Link hatte eine junge, niedliche Frau geheiratet. Er war glücklich gewesen, daß sie ihm zugefallen war. Jetzt fluchte er für sich. Was war das? Sie trieb es zu weit mit ihren Kindereien, sie war nicht lieb zu ihm. Man konnte nett mit ihr sein bei Tag, auch da war sie oft schlimm, aber in der Umarmung war sie tot. Er grollte ihr. Sie änderte sich nicht, jetzt hatte er kein Heim. Er konnte zärtlich zu ihr sein wie zu einer Puppe, aber wenn er sich mit ihr verbinden wollte, um sie ganz zu gewinnen, blieb sie fremd, nahm ihn nicht an.
Sie fühlte sein Unbehagen. Es machte ihr Freude. Schadenfreude. Er sollte sie nur lassen. Und dann wieder war sie Ehefrau, bemühte sich umzufühlen, aber vermochte doch nicht. Ihr dämmerte ängstlich, daß sie sich da nicht zurecht fand. Es huschte durch sie, trieb sie oft ihm nachzugeben. Aber immer stärker das Gefühl: ich mag nicht. Und dann die massive Empfindung des Ekels.
Er lief abends weg in seine Versammlung, die möglichst aktiv und radikal sein mußte. Er bohrte sich in den Gedanken – ein altes schreckliches Unwürdigkeitsgefühl tauchte auf –: ich bin ihr nicht gut genug, sie spielt sich groß auf. Aber dann zitterte er: ich werde sie unterkriegen. Aufs Heftigste erschütterte ihn ihre geschlechtliche Abneigung.
* * *
Wie sie sich jetzt gegenüberstanden, war ihre Position sehr verändert. Er war enttäuscht, um das betrogen, was er in der Ehe suchte: Elli gab dem heftigen, in sich entzweiten Menschen nicht Freude, frischen und neuen Impuls. Sie gab ihm keine Möglichkeit zu einer warmen hegenden Liebe, die er in der ersten Zeit bei ihr empfunden hatte und wegen derer er um sie geworben hatte. Es war eine Enttäuschung ähnlich ihrer, als sie fühlte, er ist nicht der ernste Mann, dem ich folgen will. Mit Schimpfen, gereizten Auftritten suchte er es von sich abzuschütteln. Dann fing er an zu kämpfen. Die Sache war lebenswichtig für ihn. Er gab Elli nicht auf. Zunächst benutzte er die Situation, um sich für manches von früher zu rächen: er ließ sich gehen, tobte um Nichtigkeiten. Das Rachegefühl war schon gut, versöhnte ihn beinah mit ihr. Es war die erste Hälfte 1921. Sie waren erst einige Monate verheiratet. Er wollte sie behalten, die so nett und lustig war; sie hatte noch die Art, die ihm gefiel und an ihre gute Zeit erinnerte. Er wollte das festhalten. Er wollte sich an ihr festhalten. Er wollte sie lieben. Er kam auf einen schlimmen Weg.
Ohne daß er wußte, warum und wie, unter deutlichem inneren Widerstreben, verfiel er darauf, geschlechtlich wild mit ihr zu sein. Heftiges, Wildes, Besonderes, von ihr zu verlangen. Es gab einen förmlichen Ruck in ihnen; eine Umstellung vollzog sich in ihm. Er konnte dem wüsten Antrieb nicht widerstehen. Er merkte erst später: es war die Art, wie er mit gelegentlichen Mädchen umging, aber heißer, leidenschaftlicher. Er wollte sein Mißgeschick in dieser Wildheit begraben. Er wollte Elli bestrafen, degradieren gerade hierin, worin sie sich ihm entzog. Sie mochte das nicht; um so besser; gerade ihr Widerwille erregte ihn, steigerte den Reiz. Er wollte Wut. Ganz unterirdisch begleitete ihn noch ein anderes Gefühl: wie er jetzt seine alte verpönte Art an sie herantrug, unterwarf er sich ihr damit noch einmal. Er entblößte sich vor ihr. Sie sollte es gut heißen. Sollte ihn gut heißen. Sie sollte ihn gut machen. Wenn nicht so, dann so.
Sie verstand es. Fing die Geste richtig auf. Sie hatte schon den Hang, manches mitzumachen, um sich zu bestrafen für ihr geschlechtliches Versagen. – Nicht immer beruhigte sie sich an dem Ekelgefühl, das sie völlig einspannte, und das den Mann im ganzen unsauber erscheinen ließ, ihm einen schlechten Geruch gab. Jetzt witterte sie, bei allem Widerwillen, ja Schrecken, daß er sich veränderte, und daß er trotz allem nicht von ihr losließ. Ja, daß er der alte, der bettelnde Liebhaber war, sich ihr auf eine neue Art unterwarf. Sie witterte: zwischen allem Toben, Schimpfen, Schlagen unterwarf er sich ihr aufs Neue. Und während sie ihm nicht die warme Hingabe, Leib und Seele gewähren konnte: dies lag ihr besser. Es war ihr eine angstvolle Erregung, aber nicht ohne Lust, wie er ihr jetzt kam. Sie freute sich schon, daß er kam und daß er litt, weil er sie entbehrte. Und dann war es eigentlich eine Fortführung ihres Zankes, ein Fertigkämpfen auf eine besondere Weise. Es war mehr Schlägerei als Umarmung. Es war doch nicht mehr die dumme, erbärmliche, süße Art von früher, dieses Tätscheln, unmännliche Liebessäuseln. Er hatte ein neues Seelengebiet in ihr eröffnet.
Wirklich wurde auf dieser Linie zwischen ihnen ein zitternder Friede geschlossen. Er wurde auf neue Art nach Hause geführt und, wie er wollte, von ihr gebunden. Er hatte nicht von ihr gelassen. Und sie war von ihm fortgerissen. Es war nicht zu leugnen: sie war ihm nähergekommen. Aber es war ein gefährlicher Weg.
Es blieb nicht bei der Heftigkeit der Umarmungen. Die Veränderung ging bei ihm und ihr weiter. Die Wildheit flackerte in den Tag hinein. Sie wurden beide mehr unausgeglichen und nach Ausgleich bedürftig. Sie wurden mürrischer oder gereizter, gespannt. Sie hatte ein Auge für ihn und lauerte, wie er sich weiter entwickeln würde.
In ihm war ein keuchendes Fieber, sich loszulassen. Er tobte vor ihr, zerriß Kleidungsstücke, schüttete Wäschekörbe aus. Dabei bemerkte er selbst, daß es ihm Freude machte. Sie sollte ihn immer besser sehen wie er war. Er entblößte sich immer mehr und auf seine Selbstvorwürfe bekräftigte er sich: sie muß bestraft werden und er war der Herr im Hause. Und zwischendurch bemerkte der enttäuschte Mann, der ein neues Leben mit Elli hatte beginnen wollen, wie er zurückfiel, und wußte nicht wie sich dem entziehen. Manchmal befiel ihn ein Schreck. Jammer kam über ihn, um sich, um Elli, um seine Ehe. Kummer, wie alles gekommen war. Es war gut, wenn er nicht zu Hause war. In diesen Monaten, gegen Mitte des ersten Ehejahres, trieb er sich fast Abend um Abend in Lokalen herum, steckte den Kopf in radikalpolitische Ideen. Und fing an zu trinken. In der Trunkenheit fand er seine alte Freiheit und Ruhe wieder. Es gab da keine Sehnsucht. Kam er betrunken nach Hause, war da die Frau. Sie mußte ihm zu Willen sein. Mit Schlägen oder ohne Schläge. Und es war alles gut.