Martin Behaim wurde in Nürnberg um 1459 geboren. Derselbe stammte aus dem altadeligen Geschlechte der Herren Behaim von Schwarzbach, die in Böhmen, in dem Kreise Pilsen, an einem Wasser, die Schwarze genannt, – daher der Name Schwarzbach, – wohnten. Im neunten Jahrhundert wandten sie sich um der Religion willen aus Böhmen nach Nürnberg, daher der Zuname Behaim, Böheim, öfter auch Bohemus und Martinus de Boemia. Martin Behaim lernte anfänglich die Kaufmannschaft und trieb daneben unter der Leitung des berühmten Johann Regiomontanus (Müller aus Königsberg in Franken), der sich in den Jahren 1471 bis 1475 in Nürnberg aufgehalten und dort die Verfertigung mathematischer Instrumente auf eine hohe Stufe erhoben hatte, mathematische und in der Folge auch nautische Wissenschaften. Hierauf machte Behaim in Handelsgeschäften große Reisen nach Venedig, wo schon um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts seine Vorfahren Albrecht und Fritz Behaim leb[pg 6]haft am Spezereihandel betheiligt waren, den sie hauptsächlich aus Böhmen verführten. Ebenso kam er auch nach Mecheln und Antwerpen in den Niederlanden, von wo er im Jahre 1479 oder 1480 nach Lissabon und mit dem Strome niederländischer Auswanderer nach den Azoren gerathen ist. Behaim trat unter König Johann II. in portugiesische Dienste, machte mehre Entdeckungsreisen zwischen den Wendekreisen, entdeckte mit Diego Cano die Küsten von Congo (1484, 1485 und 1486) und gründete Niederlassungen auf den, wenn nicht schon früher, im Mittelalter von den Arabern und Normannen besuchten und in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts von den Italienern aufgefundenen, im Jahre 1432 bis 1449 von den Portugiesen entdeckten Azoren. Hier heirathete er (1486) Johanna, die Tochter des erblichen Statthalters oder Lehnträgers Ritter Jobst Hurter von Moerkirchen auf den Inseln Fayal und Pico und hat aus der erstgenannten Insel mehre Jahre zugebracht, um die Ansiedelung auf derselben zu befördern. Im Jahre 1491 reiste Behaim nach seiner Vaterstadt Nürnberg, verfertigte daselbst seine berühmte Weltkugel und kehrte im Jahre 1493 nach Portugal und Fayal zurück. Später machte er, wie er in einem Briefe aus Brabant vom 11. März 1494 an seinen Vetter, den Senator Michael Behaim in Nürnberg, berichtet, in vertrautem Auftrage des Königs Johann II. noch einige Reisen, auf welchen er ein Mal das Unglück hatte von den Engländern und ein ander Mal von den Seeräubern gefangen zu werden. Auch besuchte er noch [pg 7]ein Mal sein geliebtes Fayal und starb im Jahre 1506 in Lissabon mit Hinterlassung eines im Jahre 1489 geborenen Sohnes. Wenn nun auch der Nürnberger Patricier seit seiner Fahrt mit Diego Cano selbst nichts über sich und den Schauplatz der Entdeckungen berichtet und die wichtigen Jahre von 1493 resp. 1494 bis zu seinem Tode in Dunkelheit bleiben, so ist doch aus mancherlei glaubwürdigen und verbürgten Nachrichten und Thatsachen auf eine Theilnahme Behaim’s an den Entdeckungsreisen jener Periode zu schließen. Wir werden im Folgenden auf diese Thatsachen näher eingehen, vorher jedoch eine historiographische Ehrenrettung des in neuerer Zeit wiederum mehrfach an seinem Ruhme angegriffenen großen Kosmographen Martin Behaim im Lessing’schen Sinne zu geben versuchen.

Ebenso weit entfernt davon, die großen Verdienste des Columbus schmälern, als davon, die Verdienste unseres deutschen Landsmannes Behaim, Zeitgenossen von Columbus, dessen Ruhm zu schmälern er nimmer beabsichtigt hat, überschätzen zu wollen, können wir doch auch weder unserer Ueberzeugung, noch unserem Patriotismus so große Selbstverleugnung auferlegen, uns der Meinung Derjenigen unterzuordnen, welche Behaim als einen mittelmäßigen Kosmographen und ungeübten Astronomen darzustellen und so die Grundbedingungen seines Rufes und Ruhmes, wenn auch nicht zu zerstören, doch zu erschüttern, sich die wenig dankenswerthe Mühe gegeben haben. Diese Versuche gründen sich vorzüglich auf [pg 8]dessen berühmte Weltkugel, welche die geographischen Ansichten des fünfzehnten Jahrhunderts nach Ptolomäus, Marco Polo und Mandeville veranschaulicht und auf die Aussagen eines Geschichtsschreibers der Azoren aus dem siebenzehnten Jahrhundert, Namens Cordeyro. In Bezug auf erstere sagt man, und wohl auch nicht ganz mit Unrecht, daß Behaim bei seinen Breitenangaben um 12 bis 15° irrte, die Fehler seiner Breitenbestimmungen bei der Prinzessin-Insel begönnen und sich zuletzt auf mehr als 16° steigerten, daß sein Island auch fälschlich innerhalb des arktischen Kreises sich nach dem hohen Norden erstrecke und was dergleichen Behauptungen mehr sind. In Bezug auf Cordeyro, den einzigen Schriftsteller, welcher Nachrichten über Behaims letzte Schicksale enthalte, führt man an: daß dieser einige von dessen unerquicklichen astrologischen Prophezeiungen mittheile[1] und aussage, daß Behaim auf den Azoren den unheimlichen Ruf eines Meisters der astrologischen Trugkünste hinterlassen habe. Mag dem sein, wie ihm wolle, alle diese und andere Angaben können den Ruf Behaims als Kosmograph nicht verringern; denn sie beweisen nur, daß der Standpunkt der damaligen geographischen Wissenschaften im [pg 9]Allgemeinen ein ungenügender gewesen ist. Es genüge hier, nur darauf hinzuweisen, daß viele der alten berühmten Weltkarten jener Zeit, z. B. die Karte der Militärbibliothek zu Weimar aus dem Jahre 1424, die von Andreas Bianco 1436, des Genuesen Beclario oder Bedrazio aus dem Jahre 1436, die Hafenkarten der beiden Benincasa 1463 bis 1473, des Bartholomäus, Bruder des Entdeckers von Amerika, aus dem Jahre 1488, des Juan de la Cosa, Reisegefährten von Columbus, des Ruysch in der römischen Ausgabe des Ptolomäus vom Jahre 1508, des Purdy u. s. w., nicht nur viele Irrthümer und falsche Breitenangaben, sondern öfters, z. B. die Karten des in der St. Marcusbibliothek aufbewahrten Atlas des Andreas Bianco u. s. w., gar keine Gradeintheilung haben. Man beeilte sich damals im Allgemeinen, auf den Karten alles Dasjenige zu verzeichnen, was man über den Fortschritt der neuesten Entdeckungen, gleichviel ob wahr oder unwahr, zu erfahren vermochte und so kam es, daß trotz der Ergebnisse neuer Forschungen und trotz aller Erfahrungen und Kenntnisse unserer Tage falsche Hypothesen und Resultate, z. B. auf der Karte Amerika’s von Ruysch und auf der sonst schätzenswerten Welttafel von Purdy, u. s. w. angegeben wurden. Wenn auch hier und da die Fehlergrenzen der spanischen und portugiesischen Piloten der damaligen Zeit bei Breitenangaben selten einen Breitengrad überschritten, so bestätigt wiederum das, was in dem Patent über die Unwissenheit der Piloten gesagt wird (Navarr. tom. III. pag. 299), voll[pg 10]ständig Vespucci’s Klagen über den Mangel nautischer Kenntnisse bei den damaligen Seefahrern (Bandini p. 105). Die von dem portugiesischen Schriftsteller Cordeyro in seiner Historia insulana über den Nürnberger Seefahrer gemachten Mittheilungen sind mit Vorsicht aufzunehmen, erstlich weil Cordeyro, wie alle Portugiesen seiner Zeit, neidisch auf den Ruhm des Fremden war und zweitens, weil er auch sonst keine besondere Urtheilsschärfe und Genauigkeit in seinen Ausdrücken an den Tag legt, wie dies aus einer Vergleichung mit den Privatdokumenten der Familie Behaim, von denen er freilich nicht die geringste Kenntniß hatte, hervorgeht. So behauptet er unter Anderem in seiner Hist. ins. pag. 465, daß Martin Behaim zwei Söhne gehabt, von denen der älteste Martin geheißen und noch jung gestorben sei; ferner, daß die Portugiesen unter Joa Vaz Cortereal schon 1464 einen Theil von Nord-Amerika, die später sogenannte Terra de Bacalhao entdeckt hätten, und beruft sich unter Hinweisung auf Gaspar Fructuosa auf eine königl. Schenkungsurkunde d. d. Evora 2. April 1464, in der aber keine Silbe davon steht, daß Vaz das Bacalhaoland besucht oder überhaupt etwas entdeckt habe. Der zweimalige längere Aufenthalt des Behaim auf den Azoren (von 1486 bis 1490 und 1494 bis 1506) liefert aber gerade einen wichtigen Grund gegen die angebliche Entdeckung eines Landes der Baccallaos (Neufundland); denn Behaim, der, als langjähriger Bewohner der Azoren, doch Kenntniß von diesem Westlande hätte haben müssen, kennt diese Entdeckung [pg 11]nicht und hat sie auch nicht auf seiner im Jahre 1492 angefertigten Weltkugel angegeben. Kunstmann[2] hat auch in der neuesten Zeit schlagend nachgewiesen, daß die von Cordeyro erwähnte Entdeckung von Nord-Amerika weder in der angeführten Schenkungsurkunde von Evora noch in Fructuosa, aus dem doch Cordeyro geschöpft haben will, erwähnt werde. Historisch erwiesen ist nur, daß Gaspar Cortereal, der Sohn jenes Jao Vaz, im Jahre 1500 in Grönland und 1501 in Neufundland gewesen. Aus all dem Gesagten geht zur Genüge hervor, daß die gegen Martin Behaim angebrachten Verdächtigungen ohne allen Grund sind. Konnte es doch sogar einem Columbus geschehen, daß er die geographische Breite der von ihm im Jahre 1477 besuchten Insel Irland falsch bestimmte, indem er sagt, daß deren südlichste Gegend unter dem dreiundsiebzigsten Breitengrade (statt 63°) liege.

Martin Behaim, Schüler des Regiomontanus[3] und portugiesischer Kosmograph hat für einen der gelehrtesten Mathematiker und Astronomen seines Jahrhunderts gegolten. Durch die Anfertigung seines Globus – wohl eines der ersten und ältesten, welche überhaupt existiren, den von Bartolomé [pg 12]Colon 1488 vollendeten mit eingerechnet – hat er ein Meisterstück seiner Zeit geliefert und dadurch auf Globus- und Kompasverfertiger einen anregenden Einfluß geübt, was daraus zu entnehmen ist, daß diese in Nürnberg so zahlreich waren, daß sie seit 1510 zu einer besonderen Zunft zusammentraten.

Der König Johann II., für den er mehre Landkarten zeichnete, beehrte ihn fortdauernd mit seinem besondern Vertrauen. Von seiner neunzehn Monate dauernden afrikanischen Reise nach Lissabon zurückgekehrt, wurde Behaim i. J. 1485 zur Belohnung seiner Verdienste zu Albassauas (Alcobaca?) in der St. Salvadors-Kirche vom König öffentlich zum Ritter des Christusordens geschlagen, wobei ihm der Herzog Emanuel, nachheriger Thronfolger, den rechten Sporn, der König selbst den Degen umschnallte. Auch wurde er gemeinschaftlich mit den beiden Aerzten des Königs Johann II., maestre Rodrigo und maestre Josef Judio, zum Mitglied einer Junta de Mathematicos gemacht, welche beauftragt war, eine Methode anzugeben, nach der Sonnenhöhe zu schiffen[4], mithin an der Construction eines für den Gebrauch der Schifffahrt bestimmten Astrolabiums arbeitete. Als Beweis eines ganz besondern Vertrauens, das Behaim beim König genoß, müssen hier ferner die Worte angeführt werden, deren sich der König [pg 13]in einem Handschreiben bediente: „Quia perspecta nobis jam diu integritas tua nos inducit ad credendum, quod ubi tu es, est persona nostra“ u. s. f. (weil wir schon lange Deine Ehrenhaftigkeit erkannt haben, so fühlen wir uns zu glauben veranlaßt, daß wo Du bist, auch unsere Person ist.) Auch Kaiser Maximilian sagt von seinen Reisen, die sich auf 2300 Meilen nur zur See erstrecken: Martino Bohemo nemo unus imperii civium magis unquam peregrinator fuit, magisque remotas adivit orbis regiones. Zu den Hauptverdiensten Behaims gehört – abgesehen von seiner vermutheten Theilnahme an den amerikanischen Entdeckungsreisen, auf die wir sogleich zu sprechen kommen –, daß er an der glücklichen Erfindung, das Astrolabium bei der Schifffahrt zu gebrauchen, wesentlichen Antheil hatte. Auch darf man nicht vergessen, wie von Humboldt in seinen kritischen Untersuchungen I., pag. 31, bemerkt, daß Behaim, Columbus, Vespucci, Gama und Magellan Zeitgenossen von Regiomontanus, Paolo Toscanelli, Roderigo Faleiro und anderen berühmten Astronomen waren, welche ihre tieferen Einsichten den Schifffahrern und Geographen ihrer Zeit mittheilten.

Die neueren Untersuchungen haben unwidersprechlich gelehrt, daß der weit im westlichen Ocean lebende berühmte Kosmograph Martin Behaim aus Nürnberg jedenfalls Columbus in seinem Plan, nach Westen zu segeln, bestärkt und wesentlich zur Ausführung [pg 14]des Planes von Columbus beigetragen hat, somit für die Entdeckung Amerika’s von besonderem Nutzen gewesen ist. Die Gründe für diese Behauptungen stützen sich – abgesehen von naheliegenden Vermuthungen – auf vier Thatsachen: I. auf die Aussagen der spanischen und portugiesischen Schriftsteller; II. auf das Buch der Chroniken von Hartmann Schedel in Nürnberg, das erst lateinisch, dann 1493 in deutscher Uebersetzung erschien; III. auf den i. J. 1492 von Martin Behaim angefertigten Globus, der sich noch gegenwärtig im Behaim’schen Hause am Aegidienplatze in Nürnberg befindet, und IV. auf die Behauptung des Ritters Pigafetta aus Vicenza, nach dem Magellan oder Magalhães eine Karte des Ritters Martin Behaim gesehen, auf welcher eine Meerenge nach der freien Südsee angegeben gewesen sei.

In Bezug auf Nr. I. ist zu bemerken, daß der spanische Schriftsteller Antonio de Herrera in seinen Decaden[5], deren Autorität so wenig in Zweifel gezogen werden darf, als die Handschrift des Pigafetta, sagt: Columbus sei in den Gründen, die ihn bestimmten, den Seeweg nach Ostindien gegen Westen aufzusuchen, durch seinen Freund, den Portugiesen Martin de Bohemia (natürlich Niemand anders als Martin Behaim, dessen Familie, wie oben bemerkt, aus Böh[pg 15]men stammt) auf der Insel Fayal, einen großen Kosmographen, bestärkt worden. („Y esta opionione le confirmo Martino de Bohemia, Portugues, su amigo, natural de la Isla de Fayal, gran cosmografo.“) Diese Nachricht, jedenfalls die wichtigste und bestimmteste, die schon allein hinreichte, nicht nur Behaims nützlichen Einfluß auf die Ausführung des Planes von Columbus zu beweisen, sondern auch die innige Verbindung mit Letzterem, sowie seinen Ruf als eines großen Kosmographen zu bestätigen, wird mehr oder minder noch durch eine zweite Stelle des genannten Schriftstellers bestärkt, die aus dem italienischen Tagebuche des Pigafetta entlehnt, auch den Ausdruck: „Martino de Boemia, uomo eccellentissimo,“ jedoch ohne den Zusatz: geboren auf Fayal, enthält. Auch der spanische Schriftsteller Garcilasso de la Vega schreibt, daß ein berühmter Geograph Martin Behenira vornehmlich dem Colon Nachricht gegeben. Die vielbesprochene und im Interesse Behaims so oft angezogene Stelle im Werke des Riccioli[6] (geb. 1598 zu Ferrara, gestorben 1671) heißt wörtlich: „Christophorus Columbus ..... sive suopte ingenio ut erat vir Astronomiae Cosmographiae et Physicas, gnarus .. sive indicio habito a Martino Bohema .... aut, ut Hispani dictitant, ab Alphonso Sanchez de Helua nauclero ... cogitasset de navigatione in Indiam [pg 16]occidentalem“ (Ch. Columbus hätte entweder aus eigener Einsicht als ein in der Sternkunde, Erdbeschreibung und Naturlehre erfahrener Mann oder zufolge der von Martin Behaim, oder nach der Spanier Vorgeben von einem Schiffer Namens Alfonso Sanchez erhaltenen Anzeige – Angabe – auf die Schifffahrt nach Westindien gedacht (gesonnen, sie für möglich gehalten). Diese Stelle, wie Wagenseil, Löher u. s. w. übersetzen zu wollen: „Columbus hätte niemals seine Reise nach Amerika unternommen, wenn Behaim ihm nicht den Weg gezeigt hätte“, ist jedenfalls, wie schon Tozen gezeigt, nicht statthaft, weil Riccioli selbst in Zweifel und Ungewißheit ist, was das sive-sive-aut besagt und weil „indicio“ nur mit „Wink“, „Fingerzeig“ oder mit „Andeutung“ „Anzeichen“ übersetzt werden kann. Diese Andeutungen, Anzeichen, können z. B. an den Azoren angeschwemmte Hölzer, Leichname u. s. w. gewesen sein, die auf ein westwärts gelegenes unbekanntes Land hindeuteten. Daß der Name Martin Behaims, wie von Murr behauptet, bei keinem einzigen portugiesischen Schriftsteller, außer im Manoel Tellez de Sylva in De Rebus gestis Joannis II. vorkomme, dürfte dahin zu berichtigen sein, daß, wie schon erwähnt, Cordeyro und auch Jose Bernardo Gama von ihm spricht. „Die portugiesischen Schriftsteller“, sagt Franz Löher in seiner vortrefflichen Geschichte der Deutschen in Amerika (Cincinnati und Leipzig 1847) erklären auf das bestimmteste, daß Columbus erst, nachdem Behaim schon dagewesen, und auf dessen Angaben hin Amerika aufgesucht habe. So sagt [pg 17]Gama:[7] „Martin Behaim sah Pernambuco und entdeckte Brasilien früher als Columbus und Vespuzzi.“ Die spanischen Schriftsteller[8] aber enthalten nirgends eine Stelle, welche diese Angaben ausdrücklich widerlegte; im Gegentheil bestätigen sie ohne Vorbehalt, daß sowohl Columbus als Magellan Freunde von Behaim gewesen, von demselben Karten und Nachrichten über das westliche Indien erhalten, und auf Grund derselben ihre Reisen dorthin unternommen hätten. Auch französische Gelehrte[9] haben nicht gezögert, Behaim als den Mann anzuerkennen, der den Weg nach Amerika bereitete und zuerst befuhr. „In der That, seine Größe würde auch dann emporragen in der Geschichte, wenn seine Augen auch niemals an Brasiliens Küste umhergeschweift hätten; er wäre dennoch der geistige Entdecker des neuen Welttheils gewesen.“ Auch die portugiesischen Schriftsteller, Pater Cordeyro[10], gestützt auf das Manuscript des Doktor Gaspar Fructuosa[11], Mendo Trigozo (1812) und Garcao-Stockler (1819) u. s. w. geben ausführliche Nachrichten von Behaim und lassen seinen Verdiensten Gerechtigkeit wiederfahren. In Betreff der Deutschen, [pg 18]welche Behaims Verdienste beleuchteten, schrieb Stüven in Frankfurt 1714 eine Abhandlung über den ersten Entdecker der Welt[12] und Otto in New-York richtete an Franklin eine Denkschrift (abgedruckt in den Transactions of the American philosophical Society 1786 II. Nr. 35) zum Erweise, daß Behaim der rechte Mann sei. Diese Behauptung des Deutsch-Amerikaners, daß Behaim Amerika entdeckt habe, suchte der Spanier Cladera[13] zu widerlegen. Auch Wagenseil[14] und Postel[15], Pigafetta, Jansen, Doppelmayr[16], Wurzelbaum[17], Lochner[18], Wülfer[19], Cellarius[20], [pg 19]Omeis[21], haben Martin Behaim die Entdeckung der neuen Welt zugeschrieben, und die Herren Chr. Gottl. Schwarz[22], Mörl[23], Bielefeld[24], Fürer[25], Will, Peter van der Aa[26] u. A. sagen in der Hauptsache Nichts Anderes. Die Amerikaner Robertson[27], Washington Irving[28] u. A. wollen dies freilich nicht anerkennen, ebenso als sie früher die (jetzt festgestellten) Entdeckungen der isländischen Nordmänner hartnäckig bestritten, und in Deutschland selbst sind bei Manchen z. B. Gebauer[29], [pg 20]Tozen[30], von Murr[31], Baur[32] u. A. die Zweifel noch nicht beseitigt. Wenn wir hier noch die Werke von Humboldt[33], Franz Löher[34], Ghillany[35], Oscar Peschel[36] und Fr. Kunst[pg 21]mann[37] anführen, so glauben wir, wenn auch nicht erschöpfend, doch ziemlich vollständig auf die Behaim-Literatur hingewiesen zu haben, und wollen nur noch bemerken, daß in dem Werke von Ghillany – das neueste bedeutendste Werk über Behaim – in sehr lichtvoller Weise dargethan wird, daß Behaim wesentlich zur Ausführung des Planes von Columbus beigetragen habe.

Wir kommen jetzt II. auf das Buch der Chroniken von Hartmann Schedel in Nürnberg, das erst lateinisch, dann 1493 in deutscher Uebersetzung erschien, somit die nächste Jahreszahl nach der Entdeckung Amerikas durch Columbus trägt.

Es heißt hier, daß König Johann II. von Portugal im Jahre 1483 Jacob de Cano, einen Portugiesen, und Martin Behaim, einen Deutschen aus Nürnberg, mit etlichen Galeeren [pg 22]gegen Aethiopien ausgeschickt hätte; daß sie in dem südlichen Meere nicht weit von der Küste geschiffet, und nachdem sie über die Linie gegangen, in die andere Welt gekommen wären, wo ihr Schatten, wenn sie gegen Morgen gestanden, mittagwärts und zur Rechten gefallen sei; daß sie solchergestalt eine neue und bisher unbekannte Welt, welche in vielen Jahren von keinem als den Genuesen, wiewohl vergeblich, gesucht worden, entdeckt und daß sie endlich nach einer 26monatlichen Schifffahrt zurückgekommen und zum Wahrzeichen Pfeffer und Paradieskörner mitgebracht hätten.

Wiewohl in dieser Stelle thatsächlich von einer anderen neuen Welt die Rede ist und man auch auf Grund dieser Urkunde versucht hat, dem Martin Behaim die Ehre der Entdeckung von Amerika (Brasilien) zuzuschreiben, indem man angenommen hat, daß Behaim, wie später Cabral, durch die von Congo nach Westen führenden Strömungen nach Brasilien gelangt sei, und daß der Verfasser jener Stelle in der Nürnberger Chronik, wenn er schon von Columbus etwas gewußt, sicher dessen Namen genannt haben würde, um den Ruhm Behaim’s gegen ihn herauszustellen, so scheint mir doch diese Urkunde aus folgenden Gründen von keinem sonderlichen Gewicht zu sein. Die angeführte Stelle ist nämlich dieselbe, welche in des Aeneas Sylvius Buch de Europae sub Frederico III. Imperatore statu aus diesem Chronikon eingerückt ist. Dieser Aeneas Sylvius, nach[pg 23]heriger Pabst Pius II. (gest. 1464), ist übrigens derselbe, der sich in seiner Weltbeschreibung (Cosmographia) auf Nicolo Conti beruft, dessen 25jährige Reisen (1424 bis 1449) in Indien bei Poggio (Paris 1723) erwähnt werden. Aber, auch abgesehen davon, so will der Verfasser offenbar nur andeuten, daß diese Seefahrer, nachdem sie über die Mittellinie gesegelt, auf die südliche Halbkugel der Erde gekommen wären; die Angabe, daß nach Passirung der Linie der Schatten, wenn man gegen Morgen stehe, mittagwärts und zur Rechten falle, wird wohl jeder richtig finden, der über die Linie hinausgekommen ist. Im Uebrigen ersehen wir aus diesem Buch der Chroniken, in das Behaim das Capitel Portugalia bei seiner in Nürnberg als Kosmograph gefeierten Anwesenheit vielleicht selbst eingetragen hat, daß er als Befehlshaber eines Fahrzeuges jene Entdeckungsreise mitgemacht habe, wenn er auch dieß selbst auf seiner Weltkugel niemals behauptet. Die betreffende Stelle heißt: „daß König Johann etlich galeren hinter die seulen Herkuls geschickt und denselben Schiffen zween patron gesetzt, nehmlich Jacobum Canum einen Portugalier und Martin beheym einen teutschen von nürnberg.“ Es ließe sich vielleicht nun aus dieser Stelle der Schluß ziehen, daß Behaim, da er Entdeckungsreisen nach Afrika und zwar als Befehlshaber gemacht, wahrscheinlich auch später mehren Entdeckungsreisen nach Westen beigewohnt hat.

Was III. den von Martin Behaim im Jahre 1492 zu Nürnberg angefertigten und daselbst noch aufbewahrten Globus betrifft, so haben manche Schriftsteller behaupten wollen, daß auf demselben bereits die Menge der westlichen Inseln und die östlichen Küsten von Süd-Amerika (die Flachlande von Brasilien, die Prajas von Pernambuco) erschienen, wohin Behaim viele Jahre früher, ehe Columbus sich zur Reise anschickte, von den Azoren aus gekommen sein soll. Man glaubte hieraus schließen zu können, daß Martin Behaim den Archipel der Azoren oder Antillen entdeckt, dem Columbus nicht allein den Weg nach dem östlichen Asien, sondern selbst das Vorhandensein eines neuen Festlandes enthüllt und auf diesen Globus die Meerenge verzeichnet habe, welcher Magellan seinen Namen gegeben und die man mit größerem Rechte Fretum Bohemicum nennen zu können glaubte.