Der Sultan antwortete: »Was soll das heißen, Dschuha?« Dschuha antwortete: »Hier ist der treffliche Bescheid, den du mir gegeben hast. Bei diesem Manne habe ich die fünf Eigenschaften getroffen, die in dem Bescheide verzeichnet sind: er heißt Jachja, geht am frühen Morgen aus, hört auf den Rat seiner Frau, hat einen langen Bart und ist grindig.« Der Sultan sagte zu dem Beduinen: »Geh nur ruhig nach Hause; du bist ein armer Mann und bist hergekommen, um dir etwas zu verdienen, und Dschuha hat dich abgehalten.« Und er gab ihm ein Geschenk und sagte: »Geh jetzt.« Dschuha sah König Jachja an und sagte: »Es mangelt doch einem jeden, der Jachja heißt, am Verstande.« Darüber erboste sich König Jachja und ereiferte sich immer mehr; endlich rief er: »Bei Gott, wenn du mir niemand ausfindig machst, der Jachja heißt und dem es am Verstande mangelt, so lasse ich dir den Kopf abschlagen.« Dschuha antwortete: »Gib mir hundert Piaster und gewähre mir neun Tage Frist.« Der König ließ ihm das Geld geben und gewährte ihm die gewünschte Frist, erklärte aber nochmals: »Wenn du mir nicht binnen neun Tagen einen Menschen, wie beschrieben, bringst, so lasse ich dir den Kopf abschlagen.«
Dschuha verließ den Palast und ging auf den Schafmarkt; dort kaufte er einen hübschen Hammel. Den trieb er in den Basar der Gewürzkrämer. Er fragte einen Mann: »Ist vielleicht in dem Basar da ein Mann, der Jachja heißt?« Der Mann sagte: »Der in dem Laden dort heißt Jachja.« Dschuha ging zu dem ihm bezeichneten und sagte zu ihm: »Friede sei über dir!« Der Gewürzkrämer antwortete: »Über dir sei der Friede,« und bewillkommnete Dschuha. Der sagte: »Du heißt Jachja?« Der Krämer antwortete: »Jawohl.« Dschuha sagte: »Ich habe dir ein Geschenk gebracht.« Der Krämer fragte: »Von wem denn?« Dschuha antwortete: »Diesen Hammel hat dir der Erzengel Gabriel geschickt.« Der Alte freute sich und rief: »Lob sei Gott, der sich meiner erinnert und mir durch den Engel Gabriel einen Hammel geschickt hat.5 « Dschuha sagte ihm noch: »Ich warne dich aber vor einem: dieser Hammel erzählt alles weiter, was er zu hören und zu sehn bekommt; er ist ein Plauderer.« Der alte Jachja nahm den Hammel mit nach Hause und band ihn in der Küche an.
Nun hatte der Alte einen Sohn, der eben geheiratet hatte. Die junge Frau mußte auf einmal auf den Abtritt gehn, und dort ließ sie einen fahren; ach, da sah sie, daß der Hammel herguckte. Sie schämte sich heftig und sprach bei sich: »Der sagt es jetzt meinem Manne und stellt mich vor ihm bloß.« Drum sagte sie zu dem Hammel: »Bitte, sag nichts.« »Bäh, bäh.« »Versprich mir, daß du nichts sagen wirst.« »Määh.« Da zog sie ihr Leibchen aus und bat den Hammel: »Nimm es, aber sage meinem Manne nichts.« Und so zog sie sich ein Kleidungsstück nach dem andern aus, um es dem Hammel hinzugeben, bis sie splitternackt auf dem Abtritte dasaß. Ihre Mutter vermißte sie und fand sie endlich auf dem Abtritte; da sie sah, daß sie nackt und bloß war, fragte sie sie: »Dir fehlt doch nichts?« »Ach, Mütterchen, ich habe einen streichen lassen, und der Hammel hat es gehört, und ich ängstige mich, daß ers weitererzählt; und er will mir nichts ver sprechen.« Da zog sich die Alte auch aus und saß schließlich auch nackt auf dem Abtritte. Die Mutter des jungen Gatten vermißte die beiden und ging ihnen nach; und sie sagte zu ihnen: »Warum sitzt ihr denn nackt und bloß da?« Die Mutter der jungen Frau begann: »Mein Töchterchen hat einen streichen lassen, und wir haben Angst, der Hammel erzählts ihrem Manne.« Da zog sich die Mutter des jungen Gatten auch aus und gab auch alle ihre Kleider dem Hammel und sagte zu ihm: »Mein Söhnchen, bitte, sags nicht weiter.«
So standen die Dinge, als der alte Jachja sein Haus betrat. Er rief hinein: »Chaddidscha! Fatima!«, aber niemand antwortete ihm. Da suchte er das ganze Haus ab, bis er auf den Abtritt kam und die drei Frauen sah; er fragte sie: »Was ists mit euch?« Sie schwiegen; denn sie schämten sich. Er sagte: »Sagt es mir nur.« Nun sagten sie: »Die junge Frau hat früher einen streichen lassen, und wir haben uns geängstigt, daß es der Hammel ihrem Manne erzählen werde.« Da begann sich der alte Jachja auch zu entkleiden: er gab dem Hammel Turban, Rock und Kaftan und saß schließlich nackt wie die drei Frauen auf dem Abtritte.
Endlich kam der junge Ehemann, der Sohn des alten Jachja, heim; er fand das Haus öde und leer. Er rief: »Mutter! Frau!«, aber niemand antwortete ihm. Als er dann vom Abtritte her ein Geräusch hörte, ging er hin, und dort fand er die ganze Gesellschaft nackt: Vater, Mutter, Frau und Schwiegermutter. »Gottes Wunder!« sagte er; »was ist denn los mit euch?« Sie schwiegen und schlugen ihre Augen zu Boden; dann trat sein Vater vor und sagte zu ihm: »Deine junge Frau, mein Sohn, hat einen fahren lassen, und wir hatten Angst, der Hammel könnte es dir erzählen.«
Lassen wir jetzt diese Leute und ihre Sachen und wenden wir uns wieder zu Dschuha. Was tat also Dschuha? Dschuha hielt sich eine Woche lang fern vom alten Jachja; dann aber ging er wieder in seinen Laden. Der Alte bewillkommnete ihn freudig und sagte: »Sei gegrüßt!« Dschuha sagte: »Komm her! ich will dir etwas anvertrauen, was ein Geheimnis zwischen uns bleiben soll.« Jachja sagte: »Sag es.« Dschuha sagte: »Ich bin der Engel Asrael und heute Nacht wird mich Gott zu dir senden, um deinen Geist zu holen.« Jachja sagte: »Freund, was habe ich denn verbrochen?« Dschuha antwortete: »Du magst etwas verbrochen haben oder nicht: wer vor seinem Ende steht, muß den Fuß langstrecken. Geh hin und nimm von allen deinen Angehörigen, Verwandten und Bekannten Abschied.« Der alte Jachja erwiderte: »Ich will aber nicht sterben.« Dschuha sagte: »Was soll das heißen? Das Geschenk ist dir recht, aber vom Sterben willst du nichts hören? Nimm nur dein Leichentuch und geh nach Hause. Ich werde gegen Abend zu dir kommen und zwar mit zwei andern Engeln, nämlich Michael und Gabriel.« Damit verließ er den alten Jachja. Der dachte nun: »Heute Nacht muß ich also sterben.« Dann nahm er sein Leichentuch und ging nach Hause. Er wusch sich und betete zwei Abschnitte; und zu den seinigen sagte er: »Niemand soll das Haus verlassen.« Hierauf ging er zu seinen Freunden und Verwandten und sagte zu ihnen: »Verzeiht mir alles schlechte.« Sie fragten ihn: »Was ists mit dir?« und er antwortete: »Heute Nacht muß ich sterben.« Der eine sagte: »Jachja ist verrückt geworden«, der andere: »Vielleicht hat er seinen Tod vorausgesehn.« Dann ging Jachja wieder nach Hause. Seine Frau und seine Schwiegertochter kamen ihm entgegen und sagten zu ihm: »Sei gegrüßt!«; er aber entgegnete: »Weder gegrüßt, noch sonst etwas. Verzeihet mir alles; denn heute Nacht muß ich sterben.«
Dschuha ging wieder zum Könige und sagte zu ihm: »Nun habe ich einen ausfindig gemacht, der Jachja heißt wie du und dem es am Verstande fehlt.« Er brachte zwei Kapuzenmäntel und der König und der Wesir zogen sie an; er tat das gleiche. Und um die Zeit des Abendgebetes ging er mit ihnen zu dem alten Jachja; sie fanden die Haustür offen. Als sie eintraten, flohen die weiblichen Familienmitglieder, indem sie riefen: »Das ist der König Tod; er will vielleicht auch uns töten.« Die drei traten ein und sagten zum alten Jachja: »Friede sei über dir.« Er antwortete ihnen mit matter Stimme: »Über euch sei der Friede.« Nun befahl ihm Dschuha: »Lege dich hin und strecke dich lang.« Jachja legte sich hin und streckte sich lang. Dschuha befahl ihm weiter: »Sag dein Glaubensbekenntnis.« Dann begann er den Alten von unten an zu quetschen und zu zwicken: mit dem Beine fing er an und zwar mit der großen Zehe; dann kam er ihm an den Bauch, an die Brust und schließlich an den Hals. Als er ihm tüchtig an den Hals griff, wurde Jachja ohnmächtig. Drauf deckte ihm Dschuha das Gesicht zu und sagte zum Sultan und zum Vesir: »Laßt uns wieder gehn.« Und als er das Haus verließ, sagte er zu den Angehörigen des alten Jachja: »Wer sich muckst oder gar schreit, dessen Geist hole ich.« Zum Sultan aber und zum Wesir sagte er: »Morgen sollt ihr mit mir dem Begräbnisse beiwohnen.«
Am nächsten Morgen ging der Sohn des alten Jachja aus und holte die Sänger und die Bahre. Man wusch den Alten und hüllte ihn in das Leichentuch, legte ihn, ohnmächtig, wie er noch immer war, auf die Bahre und zog zum Friedhofe. Unter den Leuten, die dem Begräbnisse beiwohnten, waren der Sultan und der Wesir und auch Dschuha. Dem begegnete ein altes Weib und er sagte zu ihr: »Komm her; da ist ein Goldstück. Geh an die Bahre, tritt zu den Trägern und sage zu ihnen, was ich dir sagen werde.« Und er sagte ihr, was sie zu sagen haben werde. Sie trat auf die Träger zu und sagte zu ihnen nach dem Wortlaute Dschuhas: »Wer ist der Tote?« Man antwortete ihr: »Der alte Jachja vom Basar der Gewürzkrämer.« Sie sagte: »Gott sei ihm nicht gnädig! Ich habe bei ihm, als ich meine Tochter verheiraten wollte, ein Pfündchen Ambra gekauft; da hat er mich um vier Unzen betrogen.« Als das der alte Jachja hörte, richtete er sich auf der Bahre auf und rief: »Ich bin ein Betrüger, du schlechtes Weib? Mich kennt man als einen Dieb?« Da warfen die Träger die Bahre zu Boden und entflohen; alle Leute aber begannen zu lachen und der Sultan und der Wesir stimmten mit ein. Nun wandte sich Dschuha an den Sultan und sagte zu ihm: »Habe ich dir nicht gesagt, daß es jedem, der Jachja heißt, am Verstande fehlt?« Der Sultan antwortete: »Ich verzeihe dir; verlange von mir, was du willst.«
383.
DSchuha pflegte mit seiner Mutter unter einem Tuche zu schlafen, und allmorgendlich, wann der Muezzin auf das Minaret stieg, um zum Gebete zu rufen, stand seine Mutter auf und nahm das Tuch um, so daß Dschuha in der Kälte bloß liegen mußte. Eines Tages sprach er bei sich: »Dieser Muezzin ist doch ein nichtswürdiger Mensch; jede Nacht stört er mich.« Er ging zu ihm hinauf aufs Minaret; und während der Muezzin zum Gebete rief, erschlug er ihn. Und er schnitt ihm den Kopf ab und warf ihn in den Brunnen seines Hauses. Dann ging er zu seiner Mutter und sagte zu ihr: »Jetzt habe ich dir glücklich Ruhe vor dem Muezzin verschafft; ich habe ihn getötet und ihm den Kopf abgeschnitten.« Die Mutter fragte ihn: »Wo ist denn der Kopf?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn in unsern Brunnen geworfen.« Nun sagte die Mutter: »Geh jetzt hinein und leg dich schlafen; sonst wird man kommen und dich festnehmen.« Dschuha ging ins Zimmer und legte sich schlafen und die Mutter deckte ihn zu.