„Hast mir doch immer versprochen, wolltest mir ein Paar Schuhe kaufen, kannst mir den Wunsch doch erfüllen. ‚Ja, ich werde dir ein Paar Holzschuhe kaufen. Sind gut genug für dich.‘ Ich sagte nein, danke, dann will ich keine. Für dieses ‚Danke‘ schlug er mich an den Kopf, so daß ich nicht wußte, was um mich her war. Als ich langsam wieder zur Besinnung kam, saßen wir in der Straßenbahn. Link sagte: hast du nun ausgemault? Da überlegte ich erst, was überhaupt los war. Da konnte ich mich nicht beherrschen. Beim Aussteigen stieß ich ihn vor die Straßenbahn, wurde auch gleich überfahren, so daß er ganz zerstückelt im Blute lag.“

Öfter erschienen im Gefängnis vor Ellis Augen im Traum und Halbschlaf Gegenstände und Gesichter, die sich gewaltig vergrößerten. Sie sagte, die Augen schmerzten ihr davon; sie bekam Angstgefühle und Herzklopfen, daß sie oft nicht wußte, was sie machen sollte. Sie ertappte sich beim traumhaften Herumwandeln. Sie bangte sich vor der Nacht, machte kalte Abreibungen. Das tat ihr wohl; aber die schlimmen Träume verschwanden nicht.

Die andere, die Bende, hatte auch oft nachts ihren Mann vor Augen. Er drohte ihr mit Dolch und Beil. Eine furchtbar drückende Angst überwältigte sie dann. Sie träumte aber auch Leichteres, Angenehmeres. Sie lief über grüne Wiesen mit vielen Blumen, sah manchmal klaren Schnee, spazierte mit ihrem Hund. Sehr oft träumte sie von ihrer Mutter und weinte im Schlaf, so daß eine Frau, mit der sie zusammen war, sie weckte. Sie sah, wie ihr Mann mit ihrer Mutter tobte. Dann träumte sie von Frau Link, von ihrer Elli, die vor ihr stand, weinte und sagte: „Link hat mich wieder so geschlagen.“

Elli war heftig von den Ereignissen, der Inhaftierung, den Vernehmungen, angegriffen worden. Sie kam nicht nur zu sich; es trat, die Träume zeigten es, eine Veränderung in ihr ein. Jetzt erst sah sie völlig und deutlich ihre Tat, jetzt erst war Link wirklich durch Gift von ihr getötet worden. Das Aufhören der Leidenschaftsfaszination bewirkte das im Zusammenhang mit den Familiengefühlen, Elterninstinkten, die die Haft und das Gericht sehr lebendig gemacht hatten. Von hier strömten jetzt übergroße Massen gesellschaftlicher Impulse. Während sie bei Tag scheinbar lustig und ruhig sich bewegte, war sie in der Nacht und im Traum Objekt der heftig aufflackernden, fest in ihr sitzenden, bürgerlichen Impulse. Sie drängte zu den Eltern, zur Mutter: sie wollte zu ihrem Muttchen, das sie rufen hörte, aber man riß sie aus der Zelle vom Fenster zurück. Das war die Straftat, die sie von der Mutter entfernte.

Sie arbeitete vergeblich und immer wieder an dem Faktum: „Link ist tot, ich habe ihn ermordet,“ und wurde damit nicht fertig. Wiederholte sich in ihren Träumen dauernd den Mordvorfall, mußte immerzu morden, – dazu trieben die Elterninstinkte – und brachte immer neue Rechtfertigungsversuche vor. Ihre Träume waren ein ständiger Kampf; der Versuch der anklagenden Elterninstinkte, sich schrankenlos zur Herrschaft zu bringen und die Widerwehr der übrigen Kräfte Ellis dagegen, auch in der heilsamen Absicht, einer Überschwemmung durch die fürchterlichen lähmenden Gewalten zu entgehen. Als Rechtfertigung führte sie sich den bildlichen Sturz in den Abgrund zu den Löwen vor. Elli sagte in dem Bilde, warum sie den Mann von Löwen zerreißen ließ. Sie war mit ihm durch den Wald, der schlimmen Ehe, gemeinsam gewandert. Dann waren sie an eine eingezäunte Stelle gekommen, einen verbotenen Ort, einen Abgrund, der offenen Wut, des Hasses, der Perversion. Der Mann suchte sie herunter zu stürzen; es gelang ihm nicht; sie rettete sich. Er selbst kam hier um. Es war nur recht. – Sie sprach im Traum schützend nur von seiner Perversion, nicht von ihrer.

Sie demonstrierte sich seine Brutalität; am eindringlichsten, wo er das Kind, das ihn begrüßen sollte, bei den Beinen anfaßte und mit dem Kopf gegen die Tischkante schlug. Da sprach sie noch Heimlicheres aus. Sie selbst war solch kleines Mädel gewesen, hatte in Link eine Vaterähnlichkeit gesehen, hatte sie in ihm gesucht. Sie wollte ihn Vater ansprechen, ihm entgegen gehen wie das kleine Mädel des Traums. Aber er enttäuschte sie in der furchtbarsten Weise. Sie klagte ihn an, er suche sie zu töten, er hätte versucht, das Kind in ihr zu töten. Sie wandte sich so verborgen schutzsuchend an die Eltern selbst und suchte sie als ihre Zeugen: sie sollten gut sein. Sie phantasierte: er warf sie vom Schiff, schlug ihr vor den Kopf. Die Enttäuschung ihrer Verbindung mit Link: er hatte ihr Schuhe versprochen und bot ihr Holzschuhe, die gut genug für sie waren. Die sexuellen Überfälle kehrten wieder in der Verschleierung des Bildes von der Schlange, die aus dem Eimer auf sie zukroch und ihr in den Hals biß.

Und ihr eigenes Vergehen suchte sie sehr klein zu machen; sie hätte nichts getan als eine Zigarette geraucht und aus Versehen ein Loch in die weiße Fahne mit dem schwarzen Adler gebrannt. Das war die Verletzung des Gesetzes.

Sie wollte sich nicht mit dem Mord und mit Link auseinandersetzen. Sie jammerte, daß sie immer morden, sich immer mit ihm beschäftigen mußte, mit dem doch Toten. Lauter Tote lagen in ihrem Saal, sie sollte sie waschen und anziehen. Sie wollte sie wegstoßen, wollte weglaufen, aber war an die Stelle gebannt.

Dazu aber war in ihr lebendig und wütete in den Träumen fort der Sadismus, die krampfhafte Haßliebe, die er in ihr geweckt hatte. So verbunden hing sie noch an dem Toten. Sonderbar überlagerten sich in ihr die Dinge: die Neigung sich wieder zu reinigen, Kind zu sein, zu den Eltern zurückzukehren, trieb ihr solche Phantasien in den Kopf; zugleich schluckte daran, sättigte sich an ihnen der sadistische Drang. Sie gruselte sich, konnte sich aber nicht losreißen. Sie konnte nicht zu den Eltern zurück über den Stachelzaun des Gewissens, und in dem Haß wollte sie nicht bleiben. Sie dachte in ihrem Hin und Her sich durch den Tod zu retten; eine Aufseherin im Traum half ihr, schnitt ihr den Körper mit einem Messer durch. Einmal erhängte sie sich, wie es ihr Mann öfter versucht hatte. In diesem Traum mit der Kriegsflagge der Marine identifizierte sie sich auch mit dem Mann, der im Krieg Matrose gewesen war, und bestrafte sich, indem sie sein Schicksal erlitt.

Sie strafte sich überhaupt mit diesen Phantasien. Sie fürchtete sich vor ihnen und verhängte sie über sich.