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Wie er sich so entwickelte, wurde Elli stiller. Sie kam ins Hintertreffen. War sie nicht eigentlich schon unterlegen? Ein Haß regte sich in ihr. Er schlug öfter auf sie ein. Es wurde manchmal drei Uhr nachts, daß sie stritten. Jetzt waren diese Streitigkeiten schon nicht mehr unsichtbare Umarmungen. Die Wildheiten hatten fast ganz ihren alten lockenden Sinn verloren. Es waren nackte Rohheiten. Und wenn er sie überfiel, war auch aus dem Geschlechtlichen jedes Gefühl genommen; sie hatte nichts als furchtbaren Ekel, gesteigerte Empörung und Haß. Elli, mit Lächeln und Spott in die Ehe getreten, hatte einen gewalttätigen Herrn über sich.

Aufmerksam und mit Vergnügen beobachtete seine Mutter, in deren Wohnung sie noch waren, die Entwicklung. Ihr Sohn nahm schon nicht mehr die Partei der Elli; die Mutter hetzte gegen die junge Frau.

In Elli brannte ein einziger Zorn. Sie wollte weg von Link. Als sie bei ihrer täglichen Auseinandersetzung davon sprach, warf er ihr höhnisch den Reisekorb vor die Füße. Noch größer als auf Link war ihr Zorn auf die hetzende Mutter. Elli drohte, es werde noch etwas passieren, wenn nicht bald eine Änderung eintrete. Die Mutter, sie hatte ein schlechtes Gewissen, fürchtete sich vor der Schwiegertochter. Einmal trank sie eine Tasse Kaffee, die ihr Elli gab. Ihr kam vor, als ob der Kaffee einen beißenden scharfen Geruch hatte. Und als sie ihn vorsichtig mit der Zunge abschmeckte, brannte er unangenehm. Sie fuhr gegen die Schwiegertochter heraus: du willst mich vergiften! Elli kostete selbst den Kaffee, zuckte mit der Achsel: bei mir kannst du hundert Jahre alt werden. Die alte Frau erzählte im Haus davon, auch ihrem Sohn, der sehr finster wurde.

Elli aber warf sich herum. Nicht lange nach dem Vorfall, Juni 1921, verließ sie das Haus, fuhr zu ihren Eltern nach Braunschweig. Alles Geld, dessen sie habhaft werden konnte, auch das für das Fahrrad, das der Mann verkauft hatte, dann die Groschen aus dem Gasautomaten nahm sie rachsüchtig mit.

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Vierzehn Tage war sie in Braunschweig. Sie erzählte von den ehelichen Zuständen, soweit sie sprechen konnte. Die biederen Eltern nahmen kopfschüttelnd Kenntnis. Man sprach nicht oft davon. Die Eltern hielten alles für übertrieben, Elli war ein Kindskopf, sie sollte sich beruhigen. Elli suchte selbst von den schrecklichen Dingen wegzukommen. Sie suchte sich fast mit Gewalt in ihre alte Umgebung wieder einzufinden. Sie bekam nicht Recht von den Eltern, aber sie war auch geneigt, sich mit Zwang auf die ruhige Meinung der Eltern einzustellen.

Der mürrische Mensch saß inzwischen allein in seiner Wohnung in Friedrichsfelde bei der Mutter. Hörte ihr Schimpfen an auf die schlechte Frau, die weggelaufen war, und brüllte sie an. Er war wütend auf die Mutter, auf Elli, vergrämt über sich. Und alles Schimpfen half nicht darüber weg, daß ein starker Schlag gegen ihn geführt war; er war ernüchtert. Es kamen Briefe von ihm in Braunschweig an. Aus einem hörte Elli die Stimme ihrer Schwiegermutter heraus: wegen dieser Tasse Kaffee hatten sie sich in Berlin fürchterlich gestritten, jetzt fing er wieder damit an: „Du mußt mir versprechen, daß du das mit der Mutter nicht ausführen wirst, dann wird alles anders werden.“ Er schrieb in einem zaghaften, uneingeständlich versöhnlichen Ton. Die Eltern drängten, sie solle doch gehen, er warte doch auf sie. Ihr war schon etwas freier. Der Vater freute sich, als sie sehr zögernd fortging; sie wollte den Eltern willfahren. Die Mutter konnte sich nicht recht abfinden mit dem unentschlossenen Ausdruck, dem gespannten Gesicht ihrer lustigen Tochter.

Und kaum sie in Berlin zusammen waren, fing die Hölle wieder an. Es war, als wenn sie ihre abgebrochene Unterhaltung fortführten. Sie glitten, kaum sie sich sahen, sich unverändert wiedererkannten, heißhungrig in diese Unterhaltung hinein. Hinzu tat er seinen Ärger über ihre Flucht, die erlittene Beschämung, und dann die Scham, daß er sie zurückgeholt hatte. Das mußte er verdecken und wett machen. Elli stellte sich ihm, aber jetzt fing sie bald an zu beben, zu leiden. Ihre Eltern hatten sie nicht behalten wollen. Er schlug sie und war stärker als sie. Sie wollte diesen endlosen quälenden Kampf nicht. Sie fühlte, wie sie sich selbst entfremdete. Sie dachte an früher, wie es ihr gegangen war und wie es zu Haus war. Was war sie zu Hause und in Wriezen gewesen, und später. Sie saß hilflos über sich, ihrer selbst überdrüssig, schlaff und dann wieder zu allem fähig.

Er merkte etwas von ihrer Feindschaft. Es gab ihm einen Ruck. Er wurde erschüttert, erinnert. Er schimpfte. Was heulte sie? Sie war selbst schuld. In einem Gemisch von Groll und schlechtem Gewissen, manchmal gegen seine alte Zärtlichkeit ankämpfend, ging er herum. Es müßte etwas geschehen. Eine Änderung müßte geschehen. Er führte den Entschluß aus, den er schon in Ellis Abwesenheit gefaßt hatte, betrieb den Umzug, die Trennung von seiner Mutter. Er dachte: wir ziehen weg von der Mutter, das wird helfen.