501.

EInes Nachts beklettelte sich der Hodscha Nasreddin im Schlafe; als er dann am Morgen beim Erwachen sah, in was für einer Verfassung er war, sagte er zu seiner Frau, weil er sich vor ihr schämte: »Ach Weib, heute Nacht habe ich einen entsetzlichen Traum gehabt, so daß ich noch immer zittere. Da waren drei Minarete, eines auf dem andern, und in der Spitze des dritten steckte eine Nadel, und auf der Nadel war ein Tisch, und auf dem Tische saß ich, und ich habe wohl geschrien, weil sich der Tisch so bewegte, daß, wenn er gefallen wäre, auch ich mit ihm gefallen wäre, und ich hätte mich zum mindesten in tausend Stücke zerschlagen.«

Seine Frau sagte: »Wenn ich einen solchen Traum gehabt hätte, ich hätte mich sicher vor Angst beklettelt.«

Nun sagte Nasreddin: »Auch mir ist es so ergangen; aber behalte es bei dir und sag niemand etwas.«

502.

EIn Bauer, der seinen Esel verloren hatte, bat den Hodscha Nasreddin, in der Moschee zu verkündigen, daß ihn der Finder seinem Herrn zurückgeben solle. Als das allgemeine Gebet vorüber war, sagte Nasreddin: »Muselmanen, wer von euch sein ganzes Leben lang keinen Kaffee und keinen Schnaps getrunken hat, wer nie ge raucht hat, wer nie Karten, Brett oder Dame gespielt hat, wer nie die Geselligkeit gesucht hat, der trete vor, damit ich ihn sehe.«

Alle, die in der Moschee anwesend waren, dachten, daß keiner dasei, wie ihn der Hodscha beschrieben habe, und daß sich niemand unterstehn werde, vorzutreten; aber es trat doch einer vor, und der sagte zum Hodscha: »Ich habe Zeit meines Lebens weder Wein, noch Kaffee getrunken, habe keinerlei Spiel gespielt und war nie in einer Gesellschaft.«

Da drehte sich der Hodscha um und rief: »Wo ist denn der, der den Esel verloren hat? Schau, da ist einer, den nimm; einen größern Esel als den wirst du nie finden.«

503.

EInmal kam ein Woiwode bei dem Dorfe des Hodschas Nasreddin vorbei; und die Einwohner schickten Nasreddin als ihren Gesandten zu ihm, damit er ihm die Huldigung aller Bauern darbringe. Als der Woiwode Wuchs und Gestalt Nasreddins sah, sagte er zu ihm: »Hat sich denn kein Mensch gefunden, den die Bauern hätten zu mir schicken können, daß sie mir dich geschickt haben?«