Grete Bende hatte sich, als zuletzt Link zu Elli ging bei der Frau D., wegen Elli geängstigt. Es war ihr am Tag darauf bitter, zu erfahren, daß Elli schon wieder zu Hause war und daß vielleicht um dieselbe Stunde, wo sie sich ängstigte, Elli in den Armen Links lag. In der Woche darauf sahen sie sich nicht viel; Elli wich der Freundin aus. Und als sie sich auf der Straße trafen, ließ Elli nach kurzem verlegenen Gespräch die Freundin stehen, die sich gleich vor ihr geliebtes Papier setzte, klagend, wie wehe sie ihr doch eben getan hätte, „wo du nur allein weißt, daß ich an dir hänge, wie eine Klette am Kleide. Warum läßt du es mir so sehr fühlen, wenn du dir mit Link gut stehst. Könnte immer losweinen, als ich dich, mein Lieb, wieder habe gesehen, wie du mit dem zusammen dort munter gingst.“ Der Gram der Bende dauerte nicht lange. Sie nahm Elli als reuige Sünderin wieder an. Sie war pikiert: wie Elli ihr dies hätte antun können. Aber ihre Leidenschaft war zu heftig.
Elli war verzweifelt, durcheinander, niedergebrochen. Und wie sie nach der Freundin griff, wußte sie nur eins: sie brauchte sie, sie wollte sie haben, sie mußte sie jetzt haben. Sie dachte verzweifelt nur: sie mußte den Mann bestrafen, die Kränkung, die Schande, die er ihr und dem Vater angetan hatte, abtun. Es mußte ein Ende mit Link sein. Er hatte ihr wilde Gefühle eingeimpft. Sie liebte plötzlich ihre Freundin aufs Leidenschaftlichste. So daß die sich selbst wunderte. Sie liebte die Bende wie ein Flüchtiger sein Versteck oder seine Waffe. Sie stürzte sich zornwütig, drohend in jene Liebe. Zugleich hängte sie sich an ihre Freundin, um sich vor dem äußersten zu bewahren, denn sie ahnte schon, was ihr die Rachsucht eingab, und sie wollte sich jetzt mit der heftigsten Liebe einhüllen, blind und taub machen. Schon brachte Elli das geheimnisvolle verdunkelnde Wort heraus, das sie später unaufhörlich wiederholte: sie wollte der Freundin ihre Liebe beweisen.
Was jetzt in Elli an Liebesleidenschaft zur Bende erwachte, war kein starker, schlummernder Trieb, sondern diese besonderen Umstände erzeugten und schufen die Leidenschaft. Sie trieben etwas verkümmert in ihr Liegendes auf, einen alten Mechanismus, der erledigt war. Wie Ertrinkende bei einer Schiffskatastrophe zu ungeheuerlichen Handlungen kommen, die man nur sehr schwer ihre, für sie charakteristische nennen kann. – Was jetzt in Elli aufkam, beherrschte sie schrecklich eine ganze Zeit lang und sie konnte ihm nicht ausweichen. Es war der furchtbare Mann, den sie in sich aufgenommen hatte und den sie so wieder ausstoßen mußte.
Die beiden Frauen heizten ihre Liebesgefühle durch immer neuen Haß auf die Männer, – genauer nur auf Link, denn die Bende lief mit ihrem Haß auf ihren Mann nur nach, paradierte mit ihm. Mit diesen Haßgedanken suchten sie zu rechtfertigen und zu verschleiern die verpönte Besonderheit ihrer Liebe, die sie selbst sogar für verbrecherisch und strafbar hielten. Und Elli fand in diesen Gesprächen, Umarmungen, Berührungen eine besondere Sicherheit und Festigung. Es war ganz ihre Meinung, was die Bende einmal schrieb: „Es ist wahrlich ein Trauerspiel, daß wir solche Kerls auf dem Halse haben und wir uns solchen Zwang antun müssen.“ Es war Ruhe und Sicherheit in einer besonderen Seelenzone, in einer Zone, in die sie sich verbannte, um sich mit dem Mann auseinanderzusetzen. Es war eine ihr angemessene Zone: gefährliche Rachegedanken arbeiteten in ihr, Heimliches, Strafbares wollte sie tun. Sich der Bende in die Arme werfen, war schon der erste entscheidende Schritt auf ein verbotenes Gebiet.
Es tauchte zuerst in Elli die Idee auf: er muß aufs Krankenbett, damit er sieht, was eine Frau wert ist. Das war schon ein glatter Todeswunsch, aber sie verhüllte ihn sich: bewußt wollte sie den Link noch nicht beseitigen. Bewußt dachte sie: wie ändere ich ihn, wie bessere ich ihn. Die beiden Frauen waren jetzt sehr getrieben. Die Männer hielten sie auseinander, Link zeigte sich in voller Rohheit. Man wußte nicht, was man tun sollte. Man lief zu Wahrsagerinnen, die die üblichen dunklen Andeutungen über die Zukunft machten. Der Scheidungsplan wurde von Elli erwogen, dann wieder fallen gelassen. Warum wurde er fallen gelassen? Eine andere Lösung war schon in Ellis Seele vorbereitet; sie sagte: sie zweifle, ob man sie scheiden würde. In ihren Briefen schämte sie sich jetzt oft, daß sie zu Link zurückgekehrt ist und ihrer Freundin solchen Schmerz bereitet hat: „Aber nur du, nur du sollst es erleben, das will ich dir zeigen, daß ich alles opfern werde, und wenn es mein Leben kostet.“
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Die klare, ja nüchterne Elli geriet in diesen Wochen mit der Freundin in eine sonderbare phantastische romantische Erhobenheit. Es war etwas Ähnliches, aber außerordentlich gesteigert wie das, was sie zwei Wochen mit Link verbunden hatte: ein traumartiger, jetzt rauschartiger Zustand. Es trat eine Verschiebung ihrer ganzen seelischen Perspektiven ein; ihr inneres Timbre veränderte sich. Das war die Wirkung der beiden faszinierenden Kräfte in ihr: des unbezwinglichen Haßgedankens auf Link, dieses Gedankens, den sie ausstoßen wollte, und der Liebesleidenschaft zu der Freundin. Besonders diese Leidenschaft trieb Elli heroisch auf, drängte sie zu Männlichkeit und Heroismus; immer wieder das Wort „ich beweise dir meine Liebe“. Diese beiden überstarken, verkoppelten Gefühle strömten eine Faszination über ihre Seele aus. Unter diese Faszination geriet sie, sie kam lange nicht mehr heraus. Sie war oft in Entzücken, und in diesem Entzücken fand sie, daß sie nur für die Bende lebe: „Laß es kosten, was es wolle, nur glücklich sein und in Liebe aufgehen.“ Sie wies die Bende zurück, als die sagte, sie sei schuldig: „Nein ich gebe dir keine Schuld.“ Und daneben kam immer das andere heraus: „Rache will ich üben und weiter nichts.“ An wem wollte sie Rache üben, wen wollte sie bestrafen, warum nahm dieser Trieb so phantastische Formen an? Es war schon nicht mehr dieser besondere Mann, diese reale Person Link, den sie angriff.
Zuerst war die Haßsphäre in ihr, die er erzeugt hatte, etwas in ihr, daß die stärkste Kräfte ihrer Seele an sich zog: das dehnte sich selbständig aus, wuchs, suchte Objekte. Gegen die Haßsphäre, diese in sie gehämmerte fremde Gewalt, stellte sich ihr eigenes, altes, seelisches Grundgefühl auf. Sie war in einer inneren Gleichgewichtslage gewesen, die sich nicht leicht hergestellt hatte. Aus dieser Gleichgewichtslage war sie geraten durch den Haß. Das feine Spiel der statischen Kräfte war gestört; der Mechanismus mühte sich wieder, sich einzustellen, verlangte Rückkehr zum alten sicheren Zustand. Sie mußte die übergewichtige neue Last von sich abstoßen, einer gleichmäßigen Verteilung der inneren Kräfte zustreben. Und um so mehr drängte sie dazu, als diese Haßsphäre ihr inhaltlich fremd, böse, gefährlich, angsterregend war, als sie ihre innere Reinheit, ihre Freiheit, Jungfräulichkeit zerstören wollte. Denn Elli war und blieb immer in einem gewissen Sinne jungfräulich. Sie war in einem Reinigungsprozeß begriffen; um einen eingedrungenen Infektionsstoff sammelten sich die Eitermassen an. Es war schon der unterirdische Wille zu einer Tat in ihr gediehen. Die Faszination, den Traumzustand konnte er brauchen, den benötigte er. Dieses Klima mußte er sich schaffen. Und Elli, schon lange führungslos, ließ es geschehen, ja drängte hinein. Es war für sie eine Entrückung, ein Schlaf, in den sie flüchtete.
Das Schwerste aber waren ihr nicht diese Dinge um Link. Es war ihr innerer Zwiespalt, Frau Bende. Auch die Bende war nicht gut. Ja, Link und die Bende, fühlte Elli dunkel, gehörten zusammen. Die Bende drängte und warb auch um sie, wie Link geworben hatte; beides enttäuschte Schwankende, Liebesdurstige. Sie beseitigte gewaltsam, fast todesmutig den Zwiespalt, der in ihr entstanden war. Sie wollte beide nicht, wie sie waren. Verzweifelt schlug sie sich auf die lockende Seite, der sie schon selbst widerstrebte. Elli war in eine furchtbare Krise geraten. Sie war von ihrem Schicksal angegriffen wie ihr Mann. Sie war selbst in Lebensgefahr. Nach einer rasenden Szene mit Link dachte sie daran, durchzubrennen, oder sich selbst zu vergiften, ihm vorher Lysol zu geben.
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