Link saß allein. Die Mutter war jetzt nicht in seiner Wohnung. Er trank, fluchte für sich, ging zu seiner Mutter, schimpfte. Es war wieder eine infame Leistung der Elli. Die war hart. Er sah schon, sie würde ihn wieder unterkriegen. Seine hilflose Wut bei dem Gedanken, daß das kleine Ding wagte mit ihm so zu spielen. Das Rebellieren nützte nichts. Es war nur obenhin. Er fühlte schon das andere. Er war schon unterlegen, suchte sie schon wieder zu lieben. Er widerstand in den ersten Tagen der Rachsucht und des Schmerzes. Dann war er der alte, der Mann der Verlobung. Die Szenen der letzten Tage stellte er sich vor. Er war furchtbar schlimm zu der kleinen Elli gewesen. Sein altes Minderwertigkeitsgefühl spielte auf; er wollte besser werden; das las er so: er sehnte sich nach ihr. Und immer stärkere Unwürdigkeit und Leiden und immer stärkere Sehnsucht jeden Tag, den sie nicht kam, an dem er nichts von ihr hörte. Er parlierte mit seiner Zimmervermieterin, die ihm bestätigte, als er so betrübt war, daß Elli es immer sehr eilig hatte, zu ihrer Freundin zu laufen, und dann wurde alles in der Wirtschaft verbummelt. Noch ein paar Tage sträubte er sich, dann streckte er die Waffen. Er schrieb an ihre Eltern nach Braunschweig, er war froh, als er das Papier unter den Fingern hatte und das Gespräch mit ihr begann. Er klagte: „Wie oft habe ich meine liebe Frau gebeten und immer wieder gebeten, sprich doch einmal ein paar Worte, wenn ich nach Hause komme. Wie oft habe ich gebeten: geh nicht den ganzen Tag zu Bendes.“ Und dann: „Auch daß ich Elli geschlagen habe, muß zu verstehen sein. Denkt daran, um meiner Frau ein schönes und gemütliches Weihnachtsfest bereiten zu können und weiter zu kommen, habe ich lange gearbeitet, und von solcher Arbeit komme ich körperlich und geistig abgespannt nach Hause. Elli will Einkäufe machen und geht gegen meinen Wunsch und den des Herrn Bende doch zu ihrer Freundin. Elli verläßt das Haus nicht, trotzdem Herr Bende es ihr verboten hat. Es kommt dort zum Krach zwischen den Eheleuten. Warum muß Elli das tun? Elli hat mir ins Gesicht geschlagen und hat auch von mir ein paar Klapse bekommen.“ Er endete den Brief mit langen Liebesbeteuerungen.
Die Frau saß nicht weit von ihm, bei Frau D., beruhigte sich, war froh, von der Bende geführt zu werden. Sie war diesmal nicht zu den Eltern gegangen. Hier war ihre Freundin, war alles klar und rein. Sie suchte einen Rechtsanwalt auf, Dr. S., erzählte ihm von den Mißhandlungen. Der Anwalt beantragte eine einstweilige Verfügung, wodurch ihr das Getrenntleben gestattet wurde und ihrem Mann aufgegeben wurde, ihr einen Prozeßvorschuß und eine monatliche Rente zu zahlen. Zur Glaubhaftmachung wurde das ärztliche Attest und eine eidesstattliche Versicherung der Frau Bende und ihrer Mutter überreicht. Am 19. 1. erging die einstweilige Verfügung antragsgemäß ohne mündliche Verhandlung. In der Ehescheidungssache wurde Termin auf den 9. 2. anberaumt.
Das war Ellis Kampfhandlung. Sie war auf dem Wege sich zu befreien, die Verhakung mit Link zu lösen. Diesen Weg wäre alles weiter gegangen. Aber da saß einige Häuser entfernt Link, gequält, sich beschuldigend, eine krankhafte unglückliche Natur, manchmal sich mit Schnaps und Bier beruhigend, und verlangte nur nach seiner Frau. Er wurde jetzt schon so dringlich, daß er das Briefschreiben ließ, die Eisenbahn besteigen und selbst nach Braunschweig zu ihren Eltern reisen mußte. Er konnte nicht von ihr lassen. Er war im Sturz, ganz zügellos. Wie er die Frau schlug, trank bis er betrunken war, die Sachen zerriß, Stühle zerbrach, so mußte er die Briefe schreiben, zur Bahn fahren. Es war kein Drang, etwas zu bessern, sich zu ändern, sondern ein trübes, fesselloses Nachgeben. Ein knirschendes Getriebensein.
Die Familie in Braunschweig empfing ihn nicht freundlich. Die Briefe der Elli hatten verstimmt, die Mutter war unsicher. Der Vater hielt zuletzt an seinem alten patriarchalischen Standpunkt: die Frau gehört zum Mann. Er gab dem Link die Adresse Ellis. Und als auf die flehentlichen, fast unterwürfigen Briefe kalte ablehnende Antworten kamen, fuhr der Vater selbst mit Link nach Berlin.
Der Ring um Elli und Link sollte geschlossen werden. Der Vater und Link selbst, die beiden Männer schlossen ihn. Es war nur die Frage, wer von beiden überleben würde, Elli oder Link.
Elli hatte von sich aus, auch getrieben durch die Bende, den Loslösungsprozeß eingeleitet. Aber wie sie allein in ihrem Zimmer oder mit der Bende saß, tauchten schon andere Gedanken in ihr auf. Und verstärkten sich, als das Drängen der Familie begann und zuletzt Link mit dem Vater ankam. Der fürchterliche Link, der Zwang, den er auf sie ausübte, seine Vergewaltigungen, die Wutsphäre um ihn, stießen sie ab, aber nun fing die liebesdurstige Bende sie ein. Und manches fehlte auch sonst. Sie fand, die Bende konnte ihr doch nicht so viel bieten wie ihr Mann. Bieten, das heißt auch häuslichen Rahmen, gesellschaftliche Würde, von dem Finanziellen und dem Normal-Geschlechtlichen, dem sie sich doch schon angepaßt hatte, abgesehen. Sie war aus dem Regen in die Traufe gekommen. So hatte sie es auch nicht gemeint. Solche Bindung, solche Hingabe an die Bende: das wollte sie auch nicht. Immer pochte in ihr die Scham und das Schuldgefühl wegen dieses Verhältnisses. Das wurde ganz stark, als der Vater ankam.
Locker in der Welt herumflattern, eine nicht zu feste Ehe führen, in jedem Fall mit Vater und Mutter zusammenhängen: das waren ihre dringendsten Bedürfnisse. Sie war, obwohl sie sich schon jung ganz frei bewegte, nie ganz aus dem Elternhause gekommen, war immer Tochter geblieben. Und auch ihre Lustigkeit war ganz die einer Haustochter, die das Geschlechtliche ablehnt, ja fürchtet.
Mit dem Vater kam Link. Sie hatte gewußt, daß er nach ihr fahnden würde, und daß er sich strecken würde, um sie zu finden. Er war ein roher Schuft, die Bende hatte schon Recht. Es war ihr eine Freude, ihn vor dem Vater herunterzureißen. Sie sprach bei diesen Auseinandersetzungen ganz im Tone der Haustochter; sie war die Tochter dieses Mannes. Der einfache Mann aus Braunschweig hatte schweren Stand vor ihr. Link war weich, gab seine Schuld zu. Sie blieb dabei, ihm im Triumph, auch ihren Haß und ihre Rachsucht entladend, mit Vorwürfen wegen seiner Rohheiten und Schlechtigkeiten zu überschütten. Sie war ganz eine Seele mit dem Vater.
Es war nicht lange her, da war sie zum Rechtsanwalt gelaufen zu der Scheidungsklage. Jetzt bog sie um. Der Vater blieb dabei: die Frau gehört zum Mann. Die Begegnung mit dem Vater war ihr wieder ein Erlebnis; das war ihre Familie, ihr Boden; sie beugte sich herunter zu diesem Quell. Sie hatte den größten Teil ihrer frischen Spannung abreagiert. Sie wollte und mußte ihrem Vater folgsam sein. Sie mußte es. Jetzt besonders hing sie innig mit ihm zusammen. Er war es, der sie mit Link zusammengab. Link erhielt ein anderes Gesicht. Jetzt erschien auch in schärferem, sehr unangenehmem Licht ihre Verbindung mit der Bende. Und sie schämte sich, ihren Vater hörend und ihn betrachtend, ihrer eigenen männlichen hassenden Wildheit. Link war zahm; die Eltern kümmerten sich um sie: es könnte alles gut werden, es würde alles gut werden.
Der Vater reiste ab. Sie sagte ihm zu, zu Link zurückzukehren. In ihr war noch, und besonders nach seiner Abreise, eine gewisse Unruhe und ein Rest von wachem Zweifel. Es war etwas Unbefriedigendes in dem Entschluß zurückzukehren. Sie fühlte, nachgebend, das Schwierige in sich; ihre Besorgnis, die Angst, das Widerstreben entlud sich in Streitszenen. Sie gab noch zwei Tage das Zimmer bei Frau D. nicht auf. Zwei Tage war sie noch unschlüssig, hin und hergezogen. Es erleichterte sie, als der Mann am dritten Tage außer sich geriet und sie bedrohte. Dann kehrte sie in ihre gemeinsame Wohnung zurück. Sie folgte. Der Vater und der Mann hatten sie bestimmt. Sonderbar wenig schämte sie sich vor der Bende; sonderbar war ihr Gefühl für die Freundin in den letzten Tagen zusammengeschrumpft.