Sie zogen möbliert nach der W.-straße zu einer Frau E. Es war Anfang August 21. Sie gingen auch in diesen Tagen manchmal zusammen aus. Am 14. August nahm sie Link mit in die Gastwirtschaft von E., dem Jagdheim, wo er einen Mann treffen wollte, den er kurz vorher kennen gelernt hatte. Es war der Eisenbahnschaffner Bende. Der hatte seine Frau auch mitgebracht, Margarete, Gretchen.
Sie war drei Jahre älter als Elli, 25 Jahre alt. Hatte scharfgeschnittene, fast strenge Züge, braune Augen, eine große etwas knochige Figur. Sie saß neben ihrem Mann, einem ehemaligen Unteroffizier, einem strammen, ja massiven Menschen. Er war nicht dunkel und zerrissen wie Link, war nicht wie der hinter seiner Frau her. Er kannte auch andere Wege. Er war forsch und gewandt, der mit seiner Frau fertig wurde und sich etwas gönnte. Sie waren drei Jahre verheiratet. Verschlossener als Elli war die Bende. Sie war gar nicht leicht und lebenslustig. Sie wohnte mit ihrer Mutter zusammen, an der sie hing. Während des Krieges hatte sie sich mit Bende verlobt. Schwärmend hatte sie sich ihm angeschlossen. Schrieb noch im September 1917 ihrem lieben Willi, der im Kriege war: „o selige Stunden, o trautes Glück, wann kehrst du wieder zu mir zurück,“ nannte sich seine treue Grete. Im Mai 18 war Hochzeit gewesen. Die Ehe war dann sehr schwankend. Sie kam schwer gegen den Mann auf. Ohne ihre Mutter wäre sie völlig an die Wand gedrückt worden.
Elli hielt um diese Zeit Umschau. Sie mußte sich irgendwo anlehnen.
Die Frauen sprachen sich an. Während die Männer tranken, grobe Späße machten, sahen sie sich. Sie forschten sich mit Blicken aus. Die Bende hatte das bekümmerte Wesen Ellis bemerkt, aber noch mehr ihre kindliche Art, die zierliche Figur, den blonden Wuschelkopf. – Sie gingen zusammen. Sie wohnten beide in der Wstraße, verabredeten sich. In der Wohnung der Bende fand Elli noch Margaretens Mutter, Frau Schnürer, eine freundliche, ältere, blauäugige Frau. In der Wohnung kam man sich näher.
Die Frauen merkten, daß Elli gern und oft zu ihnen kam. Und Elli sah, daß die beiden Frauen gegen den Mann zusammenhielten. – Frau Schnürer war eine mütterlich ruhige Frau, Gretchen herzlich gut zu Elli, wärmend gut. Nach nicht langem Sondieren und Vorfühlen erfolgte auf beiden Seiten die Entladung. Da hatte Elli erzählt, was sie erzählen konnte, krampfartig, stoßartig; schmachtend ihr abgenommen von der anderen. Elli hatte etwas erreicht: man nahm sie schützend auf. Sie brauchte nicht nach Braunschweig fahren. Es war eine förmliche Veränderung, eine Befreiung. Sie hatte sich auf den alten, guten Teil ihrer Seele gestellt. Saß nun nicht mehr hilflos da, oder schrie, wenn er tobte und wußte doch, daß sie nicht aufkam. Jetzt sah sie alles bald wie im Beginn: das war doch der Mann, der sich ihr angehängt hatte. Unter dem sie fast schwach, nein, schrecklich geworden war. Und schob die peinlichen Erinnerungen von sich. Das Bild der Bende, dies Bild hielt sie fest, wenn sie nach Hause ging.
Grete Bende war ein merkwürdiges Geschöpf. Sie erging sich in starken, unklaren Gefühlen. Romantische, romanhafte Phrasen liebte sie. Sie durchschaute nicht viel, hatte erfahren, daß sie oft anstieß; sie schmückte und erhob sich mit einem schwallartigen dunklen Pathos. Sie war bei ihrer Mutter aufgewachsen, hatte das Haus noch nicht verlassen, wohnte eigentlich noch jetzt bei ihrer Mutter. Unter der engen Anhänglichkeit an die Mutter war Grete unfrei geblieben, reich an Gefühlen, aber ihren Selbständigkeitstrieb hatte die Mutter und sie selbst zum Verkümmern gebracht. Sie machte oft Anläufe zur Freiheit, meinte es nicht ernst, blieb wie sie war, im Stadium des Kindes. Ein Anlauf zur Freiheit war auch die Verbindung mit Bende. Auch der mißlang. Sie war zu schwach, um einen unruhigen Mann wie diesen zu halten, oder gar mit weiblichen Mitteln zu beherrschen, enttäuschte ihn, der nach Zügel und Überlegenheit verlangte, forderte seine Heftigkeit und Willkür heraus. Hilflos, aufs Stärkste eifersüchtig, flüchtete Grete wieder zu der Mutter, die sie immer erwartete. Die Neigung der Schlechtweggekommenen sich zu entrüsten, zu klagen, war sehr gesteigert. Die Masse von unbefriedigten Gefühlen, das Wogen in ihr hatte zugenommen. Jetzt kam Elli, die kleine verspielte Person, mit der lustigen bubenhaften Art. Grete wurde von dieser, die eigentlich Hilfe und Stütze suchte, bewegt, angefaßt, umgetrieben, wie vorher von keinem Menschen. Keiner hatte um sie, die ernste, stille und mehr trübe, recht geworben. Und wie sie, geschmeichelt, gereizt und entzückt von diesem lustigen und auch gedrückten Wesen, schwankte, wie sie ihre Gefühle zu ihr richten sollte, wies ihr Elli selbst den Weg. Hier mußte Grete trösten, zustimmen, aufrichten. Das löste sie etwas von ihrer Mutter; zugleich zeigte sie sich als echtes Kind ihrer Mutter, indem sie deren Rolle spielte. Sie zog Elli an sich. Die war ihr Trost, Ersatz für den schlechten Mann, den sie nicht festhalten konnte. Im Gefühl für Elli versteckte sich die Bende, hüllte sich warm ein, wie sie es brauchte. Die Link mußte man schützen, sie brauchte Hilfe. Sie wollte sie ihr geben. Die Link war ihr Kind.
So stellten sich die beiden aufeinander ein. Die Bende ließ ihr aufgestautes Liebesgefühl auf Elli los. Und Elli, entlastet, zärtlich gelockt, fand sich aufatmend in ihrer alten Rolle wieder, war der muntere kleine Frechdachs der früheren Zeit, der die Bende entzückte.
* * *
Link war erschüttert durch ihre Flucht zu den Eltern. Trotz seines fortgesetzten Tobens hatte er einen Schlag weg. Nach dem Umzug blieb Unsicherheit in ihm. Er tastete, fühlte, er war an einem Wendepunkt. Elli besserte sich. Aber er sah: nicht sehr und nur vorübergehend. Und auch er konnte, nein, wollte sich nicht im Zaume halten; einige Dinge, einiges Schimpfen lief schon wie von selbst hin. Von sich aus hatte er das Gefühl: sie könnte es ihm doch nicht so krumm nehmen. Aber in Ellis Stimme kam jetzt – es war auffällig – wenn sie sich stritten, leicht ein herausfordernder Ton, etwas fremdes, neues. Sie machte in irgendeiner Weise – er fühlte es und es reizte ihn stärker – machte nicht mit. Sie trieb, wenn sie sich zankten, den Streit mit einer unglaublichen Verbissenheit vor. Und das stieß ihn weiter. Er wollte nicht, er klagte: man hatte jetzt seine eigene Wohnung, er hatte schönen Verdienst; warum wurde es nicht besser?