In Sinas Zustand trat indessen eine Verschlimmerung ein. Die Ärzte konstatierten Typhus. Ganz ›Gottessegen‹ hielt den Atem an und wartete auf die Krisis. Und die Krisis kam. Die Ärzte traten zu einem Konsilium zusammen und erklärten, daß keine Hoffnung mehr da sei.

Bei den Suchotins herrschte eine strenge Hausordnung, an der die Kinder, selbst als sie erwachsen waren und in den Ferien auf Besuch nach Hause kamen, noch immer festhielten: Lida mußte ihrem Vater die Zigaretten stopfen und Sina die Uhr im Eßzimmer aufziehen. Jetzt stopfte der alte Kammerdiener Michej die Zigaretten, und die Uhr im Eßzimmer stand still.

Sina litt sichtlich unter dem Gedanken, daß ihre Krankheit die alte Hausordnung störte, und wollte daher ins Krankenhaus gebracht werden; sie konnte diesen Wunsch aber nicht mehr aussprechen: sie hatte bereits ihre Sprache verloren.

Unter Anspannung ihrer letzten Kräfte bat sie Sonja durch Zeichen um einen Bleistift und ein Stück Papier. Als sie den einen Buchstaben ›K‹ geschrieben hatte, entfiel der Bleistift ihrer

Hand, und sie war tot. Wieder war der Schmerz unbeschreiblich.

3

Der dritte Sarg wurde aus dem Hause getragen.

Als Alexandra Pawlowna in der Kirche von Sinas Leiche Abschied nahm und zum letztenmal ihr demütiges Gesicht mit den stahlblauen Augenlidern und den vom Todeskampf verzerrten Lippen sah, fiel ihr plötzlich das alte, ängstlich gehütete Geheimnis ein, an das sie in den vielen Jahren des Glücks kein einziges Mal gedacht hatte. Und sie weinte bittere Tränen, und als sie sich von der Leiche abwandte, war sie plötzlich eine alte, gebückte Frau geworden.

»Habe ich denn gewußt, daß ich sie in diesem Alter verlieren werde?« sagte sie weinend und kopfschüttelnd vor sich hin.

Doch ihr Gewissen sagte ihr, statt sie zu trösten, daß nur sie allein schuld sei und es sonst keinen Schuldigen gäbe. Und unter der Last dieses Gedankens fiel sie noch mehr zusammen und wurde noch älter.