M. Luther durch göttliche Wunderkraft wieder gesundet.“ Im Frühjahr 1541 zog Jonas nach Halle, um dort trotz des Bischofs „mit Volk und Rat“ die Reformation durchzuführen[448]. Da sich dieser Aufenthalt, wie es den Anschein bekam, lange hinausziehen sollte, so zog im Herbst die Frau Propstin ihrem Manne nach, während der Sohn Tischgenosse im Lutherhause werden sollte. Sie verabschiedete sich so eifrig und eilig, daß sie sogar vergaß, Briefe von Luther mitzunehmen und dieser samt seiner Frau sie neckte mit ihrer Liebessehnsucht. Leider sollten sie die Freundin nicht mehr sehen. Nicht lange nach ihres lieben Töchterchens Lenchen Tod verlor Frau Käthe auch ihre beste Freundin. Sie starb in Halle um Weihnachten 1542, indem sie „mit gar frommen und heiligen Worten ihren Glauben bezeugte.“ Frau Käthe war ganz weg bei der Trauerkunde[449].
Etwas weniger herzlich scheint das Verhältnis zur Familie Melanchthon gewesen zu sein. Die beiden waren fast Gartennachbarn und wie die Männer, so werden auch die Frauen sich an dem Gartenzaun und in ihren Gärten und Häusern doch vielfach begegnet sein. Die Kinder spielten mit einander, wie aus dem Märchenbrief Luthers ersichtlich ist, und Luther schreibt dem ängstlichen Magister während seiner Abwesenheit genau alle Vorkommnisse unter den Kindern[450]. Aber auffällig ist doch, daß in all' den vielen (3000) Briefen Luthers die Gattin seines Kollegen ausdrücklich niemals erwähnt ist. Frau Käthe Melanchthon war der temperamentvollen Doktorin wie dem Doktor nicht so sympathisch als die Frau Käthe Jonas. Sie fühlte ihren Gemahl und sich nach den Epigrammen des Lemnius, aber auch nach den Andeutungen Kreuzigers überall zurückgesetzt und in den Schatten gestellt durch Luther und die Doktorin. Die wohlhabende Bürgermeisterstochter und das arme Edelfräulein standen sich wohl von Anfang an gegenüber, nochmehr aber, als die fremde Nonne den gewaltigen Doktor, den ersten Mann der Stadt, ja der Welt zum Gemahl bekam. Zur Erklärung der Stimmung von Frau Melanchthon muß wohl auch auf die bestehende Kleiderordnung verwiesen werden, welche derjenigen von 1572 ähnlich gewesen sein wird. Die Doktorsfrauen durften darnach eine guldene unverfütterte Haube tragen, und so ein alt Kleid zu kurz wird, es mit Sammet- und Seidegebräm verlängern — die _Magisters_frauen nicht, und Frau Melanchthon war bloße Magisterin. Ferner durften Doktoren 8 Tische, Magister bloß 6 Tische bei Hochzeiten haben; letztern waren auch Röcke, Barett oder Schläpplin aus Sammet und Seide verboten[451].
Es traten sogar einmal Mißstimmungen Luthers gegen Melanchthon ein, welche sich natürlich auch auf die beiderseitigen Frauen übertrugen.
Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, ein Humanist und Poet, hatte Luthers alten Gegner, den Kardinal-Erzbischof Albrecht, der sich gern als Mäcen aufspielte, als seinen Gönner gefeiert, und bei seiner Hochzeit mit Melanchthons Töchterlein (1536) war der erzbischöfliche Kanzler Türk zu Gast, ja Sabinus lebte eine zeitlang an Albrechts Hofe. Um diese Zeit machten auch andere römische Kirchenfürsten den Versuch, Melanchthon auf ihre Seite zu bringen. Luther zürnte über die „Erasmischen Vermittler“, wenn er auch nicht glaubte, Melanchthon werde ein zweiter Erasmus werden. Die Anhänger Luthers, Cordatus und Schenk, gingen aber schärfer gegen Melanchthon vor und dieser scheute sich in seiner ängstlichen Art vor einer offenen Aussprache mit Luther. Käthe hätte gerne eine freundschaftliche Auseinandersetzung der beiden alten Freunde gewünscht; die „Doktorin“ beklagte die Entfremdung derselben, sprach dies auch gegen Kreuziger und andere Freunde aus, in der Hoffnung, eine Auseinandersetzung herbeizuführen. Aber dem widersetzte sich die „Weibertyrannei“ der Frau Melanchthon[452].
Jetzt kam noch etwas anderes hinzu. 1537 geriet ein gewisser M. Simon Lemchen (Leminus) nach Wittenberg, der war ein Freund und Gesinnungsgenosse des Sabinus, formgewandt, aber auch charakterlos wie dieser. Für diesen Schöngeist verwendete sich Melanchthon um ein Stipendium bei dem Rat von Augsburg, weil er zum Teil in Augsburg erzogen war und diese löbliche Stadt für sein Vaterland hielt. Er bekam auch wirklich eine Unterstützung von 20 fl. Damals kam auch Sabinus nach Wittenberg und verkehrte viel mit seinem Freunde[453].
Zu Pfingsten 1538 nun hat Lemnius, der „ehrlose Bube etliche Epigrammata ausgehen und sogar an den Kirchthüren verkaufen lassen, ein recht Erzschund-, Schmach- und Lügenbuch, wider viel ehrliche Manns- und Weibsbilder, dieser Stadt und Kirchen wohl bekannt.“ Natürlich machte das Büchlein in der kleinen Stadt das peinlichste Aufsehen und erregte häßliche Geschwätze. Melanchthon hatte als Rektor die Zensur über litterarische Erscheinungen von Universitätsangehörigen zu üben. Daher erhob sich gegen ihn der Verdacht, daß er mit Absicht die böse Schrift habe drucken lassen. Aber Luther überzeugte sich bald, daß es „hinter Wissen und Willen derer, so es befahlen ist zu urteilen“, ausgegangen war. Und so beruhigte sich auch die Frau Doktorin bald wieder. Der „Poetaster und Leuteschänder“ Lemnius flüchtete und wurde relegiert, rächte sich aber durch ein unflätiges Schmähgedicht auf Luthers und Käthes Ehe, wie auf andere Professorenfamilien in Wittenberg [454]. Das gute Einvernehmen der beiden Familien stellte sich bald wieder her. Frau Käthe läßt nach wie vor dem abwesenden Magister Philipp ehrerbietig Grüße zusenden und dieser versäumt nicht nach wie vor „Luthers hochverehrte Gemahlin und süße Kinder zu grüßen“. Ja das Verhältnis zu ihm zeigt sich nach diesem Vorkommnis noch viel freundlicher [455]. Sie läßt dem Magister besonders nachdrücklich danken, daß er ihren Doktor nicht mit nach Schmalkalden — schlimmen Angedenkens — mitgenommen hat. Sie versichert ihn ihrer ganz besonders warmen Liebe und Zuneigung. Als Melanchthon wegen der hessischen Ehegeschichte tödlich erschrocken darniederlag, heißt sie ihn tapfer und „fröhlich“ sein und versichert ihn mit ihrem Gatten ihrer aufrichtigen Liebe und verspricht, eifrig und kräftig für ihn zu beten. Nach Worms läßt sie ihm melden, sie siede eben für ihn Wittenbergisch Bier, um ihn und seine Genossen damit zu empfangen. Und M. Philipp läßt sich auch sorglich über ihr Wohlergehen berichten und wäre sehr beunruhigt, wenn er hören müßte, es ginge der Frau Doktorin übel. An Luthers Todestag noch sendet er in ihrem Auftrag nach Eisleben Nachrichten und Arzeneien[456].
Eine gewiß noch rascher vorübergehende Verstimmung trat 1544 ein infolge eines Vorwurfs, den Frau Käthe Melanchthon machte und den der empfindliche Meister Philipp wohl zu schwer nahm; sie sagte nämlich, man glaube, er bevorzuge seine schwäbischen Landsleute vor den Sachsen. Das konnte doch weder so ernst gemeint noch genommen werden, wenn er auch in einem Brief an Freund Jonas die δεσποινα (Herrscherin) darüber verklagt[457].
Den Verkehr dieser Hausfreunde mit Frau Käthe kennzeichnet ein Brief, den dieselben von Augsburg aus 1530 an die Doktorin geschrieben haben; es ist der Ton achtungsvoller Freundlichkeit mit einem Anflug von Lutherschem Humor; zugleich aber ein Beweis, wie geschäftstüchtig Frau Käthe war, daß Melanchthon sogar ökonomische Aufträge ihr gab, statt seiner eigenen Gattin, die er wohl auch für weniger schreibfertig halten mußte, als die Lutherin. Der Brief lautet samt der Adresse so[458]:
„Der ehrbaren tugendsamen Frau Katharina Lutherin Doktorin, meiner besonders günstigen Freundin.