423.

DSchahan hatte schon öfters darüber nachgedacht, wo wohl die Schweine wüchsen, und auf welchen Bäumen. Und gar zu gern hätte er so einen mit kleinen Schweinchen behangenen Baum gesehn: vielleicht könnte er dann auch ein kleines Zweiglein erhaschen, das, in die Erde gesteckt, mit der Zeit zu einem großen Schweinchenbaum wachsen würde. Aber nie gelang es ihm, einen solchen Baum zu sehn, und darum ersann er ein andres Mittel. Er fragte einen alten Mann: »Großvater, was tut ihr mit dem geschlachteten Schweine?« »Junge, wir salzen es ein und tun das Fleisch in einen Kübel.« »Ach, dann macht ihr es also wie mit den Oleanderbäumen?« »Du Lamm, sei so gut und laß mich in Ruhe; ich muß arbeiten.« Dschahan entfernte sich und dachte: »Also, wie mit den Oleanderbäumen muß es gemacht werden, um die Schweine fortzupflanzen; ich werde mir einen solchen Schweinebaumsetzling verschaffen.«

Hierauf lief er heim, und da seine Mutter auf dem Felde arbeitete, so war er ganz ungestört: er ging in den Stall, nahm das alte fette Schwein heraus, schlachtete es, rieb es mit Salz ein, steckte es in einen alten Kübel, tat Erde darüber und stellte ihn in den Hof. Dschahans Mutter kam alsbald nach Hause; da sie das Tier vermißte, so fragte sie Dschahan nach seinem Verbleibe. Er erwiderte: »Mutter, hab keine Sorge; diesmal habe ich sicher nichts unrechtes getan. Für das eine Schwein wirst du eine Unmenge von kleinen Schweinchen erhalten. Die kannst du dann verkaufen; und einen Teil von ihnen ziehst du auf, und wir werden fürderhin keinen Mangel an Schweinefleisch haben.« Da gab sich die Mutter zufrieden und forschte nicht weiter nach.

Aber es vergingen Tage, Wochen, Monate, und das Schwein im Kübel wollte keine Schößlinge treiben. Es zeigten sich noch immer keine grünen Spitzen. Der arme Dschahan wurde immer betrübter, umsomehr als die Mutter täglich nach dem alten Schwein und den versprochenen Ferkelchen fragte. Als sie endlich die volle Wahrheit darüber wissen wollte, was mit dem alten Schweine geschehn sei, da rief Dschahan verzweifelt aus: »Das dumme Schwein will keine Schößlinge treiben.« »Was? Schößlinge treiben?« »Es will nicht keimen und keinen Schweinebaum sprossen lassen, von dem wir Ferkelchen pflücken könnten! Mein Gott, schon seit vier Monaten liegt das dumme Tier im Oleanderkübel; vielleicht war es nicht genug eingesalzen.« Da begriff die Mutter. Tobend und fluchend zerrte sie den armen Dschahan hin, wo der Kübel stand, und hieß ihn die Erde herausnehmen. Aber kaum entfernte Dschahan die oberen Erdschollen, als sich ein unausstehlicher Geruch bemerkbar machte: das Schwein war in Fäulnis übergegangen und stank wie Pestilenz. Daß der arme Dschahan diesmal mehr Prügel erhielt als gewöhnlich, brauchen wir nicht erst zu sagen.

424.

DIe Mutter Dschahans hatte ein mageres Schweinchen; Dschahan aber hatte großen Appetit auf Schweinfleisch und fragte beständig: »Mutter, wann schlachten wir denn eigentlich das Tier, das Borsten hat und grunzt?« Da antwortete die Mutter immer: »Sobald ihm das Fett vom Hintern tropft.« Da aber Dschahan dies nie sah, ärgerte er sich über das faule Tier; er ging hin, kaufte Fett und bestrich das Schwein in einer Weise, daß das Fett hinten abtropfen mußte. Als er diese Arbeit verrichtet hatte, lief er hin zur Mutter und teilte ihr mit, daß das Fett anfange, hinten am Schweinchen abzutropfen. Die Mutter überzeugte sich davon und schlachtete das Tier. Dschahan fragte jetzt: »Mutter, wie wird das Fleisch nun zubereitet?« Die Mutter antwortete: »Im Acker stehen Kohlköpfe: auf jeden Kohlkopf eine Schnitte Fleisch.« Als nun Dschahan einmal allein im Hause war, nahm er den Steintopf, in dem das Fleisch eingesalzen lag, und trug ihn hinaus auf den Krautacker. Dort steckte er in jeden Kohlkopf eine Schnitte Fleisch und sah zu, wie die Hunde, Katzen und Feldmäuse davon fraßen. Den nächsten Tag wollte die Mutter von dem Schweinefleische kochen, konnte aber den Topf nicht finden. Als sie nun Dschahan befragte, antwortete dieser: »Ach, du hättest nur sehen sollen, wie sich die Hunde, die Katzen und die Mäuse satt gefressen haben! kein Schnittchen ist übrig geblieben; und jeder Krautkopf hat seine Fleischschnitte gehabt! Wie sie herumrasten, diese Fresser, wenn sie einander herumbissen!« Da rief die Mutter: »Also bist du wirklich ein Dschahan! Und darum müssen alle Leute sagen: ›Dumm ist Dschahan, ein Esel ist er, Verstand hat er keinen, ein Tropf ist er!‹«

425.

DSchahan fuhr einst mit seinem Gemüsekarren zur Stadt. Auf dem Wege sah er vor sich einen Herrn, der keine Anstalten machte, ihm auszuweichen. Dschahan rief etliche Male laut: »Geh aus dem Wege!«; aber der Herr rührte sich nicht, und Dschahan konnte nicht mit seinem Gefährte ausweichen, da der Weg abschüssig und schmal war. Drum warf Dschahans Karren den Herrn um, und so kam es, daß Dschahan eines Tages zum Gerichte vorgeladen wurde. Dort antwortete er nun auf keine Frage der Richter, und diese sagten zu dem Kläger: »Der Angeklagte ist ja stumm; gegen einen Stummen gehn wir nicht vor.« Doch der Ankläger entgegnete: »Das ist doch wohl eine Finte dieses boshaften Menschen, da ich ganz genau weiß, daß er sprechen kann. Er rief mir ja damals, bevor er mich überfuhr, zu: ›Geh aus dem Wege!‹ und nicht nur einmal, sondern mehrere Male.« Aber da stand der Richter auf und schrie den Kläger an: »Was suchst du uns dann auf? wir haben andere Sachen zu tun, als Leuten wie dir zu helfen! Warum bist du nicht ausgewichen, als er dich angerufen hat? Jetzt mußt du die Gerichtskosten bezahlen.« Dschahan aber ging straflos heim.

V.
Sizilianische Überlieferungen

426.