Bei näherer Betrachtung der höchst merkwürdigen Erdkugel findet sich von diesen geographischen Angaben keine Spur auf derselben, womit jedoch nicht gesagt sein soll, daß eine kühne Phantasie, abgesehen von der deutlich verzeichneten Insula Antilia, durch die Lage der über dem circulus aequinoctialis (Aequator) angegebenen Insel Brandan, der im Norden des tropicus cancri verzeichneten Insel (Cathay, oceanus oriental. indic.), so wie der südlicher gelegenen Insel Cipango, nicht im Stande wäre, an die West-Indischen Inseln oder an Süd-Amerika zu denken – wenn man sich dieselben theils noch als Inseln, [pg 25]theils als mit Ost-Indien zusammenhängend denkt. Nach dem geographischen System jenes Zeitalters, welches in Bezug auf das östliche Asien nebst den angrenzenden Theilen des Oceans fast einzig und allein auf die Erzählungen des Marco Polo, Balducci Pegoletti und Nicolas de Conti begründet war, glaubte man, daß unzählige Inseln, reich an Spezereien und Gold, in dem Meer von Cin, d. h. in den Gewässern von Japan, China und dem großen Archipelagus Ostindiens belegen seien. Die Weltkarte des Martin Behaim zeigt nun von 45° nördl. bis 40° südl. Br. eine Kette von Inseln, die den Enden Asiens gegenüber liegen und ist mehrfach, wie wir früher bemerkt, abgebildet, unter Anderem auch im Jahre 1847 von dieser Erdkugel des Behaim ein Facsimile für die Pariser Akademie angefertigt worden.
Auf dem von Martin Behaim angefertigten Globus findet sich mitten im Ocean zwischen Europa und Asien eine insula Antilia, genannt Septem ritade (citade), verzeichnet. Sie liegt westlich der Canaros, fern von den Azoren in 24° Br., also fast unter dem Wendekreise des Krebses. Ueber die „Länge“ zu sprechen ist überflüssig, da diese von den verwirrten Begriffen abhängig ist, die man sich von der Entfernung zwischen Ouinsai und Cipango und den Küsten von Portugal bildet, man kann sich aber des Gedankens unwillkürlich nicht erwehren, daß diese „phantastische Wanderinsel“ so ziemlich fast unter denselben Breitengraden wie die später als Antillen bezeichneten Inselgruppen gelegen ist, und [pg 26]zwar um so mehr, als auf der Karte von Juan de la Cosa aus dem Jahre 1500 die zu dieser Gruppe gehörigen Inseln Cuba, Espagnola auch noch nördlich des Wendekreises des Krebses liegen, auch Vespucci in seiner zweiten Reisebeschreibung (Bandini pag. 44.) Haiti (Hispaniola) Isola d’Antiglia nennt und, wie uns Bartholomäus de las Casas lehrt, vorzugsweise die Portugiesen den Namen Antillen auf Hispaniola anwendeten. Diese von Behaim verzeichnete Insel findet sich auch auf früheren Karten des vierzehnten Jahrhunderts, wenn auch nicht in dieser Lage, angegeben. Die älteste Angabe der Insel Antillia scheint nach von Humboldt’s kritischen Untersuchungen die im venetianischen Atlas des Andrea Bianco (1436) zu sein, wo sie sich auf der fünften Karte des in der St. Markusbibliothek aufbewahrten Werkes findet. Wenn man, da die Karte keine Gradeintheilung hat, als Maßstab die Entfernung des Cap Vincent vom Cap Finisterre (5° 51') annimmt, so findet man als Abstand der Küsten von Portugal bis zum Mittelpunkt der azorischen Insel des Bianco 153 Seemeilen (statt 247), dagegen als Abstand der Azoren von der Antillia 87 Seemeilen. Diese letztere Insel läge mithin 240 Seemeilen westlich von den Küsten von Portugal, d. h. unter 27° 55' w. L. von Paris (in dem Meridian der Insel San Miguel der Azoren) und zwischen 33° 20' und 38° 30' Br. Auch die auf der Militärbibliothek in Weimar aufbewahrte Seekarte aus dem Jahre 1425 (1424?), einige Jahre älter als die [pg 27]Karte des Bianco und offenbar italienischen Ursprungs, ist wegen des Namens Antillia bemerkenswerth. Sie stellt aber nur den nördlichen Theil der Insel Antillia, dagegen das ganze Rechteck der Satanshand dar. Der Abstand der Küste von Portugal vom Mittelpunkt der Gruppe der Azoren beträgt 110 Seemeilen, während die Karte vom Jahre 1436, wie oben bemerkt, deren 153 gibt. Auf der zu Parma sich befindenden Welttafel von Beclario oder Bedrazio, einem Genuesen aus dem Jahre 1436, erblickt man auch die rechtwinkeligen Inseln Antillia und Sarastagio (Hand des Satans). Die Hafenkarten des Gracioso Benincasa von Ancona und seines Sohnes Andrea (1463 bis 1473) wurden auch häufig wegen des Namens der Insel Antillia angeführt, der sich auf ihnen finden soll; aber es scheint, daß man eine weit jüngere von Blaze Vouloudet im Jahre 1586 angefertigte Karte, auf der man westlich von Irland ein Land Scorafixa oder Scoeafixa (Bacallaos?) erblickt, für eine Arbeit des Andrea Benincasa gehalten hat.
Auf den Karten des Juan de la Cosa und Ribero findet sich keine Spur von dem Namen der Antillen, auch auf der zu Parma aufbewahrten Weltkarte des Picigano (1367) kommt die Bezeichnung Antillia nicht, wohl aber, wie auf Behaim’s Globus, die Insula de Brazie (Brazir, Brazil) vor. Die Insel des heiligen Brandan, die Behaim’s Globus ebenfalls angibt, nennt Andrea Bianco so wenig wie die Glückseligen Inseln. Auch ist bemerkenswerth, daß weder [pg 28]Columbus, noch Gomara, Oviedo oder Acosta, noch die Karten von Amerika und die Welttafeln, welche seit dem Jahre 1508 den Ausgaben des Ptolamais beigefügt werden, des Namens Antillia gedenken. Die erste Spur dieses Gebrauches des Namens findet von Humboldt in den Oceanis des Peter Martyr d’Anghiera (Dec. lib. I. pag. II. beendigt im Novbr. 1493). Hier findet man die geographische Benennung der Antillen in der Mehrzahl. Aber noch mehr; das einzige Mal, wo man in den Briefen des Amerigo Vespucci (c. 1500) den Namen Columbus findet, steht er in Verbindung mit dem Namen Antillia, obgleich Columbus nie die Gesammtmasse der von ihm entdeckten Inseln von Inseln unter eine gemeinschaftliche Benennung zusammenstellt. Uebrigens ist es mit dem Namen der Antilleninseln gegangen wie mit dem von Amerika. Der erstere wurde im Jahr 1493 von Anghiera vorgeschlagen, der letztere von Ylacomylus, und bei beiden war mehr als ein Jahrhundert erforderlich, ehe der Gebrauch allgemein verbreitet war.
Martin Behaim schreibt bei der Insel Antillia Folgendes: „Als man zählt nach Christi Geburt 734 Jahre, als ganz Hispania von den Heiden aus Afrika genommen war[38], da [pg 29]wurde bewohnt die oben beschriebene insula Antilia, genannt Septem ritade, von einem Erzbischof von Porto Portigal mit sechs anderen Bischöfen, die zu Schiffe von Hispania dahin geflohen kamen mit ihrem Vieh, Hab’ und Gut. Anno 1414 ist ein Schiff aus Hispania ungefähr am nächsten dabei gewesen.“ Diese Angabe der Insel Antillia ist ein Beweis, daß allerdings Martin Behaim, wenn er auch nicht selbst auf dieser Insel gewesen, doch Nachrichten, Kenntnisse, Anzeichen (indicia) von einem im Westen liegenden Lande gehabt haben muß. Diese können ihm durch Schiffer (und die Angabe unter 1414 weist darauf hin), durch Schiffbrüchige oder durch an die Ufer der Azoren angeschwemmte Gegenstände geworden sein, z. B. durch Fichtenstämme an den Küsten von Graciosa und Fayal, durch Leichname unbekannter Menschenracen an der Insel Flores, durch Stücke künstlich aber ohne eiserne Werkzeuge geschnitzten Holzes an der Insel Porto Santo und selbst durch Canots, die mit Häuten bedeckt und mit Menschen von einem gänzlich unbekannten Stamm besetzt gewesen, von welchen Gegenständen auch die Zeitgenossen des Columbus (s. Vida del Almirante, cap. 8 pag. 6) mit der kleinlichsten Genauigkeit reden und die auch von Columbus als Zeichen von Land im Westen betrachtet wurden. Sein Sohn Fernando sagt in der That: „Die Bewohner (moradores) erzählten meinem Vater, daß während die Winde vom Westen wehten ...“ aber der Admiral konnte diese Nachricht in irgend einem Hafen Portugals oder [pg 30]Spaniens erhalten, da wir, wie v. Humboldt bemerkt, mit Bestimmtheit aus der Handschrift der Historia de las Indias von Las Casas wissen, daß Columbus in Spanien im Kloster von Rabida die Reise des Pedro Velasco aus Palos kennen lernte, welcher von Fayal abgereist, nach einer Schifffahrt gegen Westen bis zu einer Entfernung von 150 Lieues (wonach er bis jenseits des östlichen Punktes des großen Tangstreifens gelangt sein müßte) die Insel Flores entdeckte. Auch ist es bei den großen astronomischen Kenntnissen Behaims wahrscheinlich, daß derselbe überzeugt gewesen sein muß, daß westlich von den Azoren noch andere Küsten anzutreffen seien, denn sonst hätte er wohl nicht den König von Portugal veranlaßt,[39] ehe noch Columbus seine Absichten erreicht, Expeditionen auszuschicken, um die Antillen zu entdecken, die freilich zurückkehrten, ohne ihren Zweck erreicht zu haben. Und dann, sollten nicht die Westwinde und insbesondere der aus dem Golf von Mexiko kommende, an der Ostküste von Nordamerika sich hinziehende und in der Richtung nach den Azoren laufende, südöstliche Auslauf des Golfstromes dem auf der über ein Dritttheil des Weges nach Amerika in den Atlantischen Ocean hineingeschobenen Insel Fayal lebenden großen Seefahrer und Kosmographen die Lage des westlich gelegenen Landes verrathen haben?
So gewiß die Möglichkeit nicht gänzlich geleugnet werden kann, daß durch die Gewalt der Winde, die häufig mächtiger ist als die der Strömungen, phönizische und karthaginensische Schiffe, die für den Handel mit Zinn und Bernstein verwendet wurden, auf ihrem Wege durch den Sinus Oestrymnicus verschlagen und an die Küste der Azoren geworfen wurden, daß ferner die Araber und die Normanen die azorischen Inseln besucht haben und daß sie von der Küste Siciliens und Tunis punische und cyrenäische Münzen mit sich haben führen können – so gewiß ist auch nicht zu leugnen, daß Columbus, zwischen dem und Behaim höchst wahrscheinlich Beziehungen stattgefunden haben, obgleich sie durch nichts unmittelbar nachgewiesen werden können, früher einmal zu Fayal gelandet sein könne und daß Behaim, der geraume Zeit daselbst gelebt, alle Anzeichen und Erfahrungen von westlich liegenden Ländern gesammelt habe. Auch wollen wir hier die Vermuthungen der portugiesischen Seefahrer anführen, welche vor und nach 1484 – das Jahr, in welchem Colon Portugal verläßt – die Gewässer außerhalb der Azoren besucht hatten. Hierher gehört 1) die Reise eines gewissen Diego de Tiene (Teyve?) zur Aufsuchung der Antillia, dem als Pilot der obengenannte Pedro de Velasco diente, derselbe Seemann, welcher dem Admiral Don Colon im Kloster La Rabida bei Palos von dieser Reise erzählte; 2) die Reise des Ferdinand Dulmo (d’Ulmo, aus Ulm?), eines Capitäns der Terceira und Joh. Affonso, eines Pflanzers von Madeira, die eine Gesell[pg 32]schaft mit einem deutschen Ritter gebildet hatten, um eine große Insel oder das Festland im atlantischen Westen zu entdecken, wobei man voraussetzte, daß die Ilha da sete cidades (Insel der sieben Städte) und das Festland nicht unter 40 Tagen erreicht werden möchten. E quanto ao Cavaleiro aleman, heißt es in der Urkunde vom 24. Juli 1486 pag. 66, que em companhia delles ha de hir, que elle aleman escolha dir em qualquer caravella que quizer. „Der deutsche Ritter, bemerkt Peschel in seinem vortrefflichen Buche S. 617, ist höchstwahrscheinlich Martin Behaim, obgleich es viele Deutsche damals in Portugal gab. Ueber die Erfolge dieser Reise sind wir bis jetzt nicht unterrichtet.“ 3) Die nach portugiesischen Quellen i. J. 1464 gemachte, aber durch nichts bewiesene, oben erwähnte Entdeckung eines Theiles von Nord-Amerika, die später sog. Terra do Bacalhao, durch den portugiesischen Seefahrer Joa Vaz Cortereal. Dazu gesellten sich noch die Vermuthungen von Land und Inseln, welche die Bewohner von Madeira, von den Canarien und auf den Azoren, jedes Jahr im fernen Westen auftauchen zu sehen glaubten, und die Aussagen dieser und jener Steuerleute, die versicherten, bei ihren Ueberfahrten nach Irland im Westen Land gesehen zu haben, welches sie für einen Theil der Tartarei u. s. w. ausgaben. So vorbereitet waren die Gemüther auf große Dinge worden und das 16. Jahrhundert hätte sicherlich auch ohne Colon’s Plan schon frühzeitig gefunden, da der [pg 33]Gedanke durchaus nicht mehr neu war, daß man bei der unbestrittenen Annahme der Erde als kugelförmiger Körper recht wohl den Ostrand Asiens durch eine atlantische Ueberfahrt erreichen könnte. Hiermit soll aber der Ruhm des Genuesers, dessen Verdienst in der absichtsvollen Entdeckung neuer Seewege besteht, und dessen That die große Begebenheit um einen kostbaren Zeitraum beschleunigte, durchaus nicht herabgesetzt, zu gleicher Zeit aber auch das Verdienst seiner Zeitgenossen nicht unterschätzt werden, welche zur Lösung der Aufgabe mit beigetragen und Columbus in seinem Plan, nach Westen zu segeln, mit angeregt und bestärkt haben. Und wer wäre hierzu geeigneter gewesen, als sein Freund, der berühmte Seefahrer Martin Behaim, der auf der (wie schon bemerkt) über ein Dritttheil des Weges nach Amerika weit im Ocean liegenden Insel Fayal – dem Thule der gebildeten Welt – schon mit Einem Fuße in der Neuen Welt stand?
Die Azoren, von den Portugiesen seit 1432–1449 nach und nach entdeckt und in portugiesischen Urkunden schon 1447 erwähnt, waren überdieß von thätigen und unternehmenden Seeleuten bewohnt, die mit Irland, Island u. s. w. in Verbindung standen und von denen schon im Allgemeinen erwartet werden konnte, daß sie befähigt und durch die natürlichen Verhältnisse angeregt waren, die Fahrten gegen Westen fortzusetzen. Auch soll nach einer alten, sich immer wiederholenden Sage, die der Geschichtsschreiber der Azoren, Fructuosa bei Cordeyro und Historia del Reyno de [pg 34]Portugal por Manuel de Faria y Sousa umständlich erwähnt, die aber Martin Behaim, Barros u. s. w. nicht kannten, auf Corvo ein Steinbild (ein Mann zu Roß, der mit der ausgestreckten Rechten gegen Nordwesten deutete) von den Entdeckern gefunden worden sein, durch welches Columbus nach einer neidischen Ueberlieferung eine Offenbarung von der Neuen Welt empfangen haben soll; jedoch scheint diese angebliche Reiterstatue – wenn nicht etwa ein vulkanisches Vorgebirge aus Basalt, Trachyt und emphibolischem Porphyr in Form eines Reiters gleich des Hestmann in Finnmarken oder ein Warnungssignal vor oceanischen Fahrten – wie die Bildsäulen des Hercules einem und demselben Cyklus systematischer Träumereien auf dem Gebiete der Geographie anzugehören. Im Uebrigen verbürgt sich der gelehrte Geschichtsschreiber Damião de Goes (Chron. do Princ. D. Joam. Lisboa 1790 cap. IX. p. 119.) für die Thatsache, daß einige Fragmente dieses Steinbildes nach Lissabon gekommen sind und setzt hinzu, daß die unleserlichen Buchstaben der Inschrift, von der 1529 ein Wachsabdruck genommen wurde, von Normannen herrühren könnten, also Runnen gewesen sein möchten. Auffallend bleibt es nur, daß Behaim, der, wie bemerkt, geraume Zeit auf den Azoren gelebt, nichts von diesem Steinbilde weiß.
Endlich liegt die Vermuthung nahe, daß ein solcher Seefahrer wie Martin Behaim in den besten Jahren, dem aber, so wie Columbus, nicht nur die von den Scandinaviern ge[pg 35]machten Weinlandsfahrten nach Nord-Amerika, sondern auch die von Seneca, Plato, Aristoteles, Eratosthenes, Diodor von Sicilien u. s. w. gegebenen dunkeln Andeutungen über einen unbekannten, im atlantischen Ocean liegenden Kontinent bekannt gewesen sein müssen, nicht nur alle darauf bezüglichen Zeichen und Angaben eingesammelt hat, sondern vielleicht auch selbst, wie wir eben bei der Reise des Ferdinand Dulmo angedeutet, nach der von ihm in 24° Breite verlegten Insel Antillia gesegelt ist. Diese Annahme einer westlichen Reise des Behaim, die von den Azoren nach der Zwischenstation der Bermudas und Bahamas und von hier nach den Antillen leicht und in kurzer Zeit (Columbus segelte auf seiner zweiten Reise von Cadix nach den Antillischen Inseln kaum sechs Wochen) auszuführen war, gewinnt dadurch an Wahrscheinlichkeit, daß Martin Behaim durch Regiomontans verbessertes Astrolabium die Schiffer bekanntlich in den Stand gesetzt hat, mittelst dieses Instrumentes nach der Sonnenhöhe die Entfernungen zu bestimmen und sich auf offener See zurecht zu finden.
Zum Schluß unserer Abhandlung kommen wir endlich IV. auf den Einfluß, welchen Martin Behaim auf die Entdeckung der Patagonischen Meerenge ausgeübt hat. Zwei Werke, deren Autorität, wie bemerkt, nicht in Zweifel gezogen werden darf, die Dekaden des Herrera und die in der Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand aufbewahrte und im Jahre 1800 von Amoretti bekannt gemachte Handschrift des Piga[pg 36]fetta lassen auf gleiche Weise diesen Einfluß erkennen. Nach Herrera (Dec. II, lib. II, cap. 20 und 21; lib. IV., cap. 10, Tom. I, pag. 193, 195, 338) zeigte Magellan am spanischen Hofe zu Valladolid dem Bischof von Burgos eine gemalte Erdkugel (globo bien pintado), auf welcher er den Weg verzeichnet hatte, den er zu nehmen gedachte, indem er die Meerenge absichtlich weiß ließ, damit man ihm sein Geheimniß nicht entwenden konnte. ... Er fügte hinzu, daß er um so gewisser wäre, eine Meerenge anzutreffen, als er sie gesehen hätte (ohne Angabe des Ortes) auf einer von Martin de Bohemia, einem von der Insel Fayal gebürtigen Portugiesen (?) und Kosmographen von großem Rufe angefertigten Seekarte, und daß diese Karte ihm viel Licht (mucha luz) über jene Meerenge verschafft habe. Pigafetta, einer der achtzehn Reisegefährten des Magellan, welche das Glück hatten, am 6. September 1522 Europa wiederzusehen, sagt: „Am 21. Octbr. 1520 fanden wir eine Meerenge .... aber unser Anführer hatte Kunde (Magellan war nämlich die Küste jenseits des Vorgebirges St. Maria zur Mündung des Rio de Solis d. h. Rio de la Plata gefahren), daß er durch eine sonderbar verborgene Meerenge hindurchsteuern müsse, welche er aus einer in den Archiven (tesoreria) des Königs von Portugal (im Schatz des Königs Emanuel im Kloster von Alcobaca?) aufbewahrten und von einem ausgezeichneten Kosmographen Martino de Boemia angefertigten Seekarte gesehen habe.“
So lautet Herrera’s und Pigafetta’s Bericht über den Einfluß Behaim’s auf die Entdeckung der Patagonischen Meerenge, der nicht abgestritten werden kann. Mag man sagen, daß Magellan fälschlich dem berühmten Nürnberger Kosmographen die besagte Karte zugeschrieben, daß öffentliche Urkunden, in welchen nur die auf Kosten der spanischen Regierung unternommenen Seefahrten verzeichnet sind, uns keine absolute Gewißheit geben, daß zu einer gewissen Epoche die Entdeckungen nur bis zu dieser oder jener Grenze und nicht weiter ausgedehnt worden seien, mag man ferner sagen, daß wahre oder falsche Nachrichten durch Beimengung von Muthmaßungen und Combinationen entstellt, daß die ungenauen Kenntnisse von der Gestaltung des Neuen Kontinents nach seiner Südspitze hin sich vor 1517 auf den alten Seekarten abgespiegelt haben werden, daß Magellan eine dieser Karten in den Archiven des Königs von Portugal gesehen habe, daß Magellan, wie das Tagebuch des Pigafetta andeutet, von dem Dasein einer Durchfahrt jenseit des Rio de la Plata überzeugt war, daß aber die in den Archiven gesehene Karte des Behaim mit einer australischen Meerenge, die Lage dieser Durchfahrt keineswegs angebe und jedenfalls (?) dem Trugbilde der Schoner’schen Erdkugel, auf welcher das angegebene Süd-Amerika oder Brasilien nur eine höchst fehlerhafte Copie einer alten Weltkarte des Ruysch zum Ptolemäus sei, gleiche, daß Magellan bereits mitten in der nach ihm benannten Straße [pg 38]liegend, noch bezweifelt, ob es eine Meerenge oder ein trügerischer Golf sei, mag man dies Alles und noch viel mehr sagen, so können doch die oben angeführten, von gleichzeitigen Schriftstellern entlehnten thatsächlichen Zeugnisse nicht bezweifelt werden, welche klar und deutlich beweisen, erstlich, daß Magellan auf einer Karte in Portugal die besagte Meerenge verzeichnet gesehen hatte, welche er im Süden der Mündung des Rio de la Plata suchte, und zweitens, daß er diese Karte dem zehn Jahre vorher verstorbenen Behaim zuschreibt. Aus dem i. J. 1492 verfertigten Globus Behaim’s findet sich allerdings keine Spur einer Küste Brasiliens und ebensowenig eine Meerenge. – Wenn man nun auch vielleicht sagen könnte, daß Behaim auf seinen, an der südafrikanischen Küste gemachten Reisen, auf welchen er selbst bis zum 22° südl. Br. den Weg um Afrika angebahnt und den er auch auf seinem Globus vollständig angezeigt, obgleich ihn erst 1498 Vasco de Gama völlig zurückgelegt hat, wie früher die kompaßlosen Scandinavier von Island nach Grönland und Vinland, oder wie Cabral 1500 nach Brasilien getrieben worden sei, so ist doch mit Gewißheit anzunehmen, daß Martin Behaim vor dem Jahre 1494 nicht nach Brasilien und also auch nicht an die Magellanstraße gekommen ist. Daraus aber den Schluß ziehen zu wollen, daß Behaim die Anregung zur Entdeckung der Magellanstraße nicht hätte geben können, ist falsch, weil Behaim einerseits bei seinem langjährigen Aufenthalt auf Fayal [pg 39](bis 1506) überhaupt viele wahre oder muthmaßliche Angaben über die Gestaltung der Ostküste von Süd-Amerika dort einzusammeln im Stande gewesen ist und andererseits auch erst nach dem Jahre 1492, wo er seinen Globus verfertigte, wenn er auch nicht selbst an den Entdeckungsreisen jener Periode theilgenommen, doch sehr wohl Kenntniß von dieser Meerenge erhalten hat, um auch eine Karte darüber anfertigen zu können, die Magellan gesehen.
Die von uns näher beleuchteten Aussagen der spanischen und portugiesischen Schriftsteller, das Buch der Chroniken von Hartmann Schedel, der von Behaim im Jahre 1492 zu Nürnberg verfertigte Globus und die gewichtigen Zeugnisse Herrera’s und Pigafetta’s beweisen unwidersprechlich, daß Martin Behaim aus Nürnberg ein berühmter außerordentlicher Mann gewesen ist, der jedenfalls Columbus in seinem Plan, nach Westen zu segeln, bestärkt und wesentlich zur Ausführung des Planes von Columbus beigetragen hat. Somit ist Behaim für die Entdeckung Amerika’s von wesentlichem Nutzen und Einfluß gewesen und der deutschen Wissenschaft kommt die Ehre zu, jenen berühmten Seefahrern: Columbus, Vespucci, Vasco de Gama, Magellan u. s. w. die Möglichkeit an die Hand gegeben zu haben, sich weiter in den Ocean hinaus zu wagen. In dieser Beziehung haben, wie ich schon früher bemerkt[40], neben den [pg 40]Italienern, Spaniern, Portugiesen, Engländern und Franzosen auch die Deutschen infolge der natürlichen hohen Begabung des germanischen Geistes Theil an der Ehre, auf die Entdeckung und Entwickelung Amerika’s eben so bedeutend als wohlthätig eingewirkt zu haben.