Der Kampf, den Grete Bende gegen ihren Mann führte, ziemlich ergebnislos und meist mit Schlappen, diesen Kampf führte sie jetzt erliegend, erlegen über die Wände ihrer Wohnung hinaus. Sie kämpfte gegen einen schlechten Mann. Gegen Link. Der wurde ihr fast eins mit Bende. Und sie kämpfte heftiger gegen Link, weil ein Kampfpreis da war, ein noch ungenannter: Elli. Sie konnte Rache nehmen an ihrem Mann und auch – es wühlte sie ungeheuer auf – ein lebendiges Wesen ungestört an sich ziehen, ganz ungestört ein Geschöpf für sie, nur für sie. Sie konnte lieben.
Elli trug heiß die Wut ihrer Streitigkeiten zur Bende, die sich daran delektierte. Link kämpfte, ruderte und rang weiter. Er merkte nicht, daß er mit zwei Menschen kämpfte, oder mit einem neuen, leidenschaftlich starken. Elli hatte einen zweiten Willen, die Bende. Und dieser Wille war hart, weil er keine unmittelbare Berührung mit ihm hatte, sondern abstrakt, ganz allgemein aus dem Leeren gegen ihn anfuhr.
Enger zogen sich die beiden Frauen zusammen. Die Bende zog sie zusammen. Die Frau konnte Elli gar nicht loslassen. Sie begehrte ihre Hand in alles an dieser Ehe zu stecken. Sie hatte, das war ein Zeichen ihrer Unsicherheit und Heftigkeit, gar kein Vermögen, aufzuhören mit dem, was sie der Elli zu sagen hatte. Sie mußte ihr, eifersüchtig, empfindlich für alles und jedes, Instruktionen geben. Merkwürdig aufreizend, dabei wohl verständlich blieb es der Bende in der ersten Zeit, welchen sonderbaren Widerstand Elli ihr entgegensetzte. Elli haßte ihren Mann, aber doch nicht so wütend, wie die Bende gerne mochte. Elli schwankte, wie – die Bende selbst schwankte. Heute kam die Blonde aufgeregt, jammerte, sprühte Zorn; Grete redete tröstend auf sie ein; sie saßen herzlich nebeneinander. Und am nächsten Tage war Elli gut, aber ließ kein Wort von Link verlauten. Und verächtliche Worte, die üblichen Schimpfereien auf ihn überhörte sie. Das war der Bende unsagbar traurig. Sie sprach sich oft zur Mutter darüber aus, verheimlichte ihr, was sie fühlte. Man müßte Elli, das Kind, von diesem schlechten Mann, dem Schuft, der sie schlug und der solche Frau gar nicht verdiente, befreien. Immer wieder ließ sie sich von dem einwickeln. So redete sie empört und zitterte dabei.
Sie drängte sich enger an Elli. Das Briefschreiben, ein eigentümliches Briefschreiben begann zwischen den beiden Frauen, die in derselben Straße wohnten, sich täglich sahen und noch in der kurzen Abwesenheit ihr Gespräch, die Bemühung und das Abwehren fortsetzen mußten. Es war der Liebende und der Geliebte, der Verfolger und der Verfolgte, die sich hier faßten. Sie schrieben sich erst nicht viel. Dann entdeckten sie Reize in dem Schreiben. Merkten, es war etwas Besonderes daran, das Spiel, das sich Freundschaft, Verfolgung, Liebe nannte, fortzusetzen, während der andere nicht da war. Es war etwas eigentümlich Erregendes, eine Heimlichkeit mit Süße; und halb bewußt, halb unbewußt führten beide die Linie weiter im Schreiben, die sie schon innehielten: die Bende das Weiterverfolgen, Anziehen, Festhalten, Verdrängen des Mannes, die Link die Neigung zu spielen, sich einfangen zu lassen, die Beteuerungen, sich zu unterwerfen. Die Briefe waren scheinbar ein Mittel der gegenseitigen Hilfe, des Komplotts gegen die Männer, zugleich und vornehmlich bald ein Instrument der Selbstberauschung. Sie stachelten sich darin, beruhigten sich, überlisteten den anderen. Die Briefe waren ein großer Schritt auf dem Wege zu neuen Heimlichkeiten.
Gretens Mutter hielt zu den beiden Frauen. Herzlich und schmeichlerisch begegnete ihr Elli. Sie nannte die Frau S. bald ihre zweite Mutter. Auch die Frau S. stieß der Ehemann Bende ab; die Tochter war ihr Einziges und das behandelte er schlecht. Sie sah scharfäugig und mitfühlend, wie die Tochter um den Mann kämpfte, wurde mit abgestoßen, als die Tochter abgestoßen wurde. Sie war empört, zog sie mütterlich enger an sich. Es war kein nur negatives Gefühl, das sie da hatte; sie nahm im Grunde ihre Tochter, ihr Einziges wieder. Der Kreis erweiterte sich, Elli trat ein, wurde die Freundin der Tochter. Sie hatte ein Schicksal wie Grete. Gegen die Männer kapselten sich die drei Frauen ab, ließen sich selbst durch warme Gefühle aneinander binden. Sie waren eine kleine Gemeinschaft, so verschieden ihre Einstellung aufeinander war. Sie fühlten sich gut in ihrem Gefühle, wurden dreifach sicher in ihrer Abweisung der rohen Männer. Grete Bende schrieb einmal an Elli: „Als ich gestern nach acht Uhr vorn am Fenster stand und noch auf dich wartete, da sagte Mama zu mir: sieh dir mal die drei Tulpen an. So fest wie die zusammen sind, so fest wollen wir drei, Elli, du und ich, auch zusammenhalten und wollen kämpfen, bis wir drei den Sieg errungen haben.“
* * *
Ihr Spiel zueinander war so eingestellt. Da geriet die Bende rasch in ein süßes Fieber, das mit der Elli zusammenhing. Ganz allmählich, sehr langsam weckte dieses Fieber ein ähnliches in Elli. Sie wurden auf dem Weg der Heimlichkeiten, der erst nur gegen die Männer gerichtet war, stark weitergetrieben. Sie verbargen es sich noch, auch jede vor sich, daß der Weg seine Richtung verloren hatte. Zwischen und nach den Brutalitäten der Männer, dem Abwehren ihrer tierischen Angriffe: diese Zartheit, dieses Einfühlen und Hinhören des einen auf den anderen. Es war etwas von der Einhüllung des Kindes durch die Mutter. – Elli war munter spielerisch, lustig und schmeichlerisch zu der Bende. Aber die leidenschaftliche, von überschüssigen Gefühlen getriebene Freundin sprach ihr zu, drückte ihr die Hand, hielt sie so an sich. Solche lockende Zartheit hatte Elli, – sie mußte es sich gestehen – noch nie kennen gelernt. Sie war eigentlich nur auf die Rolle der Schmeichelkatze und des lustigen Frechdachses eingestellt. Sie wurde jetzt, ganz ohne ihren Willen, ja zu ihrer eigenen Verwunderung, die gar nicht angenehm war, berührt und gefangen. Elli hielt sich immer, um sich vor sich zu rechtfertigen, die Rohheiten des Mannes vor, den Anlaß dieser ganzen Freundschaft. Sie schämte sich heftig – sie wußte selbst nicht warum – ihrer Heimlichkeiten mit der Bende. Und das schwächte sie auch in ihrer Position gegen den Mann. Sie wurde deshalb, ohne daß die Bende es begriff, gelegentlich abweisend gegen die Bende. Es geschah aber auch, daß sie ihr Schuld- und Schamgefühl – der Verbindung mit der Bende – in Erregung und Wut auf den Mann umwandte, dies Schuldgefühl damit überdeckte, manchmal blind, manchmal in dem dunklen Gefühl: er hat das mit auf seiner Kappe, ohne ihn wäre ich nicht dahin gekommen. Und jede schlimme Szene zu Hause warf sie heftiger an die Bende: gerade wollte sie bei ihr bleiben, sie hatte Recht bei ihr zu bleiben. Das Gefühl für die Freundin entwickelte sich in der Tiefe weiter und zog wie ein Polyp andere an sich.
Link arbeitete, suchte die Frau zu versöhnen, fuhr wieder gegen sie an, trank. Sein Weg war monoton, nur in einer Steigerung begriffen. Er hatte vor allem die Frau wieder, ihre Eltern standen ihm bei, sie würde sich die Hörner an ihm ablaufen. Er fiel sie unverändert geschlechtlich an: mit ausgesprochenem Ekel, mit offenem Abscheu und Empörung erlitt sie es. Sie wollte ganz weg davon, weg von dem Seelengebiet, das er ihr aufgerissen hatte, dem des Streits, der Wildheit, der Haßverflochtenheit.
Ihr Kopf wurde wirr unter den Erregungen mit der Freundin und dem Mann. Sie lief zur Freundin, um sich Ruhe zu verschaffen. Ihre kleine Wirtschaft vernachlässigte sie. Wenn ihr der Mann morgens für den Haushalt und für kleine Besorgungen Aufträge gab, vergaß sie es, in ihrem inneren Trubel, und weil sie überhaupt nicht denken wollte. Sie mußte sich kleine Aufträge aufschreiben. Und ihm, der das beobachtete, machte es Freude, ihr Aufträge zu geben, damit sie über Tag an ihn zu denken hatte, damit er sie binde und klein kriege. Er konnte ihr dann abends, wenn er nach Hause kam, zeigen, wer sie war. Ihre Angst, wenn er kam; meist angetrunken. Sein wahnsinniges Toben. Dann war sie ihm schon nicht mehr diese bestimmte Elli. Er tobte, weil er Herr war. Es war der Rest, die Ruine seiner Liebesleidenschaft. Zerbrach, was er fassen konnte, griff nach Geschirr, Tisch, Rohrstühlen, Wäsche, Kleidung. Sie schrie: „Sei doch nicht so streng mit mir! Ich mach doch alles, was ich kann. Wie soll ich es denn machen? Hau mir doch nicht immer auf den Kopf! Du weißt doch, daß ich am Kopf nichts vertragen kann.“ – Er: „Reiß den Verstandskasten zusammen!“ Sie: „Mann, du erreichst mit der Strenge gar nichts, nur mit einem guten Wort. Du verschlimmerst die Sache bis ich für nichts garantiere. Du machst so lange, bis das Maß überläuft.“ „Du kleines Ding! Was kannst du schon machen. Hier ist der Gummiknüppel. Der wird dir helfen!“
Ihr Haß auf den Mann. Sie schrieb erbitterte Briefe an ihre Eltern, die sie zurückgetrieben hatten. Sie sollten wissen, wie es mit ihnen stand. Sie mache ihrem Mann sein Heim so ungemütlich, daß er schon gehen solle. Sie besorge ihm nur sein Fressen. Sie hasse ihn, daß sie ihn anspucken möchte, wenn sie ihn sähe. Sie möchte nur, daß er arbeiten müsse, für Alimente und für sie. Sie wolle ihm wieder ausrücken, und das Bett, das er gekauft habe, auch die Bezüge seiner Mutter, alles wolle sie mitnehmen. Unter Eheleuten gebe es keinen Diebstahl.