Der Haß faßte sie zwar an und sie stürzte sich willentlich tiefer in den Haß, aber immer waren ihre Worte noch erbitterter als ihr Gefühl: sie suchte ihre Neigung zu der Bende zu rechtfertigen, die sie sich und den anderen nicht eingestehen wollte. Sie sprach auf diese Art verschleiert von der Bende. Ein sonderbarer Zwiespalt entstand in Elli; er wurde ihr im Umgang mit der Bende täglich deutlich, brannte ihr förmlich auf die Nägel. Die Dinge mit Link besprach Elli mit der Bende täglich, aber sie war in eine Rolle gedrängt, mußte übertreiben, manches falsch darstellen; sie mußte den Rest ihrer Bindung an Link leugnen. Sie führte eine Art Doppelleben. Dieses Hin und Her war nicht ihr Wunsch.
Aber schon entschied es sich, wenigstens für jetzt. Die Liebe zwischen den beiden Frauen flammte auf. Aus dem bloßen Freundschaftsbeteuern, Trösten, Küssen, Umarmen, Sich-auf-den-Schoß-setzen wurden geschlechtliche Akte. Es war die Bende, die gefühlsstarke, leidenschaftliche, die zuerst zuckend dazu hingerissen wurde. Anfangs war Elli ihr Kind gewesen, das sie beschützen mußte. Jetzt bewunderte sie die kleine entschlossene Aktive. Sie schob sie ganz in die Rolle eines Mannes hinein. Dieser Mann liebte sie, dieser ließ sich von ihr lieben; sie war als Frau nicht sehr glücklich bei Männern und ganz und gar nicht bei ihrem eigenen Mann. Jetzt war Elli ihr Mann. Sie mußte ihr immer wieder ihre Liebe versichern. Nicht genug Beteuerungen und Liebesbeweise konnte die Bende empfangen. Elli, im Wegdrängen von Link, ließ sich willentlich auf diesen Weg führen. Ihre Aktivität, ihre männliche Entschlossenheit bekam einen geschlechtlichen Boden und steigerte sich gefährlich dadurch.
Nach diesen Vorgängen wuchs in ihnen die Sicherheit und das Gefühl, zusammenzugehören. Ein Scham- und Schuldgefühl war da, aber es schwächte sich gegen die Männer ab. Elli stieß heftiger ihren Mann zurück. Es war die Wahrheit, was sie der Bende sagte und schrieb: daß sie ihrem Mann oft den Verkehr verweigerte und ihn nur gezwungen duldete.
* * *
Damals gegen Ende 21 kam es bei Streitigkeiten zwischen den Links rasch zu schweren Handgreiflichkeiten. Elli war vollkommen im Haß auf ihren Mann. Der Mann war stärker; sie trug Beulen und kleine Verletzungen am Kopf davon. Sie ließ sich von Sanitätsrat L. ihre Verletzungen attestieren.
Denn in ihren Gesprächen mit der Bende war sie schon zu dem Entschluß gekommen, sich von Link zu trennen. Die Bende und sie hatten öfter – ein Rauschzustand der beiden begann – den phantastisch schönen Plan durchsprochen: sie wollten zu dritt, die Mutter, Elli und Grete zusammen ziehen. Darum saß in Elli der Gedanke der Ehescheidung fest. Sie dachte nur daran, aktiv zu sein, männlich zu sein, der Freundin ihre Liebe zu beweisen. Sie hatte kaum mehr einen Blick für den Mann. Er arbeitete vor Weihnachten die Nacht über, zweimal vierunddreißig Stunden. Aber sie lief zu der Bende. Der Ehemann Bende hatte Elli schon das Haus verboten; ihm gefiel das Klatschen und Zusammenhocken der Frauen nicht. Auch der Ehemann Link wünschte nicht Ellis Verkehr mit der Bende. Er glaubte nicht an Ellis Besuche bei der Bende, war eifersüchtig auf einen unbekannten Mann. Die beiden Frauen waren in Furcht von ihren Männern ertappt zu werden, trafen sich oft nur im Husch auf der Straße. Das gefährliche Briefschreiben, das die Gefühle übersteigerte, nahm zu: es war schon eine Flucht vor den Männern, ein ideelles Zusammenleben ohne Männer. Sie gaben sich selbst die Briefe auf der Straße, ließen sie sich gelegentlich zutragen. Ein Gardinenzeichen hatten sie an den Wohnungen verabredet, für die Anwesenheit und Abwesenheit der Männer.
Eine schlimme Sylvesternacht kam. Link, der dumpfe trübe Mensch, war wieder aufs Äußerste gereizt. Als er mit Elli einen Augenblick allein war, drohte er ihr: „Komm nur nach Hause, dann kannst du deine Knochen zusammensuchen.“ Elli, in Angst vor ihm, erzählte es seiner Schwester, bei der sie waren. Die nahm Ellis Partei. Elli solle doch von ihm gehen, wenn es nicht anders würde; dann solle er eben wieder zur Mutter zurückgehen. Die Schwester richtete es ein, daß die Eheleute die Nacht über dablieben. Am Morgen des ersten Januar ging Elli nach Hause. Er kam erst gegen Abend, betrunken. Das Brüllen, Schimpfen: „Du Hure, Sau!“, das Schlagen ging los.
Am 2. Januar lief Elli heimlich weg. Die Vorbereitungen zur Flucht hatte sie mit der Bende und ihrer Mutter besprochen. Die hatten in der Nähe ein Zimmer bei der Frau D. ausfindig gemacht. Mit grünen und blauen Flecken an der rechten Schläfe erschien Elli bei dieser Frau. Sie war in Freiheit. Der Mann wußte die Adresse nicht.
Die Bende hatte ihren Triumph. Sie war eigentlich mitgeflohen, auf ihre mutlose, schwankende Art. Ihr war leichter; sie war jetzt stärker, gesicherter in den Kämpfen zu Hause. Elli war ganz ihr. Überschwänglich begrüßte sie die Flucht. Elli müßte festbleiben, sie müßten zusammenbleiben, jetzt müßte das Eisen geschmiedet werden. „Aber mein Lieb, wenn du zurückgehst oder jemand anders liebst, so sind wir für dich verschollen vor deinem Angesicht.“ Sie kannte, mit einem Schluß von sich aus, die Unsicherheiten und Blößen Ellis, warnte sie vor Link, vor dem Schuft und Strolch. Sie solle nicht auf Briefe von ihm hereinfallen, die der reine Hohn und Affenliebe seien. Er müßte im Rinnstein krepieren. „Das eine sage ich dir fest und heilig, kehrst du wieder zurück, so bin ich für dich für immer verloren.“ Ängstlich sah die Liebende, daß Elli wie eine Gejagte geflohen war, auch nur durch ihre Mithilfe geflohen war. Es mußte gefährlich werden, wenn sie sich beruhigte und Link anfinge zu werben. Sie schrieb der Elli – denn sie schrieb noch immer weiter, aus Lust an der traumhaften Athmosphäre der Briefe –: sie besäßen, sie und ihre Mutter, zuviel Ehrgefühl und Charakter, um Ellis Schwelle wieder zu betreten, wenn sie zu ihrem Mann zurückkehre. Sie könne gar nicht daran denken; das Herz bräche ihr vor Kummer und Trauer zusammen.