ES wird erzählt, daß einmal eine Mutter war, die einen Sohn hatte, Giufà mit Namen, und sie war sehr arm; dieser Giufà war ein Tölpel und ein fauler Lümmel und ein Schelm. Seine Mutter hatte etwas Leinwand und da sagte sie zu Giufà: »Wir nehmen etwas Leinwand, und du gehst sie in einem weit entfernten Dorfe verkaufen; sie darf aber nur an Leute verkauft werden, die wenig reden.« Giufà warf sich die Leinwand über die Schulter und ging sie verkaufen.

In einem Dorfe angelangt, begann er zu schreien: »Wer will die Leinwand?« Die Leute riefen ihn und fingen viel zu reden an; der eine meinte, sie sei zu grob, der andere, zu teuer. Giufà meinte, sie redeten zu viel, und wollte sie ihnen nicht geben. Wie er nun dahin und dorthin ging, kam er in einen Hof; dort war kein Mensch, aber eine gipserne Statue sah er, und zu der sagte er: »Wollt Ihr die Leinwand kaufen?« Die Statue sagte kein Wort, und so sah er, daß sie wenig redete. »Da muß ich die Leinwand also Euch verkaufen, weil Ihr wenig redet.« Er nahm die Leinwand und hängte ihr sie um: »Morgen komme ich dann um das Geld.« Und damit ging er.

Als es tagte, ging er um das Geld; die Leinwand war nicht mehr da, und er sagte: »Gib mir das Geld für die Leinwand.« Die Statue antwortete nichts. »Da du mir das Geld nicht geben willst, werde ich dir zeigen, wer ich bin.« Er holte sich ein Beil und schlug auf die Statue los, bis sie zusammenstürzte; und in ihrem Bauche fand er einen Krug voll Geld. Er steckte das Geld in den Sack und ging heim zu seiner Mutter; angekommen, sagte er zu ihr: »Ich habe die Leinwand einem verkauft, der nichts redete, und am Abende hat er mir kein Geld gegeben; da bin ich am Morgen mit einem Beile hingegangen und habe ihn erschlagen und zur Erde geworfen, und da hat er mir dieses Geld gegeben.« Die Mutter, die eine kluge Frau war, sagte zu ihm: »Sag niemand etwas; das Geld wollen wir langsam verzehren.«

427.

EIn andermal sagte die Mutter zu ihm: »Giufà, ich habe da ein Stück Leinwand, das muß ich färben lassen; geh damit zum Färber und laß es ihm dort, er soll es dunkelgrün färben.« Giufà warf die Leinwand über die Schulter und ging. Unterwegs sah er eine schöne, große Eidechse; da er sah, daß sie grün war, sagte er: »Meine Mutter schickt mich und sie will diese Leinwand gefärbt haben.« Und dabei legte er sie nieder. »Morgen komme ich sie holen.«

Als er heimkam und seine Mutter die Geschichte hörte, begann sie sich die Haare auszuraufen und zu jammern: »Du elender Kerl! was für einen Schaden machst du mir! Lauf, und schau, ob sie noch dort ist!« Giufà ging zurück, aber die Leinwand war verschwunden.

428.

MAn erzählt, daß Giufà eines Morgens Kräuter sammeln gegangen ist, und dabei hat ihn die Nacht im Freien überrascht; wie er so dahinschritt, war da der Mond, und der war umwölkt und kam zum Vorschein und verschwand wieder. Giufà setzte sich auf einen Felsen und schaute zu, wie der Mond kam und ging; und wann er kam, sagte er: »Komm! komm!« und wann er ging: »Geh! geh!« Und er hörte nicht auf, zu sagen: »Komm! komm! Geh! geh!«

Nun waren unten am Wege zwei Diebe, die ein Kalb häuteten, das sie gestohlen hatten. Da die sagen hörten: »Komm! Geh!«, befiel sie die Angst, daß die Häscher kämen; sie nahmen Reißaus und ließen das Fleisch liegen. Als Giufà die zwei Diebe laufen sah, ging er nachsehn, was es gebe, und da fand er das gehäutete Kalb; er nahm das Messer, schnitt tüchtig Fleisch herunter, füllte damit seinen Sack und ging. Zu Hause angekommen, sagte er: »Mutter, macht auf!« Seine Mutter sagte zu ihm: »Warum kommst du so spät in der Nacht?« »Ich bin in der Nacht gekommen, weil ich Fleisch gebracht habe, und das müßt Ihr morgen alles verkaufen; das Geld wird mir trefflich zustatten kommen.« Seine Mutter sagte zu ihm: »Morgen gehst du wieder hinaus, und ich verkaufe das Fleisch.« Als es Tag geworden war, ging Giufà hinaus, und seine Mutter verkaufte das ganze Fleisch.

Am Abende kam Giufà und sagte zu ihr: »Mutter, habt Ihr das Fleisch verkauft?« »Ja, ich habe es den Fliegen auf Kredit verkauft.« »Und wann sollen sie Euch das Geld geben?« »Wann sie es haben.« Es vergingen acht Tage und die Fliegen brachten kein Geld; da machte sich Giufà auf und ging zum Richter und sagte zu ihm: »Herr Richter, ich will Gerechtigkeit haben; ich habe das Fleisch den Fliegen auf Kredit verkauft, und sie sind mich nicht bezahlen gekommen.« Der Richter sagte zu ihm: »Ich gebe dir den Spruch, daß du jede, die du nur siehst, töten darfst.« Just in diesem Augenblicke setzte sich eine Fliege auf des Richters Kopf; Giufà schlug mit der Faust auf sie los und zertrümmerte dem Richter den Schädel.