512.

DEr Hodscha Nasreddin fragte seinen Sohn, ob er schon in seinem Leben eine süße Speise gegessen habe, und der Sohn antwortete mit Nein. Nun fragte ihn der Hodscha von neuem: »Was ist denn dann das, was du alle Tage ißt?« Der Junge antwortete: »Trockenes Brot.« Und Nasreddin sagte zu ihm: »Und glaubst du denn, daß es auf der Welt noch eine süßere Speise gibt als das trockene Brot?«

513.

DEr Hodscha Nasreddin saß einmal in einem Garten, und da betrachtete er, wie schwach die Wurzeln der Kürbisse und Melonen seien im Gegensatze zu der Größe der Kürbisse und Melonen; und da er im Schatten eines Nußbaumes saß, fiel es ihm auf, daß umgekehrt der Nußbaum so groß und die Nüsse so klein seien. Und er sagte zu sich: »Eine merkwürdige Sache! Gott hat sich doch bei seiner Schöpfung wenig Mühe gemacht; sonst hätte er nicht die Kürbisse und Melonen, die nach ihrer Größe an großen Bäumen wachsen sollten, an kleinen Pflanzen geschaffen, die Nüsse aber, die ganz klein sind, umgekehrt an großen Bäumen.«

Während er noch diesen Gedanken und Zweifeln nachhing, fiel plötzlich durch einen starken Windstoß eine Nuß mit Heftigkeit vom Baume und traf ihn an der Stirn; das verursachte ihm einen außerordentlichen Schmerz, und nun sagte er: »Ach, Gott hat schon gewußt, was er tat, und ich habe es schlecht bedacht; denn wäre die Nuß, die heruntergefallen ist und mich getroffen hat, ein Kürbis oder eine Melone gewesen, dann weh mir! sie hätte mir wahrhaftig den Kopf zertrümmert.«

514.

EInes Nachts ging der Hodscha Nasreddin aus, um in einem Laden zu stehlen, und nahm eine Feile mit. Er feilte gerade an dem Schlosse der Ladentür, als zufällig einer seiner Freunde daherkam; und der fragte ihn: »Was machst du da?«

Der Hodscha antwortete: »Ich spiele Geige.«

Nun fragte ihn sein Freund: »Aber man hört ja keinen Klang von deiner Geige?«

Nasreddin antwortete ihm: »Morgen wirst du schon den Klang hören.«