Ganz ›Gottessegen‹ rüstete sich zu einem großen Ereignis: gleich nach Weihnachten sollte die Hochzeit der ältesten Tochter Lida, die erst im vorigen Jahre das Institut verlassen hatte, stattfinden. Der Bräutigam war der reiche Großgrundbesitzer Ramejkow.
Die Feier wurde von allen mit großer Spannung erwartet. Man erzählte sich, daß das Hochzeitsmahl besonders üppig sein werde und daß Pjotr Nikolajewitsch beinahe alle Hühner abgeschlachtet habe. ›Gottessegen‹ bekam einen feierlichen Anstrich. Die Gäste kamen schon am frühen Morgen zusammen, und Pjotr Nikolajewitsch, der besonders gut aufgelegt war, sorgte dafür, daß alle sich vor Lachen wälzten. Alexandra Pawlowna hatte alle Vorbereitungen zu treffen
und konnte vor Überanstrengung kaum auf den Beinen stehen.
Endlich war die ganze Familie versammelt: aus Petersburg kam der älteste Sohn Mischa, Student im ersten Semester; aus Kiew die zweite Tochter Sina, die dort in einem Institut erzogen wurde; und aus der Kreisstadt — die Gymnasiastin Sonja. Der feierliche Augenblick rückte heran. Die Hochzeitsfeier fiel, wie jeder zugeben mußte, ungemein lustig aus. Es gab natürlich einige seltsame Zwischenfälle: als Pjotr Nikolajewitsch dem jungen Paar vor der Trauung seinen Segen gab und offenbar die Absicht hatte, dem Segen einige Ermahnungen für die Ehe folgen zu lassen, platzte er, nach einer längeren peinlichen Pause, mit einem einzigen Wort heraus, das man unmöglich wiedergeben kann; der junge Ehemann war dadurch so frappiert, daß es ihn große Mühe kostete, sich von den Knien zu erheben, und alle andern konnten schwer ihr Lachen verbeißen. Während der kirchlichen Trauung flüsterte Pjotr Nikolajewitsch dem Geistlichen P. Iwan zu, daß er letzte Nacht von Eiern, die in einer Grube lagen, geträumt hätte. Der Geistliche kannte natürlich die böse Bedeutung dieses Traumes; er kam ihm aber im Augenblick so ungemein komisch vor, daß er mitten im Gebet in schallendes Gelächter ausbrach. Der Küster, der das Weihwasserfaß hielt, wieherte ganz ungeniert los, und mit ihm lachte das ganze Publikum: es war eher eine Narrensposse als eine Trauung.
Die Neuvermählten reisten gleich nach der Tafel nach Moskau ab, die Festlichkeiten in ›Gottessegen‹ dauerten aber fort. Die Jugend veranstaltete eine Theateraufführung und einen Maskenball. Auf dem Teich wurde eine Schlittschuhbahn und ein Eisberg eingerichtet, und die jungen Leute wetteiferten im Laufen.
Mischa Suchotin galt als hervorragender Schlittschuhläufer. Er war schlank und gelenkig und zeigte im Kunstlauf wahre Wunder. Auch seine Schwester Sonja, ein flinkes, lustiges Mädchen, war ungemein geschickt. Hell klang ihr Lachen in den sternenklaren Januarnächten über die Eisdecke hin. Es war ein Vergnügen zu sehen, wie Bruder und Schwester Arm in Arm den Eisberg hinuntersausten. Sina war anders geartet und hatte mehr Ähnlichkeit mit Lida: sie war wie diese schweigsam und etwas schüchtern, aber nicht temperamentlos.
»Die Kinder sind der Mutter nachgeraten«, sagten alle Onkel und Tanten und alle alten Freunde des Hauses, die Alexandra Pawlowna näher kannten.
Der Dreikönigstag rückte heran. Mischas Kollegen und die Freundinnen seiner Schwester reisten ab. Auch die Suchotinschen Kinder mußten fort, es gefiel ihnen aber auf dem Lande so gut, daß die Abreise immer wieder verschoben wurde.
Am Dreikönigsabend liefen Mischa und Sonja zum letztenmal auf die Eisbahn hinaus. Es war
eine herrliche sternenklare Nacht; die blauen Schneefelder glitzerten in zahllosen Funken, und der starke Frost kniff in die Wangen und ließ das Eis krachen. Mischa und Sonja flogen über die Eisfläche und wollten gar nicht aufhören. Da fiel Mischa plötzlich der ganzen Länge nach hin. Sonja glaubte anfangs, es sei nur ein Scherz von ihm. Es war aber doch nicht so. Man hob ihn auf, trug ihn nach Hause und ließ Ärzte kommen. In drei Stunden war er tot. Der Schmerz war unbeschreiblich.