Der Räuber fing das Hähnchen ein, drehte ihm den Hals um und schmiß es der Großmutter vor die Füße.
»Krepier daran!« Und mit diesen Worten ging er.
Draußen beim Kuhstall war ein Höllenlärm: die Kinder spielten wie ausgelassen. Ein Haufen verfolgte den andern. Petka lief mit Geschrei auf die Straße hinaus und wollte auf die andere Seite hinüber. Eine Patrouille, die von der Sucharewka kam und eben an der Chischinschen Fabrik vorüberritt, eröffnete Feuer, um sich den Weg frei zu machen. Petka fiel mit der Nase in den Schnee, griff sich an die Mütze und stand nicht mehr auf.
Man brachte den bereits erstarrten Petka mit zerrissener Brust und durchschossenem Herzen zu Großmutter in den Keller; auch Petkas Mütze mit dem Lacklederschirm brachte man mit.
So war also das Unglück gekommen, von daher! Nun galt es, es hinzunehmen.
Großmutter nahm alles hin. So alt sie auch war, lebte sie doch noch in ihrer Kellerstube weiter und versäumte keinen einzigen Gottesdienst; und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche gab, so ging sie hin und wohnte mit einer Kerze in der Hand der Totenmesse bei. Sie hatte den Teeglasuntersatz mit dem Weintraubenmuster
und die beiden silbernen Löffel ihrem Neffen gegeben; sie hatte es ja für Petka aufbewahrt, und Petka brauchte die Sachen nicht mehr! Der Neffe verschwand mit dem Untersatz und den Löffeln und kam nie mehr zu Großmutter. Und die Truthenne ging ein.
›Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!‹ Petkas Liedchen geht Großmutter oft durch den Kopf; sie denkt oft an ihren Petka, den Petuschok. Und sie erzählt so leise, als ob jemand in der Stube schliefe oder krank wäre und sie ihn mit ihrer Stimme zu wecken fürchtete, von der Truthenne, vom wunderbaren Ei, vom kalikutischen Hähnchen, vom Räuber, und wie sie mit Petka an der Sucharewka eine Barrikade gebaut, und wie man ihren Petka ganz erstarrt, mit zerrissener Brust und durchschossenem Herzen und auch Petkas Mütze mit dem lackledernen Schirm zu ihr in den Keller gebracht hatte.
»Ich ging hin, Väterchen«, erzählte Großmutter leise und immer leiser — »um eine Kerze vor der Muttergottes aller Gekränkten anzuzünden: ich wollte die Kerze vor das Bild stellen, aber die Hand wollte sich nicht heben lassen . . .« Großmutter versuchte, ihre zitternde Hand zu heben, aber die Hand sank immer wieder herab: es war die Kränkung, die unverschuldete, bittere, tödliche Kränkung, die ihre Hand lähmte und ihre Augen mit Bitternis verdunkelte: und die Hand zitterte, sie wollte sich erheben und konnte es nicht, und die blauen blutleeren Adern schwollen
dick an, und die dürren Finger krampften sich fest zusammen: so hatte sie das Lichtlein gehalten, das sie vor der Muttergottes aller Gekränkten, der Muttergottes, die alle unverschuldeten, bitteren, tödlichen Kränkungen hinnimmt, anzünden wollte . . . »Und ich stellte die Kerze hin!« Großmutter schüttelte den Kopf und hob die Hand so leicht, wie die Moskauer Wundertäter: Maxim der Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in Christo ihre Hände hoben; und ihre Hand zitterte nicht mehr. So hielt sie ihr Lichtlein, ihr leuchtendes, unauslöschliches Flämmchen, das in ihrem Herzen den letzten Rest der Kränkung verzehrte, den letzten Rest der unverschuldeten, bitteren, tödlichen Kränkung. Und ihre Augen leuchteten so still und warm: es war der Glaube, der in ihren Augen leuchtete, der feste, unerschütterliche Glaube, der das Lichtlein, das heilige Flämmchen durch jedes Unglück, durch jede Plage, durch alle Not trug, da ihr schon alles genommen war: das kalikutische Hähnchen und Petka, der Petuschok.