»Sonja, Sonja! Wo bist du?« Jeden Augenblick sah sie sich unruhig nach ihrer Tochter um, obwohl diese nicht von ihrer Seite wich.
Zu den quälenden Gewissensbissen und der Sorge um die einzige Tochter gesellte sich noch die Sorge um den geliebten Mann, dessen Leben mit dem Leben dreier teurer Kinder erkauft war. Pjotr Nikolajewitsch war ganz heruntergekommen und verließ sein Zimmer nicht mehr; er konnte nur mit Mühe seine Beine schleppen, sein Gesicht war blau angelaufen, seine Haare klebten am Schädel, und seine welke, blasse Haut schien ganz lose am Körper zu hängen.
In allen Zimmern verbreitete sich plötzlich ein übler, dumpfer Geruch.
Das Haus war alt und beherbergte eine Menge Ratten, — ganze Generationen hausten unter den Dielen. Es kam vor, daß irgendeine uralte Ratte verendete; der unerträgliche Geruch rührte wohl
von einer solchen toten Ratte her. Zu einer andern Zeit hätte Pjotr Nikolajewitsch sicher die Stelle gefunden, man hätte ein Dielenbrett aufgebrochen und den Kadaver entfernt; er kümmerte sich aber nicht mehr darum.
Allen, die jetzt noch nach ›Gottessegen‹ kamen, war es klar, daß es unmöglich so weitergehen könne, daß früher oder später irgendein Ende, ganz gleich was für eines, kommen müsse. Und alle warteten gespannt auf das Ende. Drei Tage und drei Nächte wollte man noch warten. Zwei Tage und zwei Nächte waren aber schon abgelaufen.
Am Samstag wurde im Hause eine Abendmesse gelesen. P. Iwan sparte nicht mit dem Weihrauch, und alle gingen mit Kopfschmerzen zu Bett.
»Nachts ließ mich der gnädige Herr kommen«, berichtete später der alte Michej, »und sagte mir: ›Lieber Michej, hole mir bitte gleich einen jungen Hahn um Christi willen! Ich werde dir diesen Dienst nie vergessen!‹ — ›Gnädiger Herr‹, sage ich ihm, ›was wollen Sie mit dem Hahn um diese Stunde? Es ist ja Nacht!‹ Er sagt darauf nichts, blinzelt mir nur so mit einem Auge zu, als ob er sagen wollte: Rate mal selbst, wozu ich ihn brauche! — Ich ging in den Hühnerstall, suchte einen recht schönen, fetten Hahn aus und brachte ihn ihm. Auch ein Messer brachte ich gleich mit. Der Herr nahm das Messer und begann den Hahn zu schlachten; er hatte aber nicht mehr die Kraft, es
ordentlich zu tun, und der Hahn zappelte lange in seinen Händen. Endlich war er mit dem Hahn doch fertig geworden, — eine große Blutlache war auf dem Boden, auch er selbst war ganz mit Blut beschmiert. Das hatte ihn wohl etwas erleichtert. — ›Weißt du, Michej‹, sagte er mir dann, ›jetzt hätte ich Lust, mir eine Leiche anzusehen!‹ — ›Gott sei mit Ihnen!‹ sage ich ihm. — ›Wo soll man jetzt eine Leiche hernehmen?‹ Es überläuft mich ganz kalt, und ich sehe, daß auch der Herr nur so mit den Zähnen klappert. — ›Und wo ist Sonja?‹ fragt er noch und sieht mich dabei so an . . . Bis an mein Ende werde ich daran denken, wie er mich ansah! — ›Im Schlafzimmer‹, sage ich ihm, ›bei der gnädigen Frau.‹ Da beruhigte er sich ein wenig, und ich ging fort und legte mich hin.«
Die Haushälterin Darja Iwanowna erzählte: »Ich erwachte mitten in der Nacht und höre einen Kater miauen. Und ich denke mir: ›Was mag das für ein Kater sein?‹ Ich rufe ihn an, doch er faucht nur so.«