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Wie Link sie hatte, war ihm wieder wohl. Es hatte ihn wieder losgelassen oder er war gesättigt. Er konnte beruhigt sein. Konnte schlafen, arbeiten, lachen, sich mit ihr freuen. Was hatte er für eine gute Frau! Und sie sah ihn an. Sie war übermütig. Arm in Arm gingen sie. An die Bende dachte Elli wenig. Sie dachte, die laufen zu lassen. Es waren Tage fast noch schöner als bei der Verlobung. Zehn Tage. Es war eine willentliche Verdunklung, fast ein Traumzustand, in den beide versunken waren, den sie sich zum Teil vorspielten und der nicht lange zu halten war.

An Kleinigkeiten wurden sie wach und erkannten sich. Mit der Wiederkehr eines Tonfalls fing es an, mit Verstimmungen, kleinen Streitigkeiten. Dann rutschten beide ab. Es lief den schon gebahnten Weg.

Sie waren beide wieder auf die Erde gestürzt. So kam es ihnen vor; sie hatten sich garnicht erhoben, nur vergessen. Und wie gestürzt. Was war alles zerschmettert. Mit der Wut der Enttäuschung, im schrecklichsten Zorn stand sie da, dachte mit Grimm an den Vater, – aber es war nicht der Vater, an den sie jetzt dachte. Und jetzt eben erst war sie geflohen, dieser Link holte sie zurück, die Ehescheidung war schon eingeleitet: und dazu brachte er sie zurück. Auch er war ergrimmt, sah nicht, daß er nicht den Willen zur Versöhnung gehabt hatte und sie nicht. Er war entschlossen, ihr jetzt nichts auszulassen. Nachdem er ihr nachgelaufen war, nachdem er sie mit Gewalt hatte zurückholen müssen, sollte sie es bezahlen.

Link kam es vor, als ob er seine Freiheit wieder hatte. So zerrüttet war er. Es kam aber auch ihr vor, als wenn sie sich ganz wieder hatte. Er ließ sich vollkommen los. Und auf die Frau los. Das Trinken gab ihm Mut, starke Impulse. Der furchtbare demolierende Geist, der in ihm hauste, der enttäuschte zurückgestoßene, trieb ihn immer von neuem zu Bier und Schnaps. Damit lockerte er alle Bremsen in sich. Die Frau mußte er unterkriegen, sie fühlen lassen, wer er war. Immer mehr, immer tiefer mußte er sie unterkriegen. Er hänselte sie wie ein Insekt. Das Essen schüttete er in ihr Bett. Nach Gummiknüppeln, Boxschlägen, Spazierstöcken griff er. Er tat es nicht aus Freude. Es war ein unglücklicher Mann. Er tat es schon zwangsartig, in blindem Zerstörungsdrang, mit einer bitteren Verzweiflung und unter Selbstquälereien. Oft hob er sich nach diesen Zuständen, in denen er sich ausraste, aus seiner wilden barbarischen Verfinsterung und wurde müder und gelassen, wenn er sie geschlagen und beschimpft hatte, die Garderobe, Wäschekissen zerrissen. Meist aber war es ein fruchtloses Ringen in ihm selbst. Ein dumpfes Drängen nach Entladung. Mit dem Dolch ging er oft auf sie los. Und dann, wenn sie sich von ihm losgemacht hatte, – sie bettelte, schlug mit Händen und Füßen, er wollte sie einmal Nachts nackend aus dem Fenster werfen, – dann lief er noch eine Zeit tobend herum, ging hinaus und nicht lange darauf hörte sie es röcheln: da hing er an der Stubentür an einem Strick, oder an der Klosettür, war schon blau. Sie schnitt ihn ab, mußte ihn entsetzt, mit Widerwillen und Ekel hinlegen.

Immer deutlicher drängte sich um diese Zeit in das Leben und durch das Leben dieses Mannes das Schicksal seines Vaters, der mit Erhängen geendet hatte. Je mehr er verfiel, um so mehr wurde er Beute, Darstellungsmittel dieses alten Schicksals. Er war um diese Zeit auch ohne Zutun der Frau auf dem Weg des Todes. Seine Zerrüttung war enorm. Die Zeichen epileptischer Entartung traten hervor.

Sein geschlechtlicher Drang war gesteigert. Er suchte häufiger und intensiver sich und die Frau zu erniedrigen. Er lockte sie wieder und trieb sie in die finstere Haßsphäre. Erregte in ihr diese Triebe, die sich dann furchtbar gegen ihn selbst richten sollten. Es war im Grunde sein eigener Haßtrieb, der ihn später umbrachte. Er mußte in ihrem Leib wühlen, Sinnlichkeit aus jeder Hautfalte herausfühlen. Er hatte den Drang, sie unbildlich, fast körperlich zu verschlingen. Es war kein bloßes Wort, wenn er ihr in der wilden Verschlingung sagte: er müsse ihren Kot haben, er müsse ihn essen, verschlucken. Das kam in der Trunkenheit vor, aber auch ohne den Alkohol. Es war einmal Selbstpeitschung, Unterwerfung, Kasteiung, Buße für die eigene Minderwertigkeit und Schlechtigkeit. Es war auch ein Heilungsversuch dieses Minderwertigkeitsgefühls: durch Beseitigung des Mehrwertigen. Unabhängig davon die wilde Lust, Mordwut, in bestialische Zärtlichkeit gehüllt.

Sie wuchs rasch in der brutalen Haßsphäre, die er erzeugte, mit ihm zusammen. Sie wehrte sich äußerlich noch immer, suchte es von sich abzuschieben: ob er sich nicht seiner Zumutungen schäme. Darauf er zynisch: „Wozu bist du meine Frau? Dann hättest du keinen Kuli heiraten sollen.“ Sie zog sich dann in sich zurück, versteckte sich. Ihn aber hatte sie mit in sich eingezogen.

Was sollte geschehen? Was sollte nun geschehen? Sie hatte öfter den Mann gebeten, sie wollte ein Kind haben. Er hatte geantwortet, wenn eins käme, das würde er gleich auf Eis legen, oder ihm eine Nadel in den Schädel stecken. Sie war allein. Überwand ihre Scham gegen die Bende wegen der Rückkehr, warf sich wieder an die Frau. Es war ihr am Anfang nicht wohl dabei. Aber sie brauchte die Freundin, um zu sprechen, sich Luft zu machen, und sie wußte nicht, wozu noch. Es arbeitete gewaltig in ihr. So gewaltig, daß sie oft wirr war, nicht wußte, wo sie saß, was sie machte. Das war die verwirrende Wut, daß sie Link wieder gefolgt war, daß er sein Wort, das er ihr und dem Vater gegeben hatte, Frieden zu halten, gebrochen hatte. Der bodenlose, sie ganz umwühlende Haß auf den Mann, der die Autorität des Vaters benutzt hatte, gemißbraucht hatte und ihr in Streitigkeiten höhnend entgegenhielt: jetzt entkommst du mir nicht wieder. Es wurmte, sagte sie später, unaufhörlich in ihrem Gehirn; sie kam nicht dagegen an. Die Haßsphäre überwältigte sie, sog alle Energie in ihr auf. Um sie zu strafen für Vergeßlichkeit, Zänkerei, geschlechtliche Zurückweisung, entzog er ihr das Kostgeld, duldete nicht, daß sie selbst arbeiten ging, meinte, sie könne seinetwegen bei Männern sich Geld verdienen.

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