3. Volkserzählungen aus Tripolis und Tunis
381.
EInmal kam ein Mann zu Dschuha und sprach zu ihm: »Ich habe eine Kuh und möchte sie verkaufen, aber niemand will sie mir abkaufen.« Dschuha antwortete: »Ich werde den Verkauf besorgen. Bring sie morgen auf den Markt; da will ich sie an den Mann bringen.« Dschuha ging zu seiner Mutter und erzählte es ihr, und sie sagte zu ihm: »Weißt du auch, mein Sohn, wie du die Kuh teuer verkaufen kannst?« »Sag mirs.« »Sag: ›Das ist eine sehr schöne Kuh; sie ist noch jung, ist aber schon im sechsten Monate trächtig.‹« »Schön,« antwortete Dschuha.
Am nächsten Morgen brachte ihm der Mann die Kuh; Dschuha trieb sie auf den Markt und begann sie auszurufen. Man fragte ihn: »Dschuha, ist das eine gute Kuh?« Er antwortete: »Eine sehr gute; ich weiß, daß sie sehr gut ist.« »Wieso weißt du das?« »Sie ist noch jung und ist schon trächtig im sechsten Monate.« »Ja dann ist sie gut.« Dschuha verkaufte sie in der Tat sehr teuer. Dann ging er nach Hause.
Nun hatte er eine junge Tochter, und um die warben eben Leute, als er nach Hause kam. Und ihre Mutter sagte zu den Leuten: »Da kommt ihr Vater. Bittet ihn um sie; er wird sie euch schon geben.« »Was wollt ihr?« fragte Dschuha. »Wir wollen deine Tochter haben.« Er sagte: »Ja die ist gut: ihr Verstand ist gut entwickelt, ihre Augen sind hübsch, ihre Augenbrauen sind zierlich, ihr Haar ist schön genug, und überdies ist sie im sechsten Monate schwanger.« Die Leute begannen zu lachen, wandten sich zur Tür und gingen weg.
Nun sagte die Frau zu Dschuha: »Schämst du dich nicht?« »Warum denn?« »Wie kannst du zu Leuten, die um deine Tochter werben kommen, sagen, sie sei im sechsten Monate schwanger?« »Nun, bei der Kuh war es doch heute gut, die gar nichts wert war. Niemand hat sie mir abnehmen wollen, bis ich den Leuten gesagt habe, sie sei im sechsten Monate trächtig; da haben sie sie sofort genommen. Na, und wenn einer etwas kaufen will, ists da besser, er erhält ein Ding oder gleich zwei?«
Dschuha ging nun weg von seiner Frau. Auf der Straße kam er wieder mit den Leuten zusammen, die bei ihm um seine Tochter geworben hatten, und die sagten zu ihm: »Wie hast du uns nur sagen können, deine Tochter sei eine Jungfrau, und dann behaupten, sie sei im sechsten Monate schwanger?« Dschuha antwortete: »Das will ich euch erklären. Wenn du zum Beispiel reisest und irgendwohin willst, ist es da besser, wenn du in neun Stunden hinkommst oder in drei?« »Natürlich ist es in drei Stunden besser.« »Nun, das trifft auch bei meiner Tochter zu; ist es besser, wenn sie ihrem Gatten in drei Monaten ein Kind schenken kann, oder wenn das erst in neun Monaten möglich ist?« Da lachten die Leute und gingen weg.
382.
DSchuha kam einst zu König Jachja; der mochte ihn gut leiden und sagte zu ihm: »Verlange, was du willst.« Dschuha antwortete: »Wer Jachja heißt, soll mir einen Piaster geben, wer am frühen Morgen ausgeht, desgleichen, wer auf seine Frau hört, desgleichen, ebenso wer einen langen Bart hat, und schließlich wer grindig ist.« Der König befahl: »Fertigt ihm die Gewährung seiner Bitte schriftlich aus.« Dschuha nahm den Bescheid und ging.
Eines Tages ging er früh ums Morgengrauen zu einem Stadttore und setzte sich dort nieder. Da kam ein Beduine vorbei, der Brennreisig in die Stadt bringen wollte. Dschuha hielt ihn an und sagte zu ihm: »Gib mir einen Piaster.« Der Beduine fragte: »Warum?« Dschuha antwortete: »Weil du am frühen Morgen ausgehst.« Der Beduine blickte auf und sagte: »Hätte ich nicht auf meine Frau gehört, wäre ich nicht früh aufgestanden.« Da sagte Dschuha: »Jetzt mußt du mir zwei Piaster geben.« Der Beduine wurde zornig und sagte: »Weg! laß mich in Ruh; sonst kannst du den Stock da von der Hand Hadsch Jachjas zu kosten bekommen!« Da sagte Dschuha: »Jetzt machts drei Piaster.« Sie begannen zu streiten: der eine sagte: »Gib her,« und der andere: »Ich gebe dir nichts,« bis sie sich zu prügeln anfingen. Da wurde der Bart des Beduinen sichtbar, und Dschuha sah, daß er lang war; da sagte er: »Vier Piaster.« Sie prügelten sich weiter, und da wurde auch der Kopf des Beduinen bloß; Dschuha sah, daß er grindig war, und so sagte er sofort: »Fünf Piaster.« Der Streit wurde immer heftiger und schließlich wurden sie vor den Sultan geführt.