Was war der Grund für die Wahl des Giftmordes statt eines raschen Totschlags? Der Haß in Elli war enorm; sie mußte sich zurückziehen, um sich zu behaupten. Es war nicht nur Schwäche und Feigheit, die sie die weibliche Methode des Mordes wählen ließ. Link machte öfter Selbstmordversuche durch Erhängen. Wie war es schon merkwürdig, daß sie ihn immer wieder abschnitt. Sie stand entsetzt davor; mußte ihn abschneiden und hinlegen; er konnte sein elendes Leben weiterführen. Es waren die Instinkte, die auch noch in dem Rauschzustand wirkten, die sie an den Eltern hielten, die bei der Wahl der Mordart mitwirkten. Sie wollte töten, um Link von sich abzulösen und dann zu den Eltern zurückzukehren. Die Beseitigung des Mannes mußte unbemerkt bleiben. Der Giftmord lag im Zuge ihrer Rückwärtsbewegung auf die kindlichen und Familiengefühle. Da war noch die Haßverhakung mit dem Mann. Er hatte sie gereizt, sich mit ihm im Haß zu verbinden; und dieser Haß war auf Töten aus, aber nicht auf den Tod. Sie töteten sich schon immer; sie wollte ihn behalten, um ihn länger töten zu können. Sie hing weiter an ihm, wenn sie ihn langsam vergiftete. Leise wirkte mit der Gedanke, der ehrlich gefühlte Gedanke, er wird sich bessern. Das war der häufige unterirdische, unentschlossene Gedanke, den sie vor der Bende verheimlichte: ich will ihn überhaupt nicht töten, ich will ihn nur bestrafen; er wird sich bessern. Über die sadistische Liebe hinaus war Neigung zu Link in ihr, die aus ihrem Familiensinn floß: es war ja ihr Mann. Und sie durchschaute, als sie zu Grete schwieg, bei aller Leidenschaft bitter und verächtlich auch drüben Gretes Verhakung mit dem Bende.

Sie erschien oft ganz abwesend und verändert vor der Freundin, mußte sich entschuldigen, daß sie immer gegrübelt habe, wie sie etwas bekomme. Die Angst, daß sie „nichts bekomme“ und wie sie etwas bekomme, machte sie krank. – Und dann das Verwirrte, Verzückte: „Du mein Lieb, sollst es erleben, daß ich um dich kämpfe und ich werde es schaffen. So habe ich doch niemals Ruhe auf der Welt. Aber ich werde ihm Ruhe verschaffen.“

Es sollte Rattengift sein. Sie schrieb später: für zweibeinige Ratten. Das war das Unauffälligste, das konnte man vielleicht besorgen.

Die Freundin hatte diese Entwicklung mit erlebt, hingerissen. Manchmal mit Angst, aber immer unter Liebesschauern und selig sah sie die Freundin so gehen. Ihre Ehe war um diese Zeit nicht schlecht; sie beachtete ihren Mann nicht sehr, war viel zu sehr absorbiert durch die Dinge Ellis. Sie hörte glückselig die Beteuerungen der Link an. Daß dieser Mensch wegkommen sollte, der Schuft, der ihr die Freundin beinahe wieder entrissen hatte, war ihr Recht. Aber sie beschwor sie, recht vorsichtig zu sein, damit sie nicht unschuldig jahrelang leiden müsse. „Mama und ich verlassen dich nie und nimmer.“ Von jetzt ab nahm auch Elli wenig Kenntnis mehr von der Rohheit ihres Mannes; die Faszination bewirkte eine Unempfindlichkeit für äußere Reize; es drang nichts mehr durch. Dies war für sie erledigt. Sie blickte immer auf ihren Stern, das war der Mord, jetzt schon sicher der Mord.

Die Link ging zu dem Drogisten W. Bat ihn um Gift gegen die Ratten in ihrer Wohnung. Er verkaufte ihr Rattenkuchen. Nach einiger Zeit kam sie wieder, drängte, ihr doch ein stärkeres Gift zu geben. Der Kuchen habe nicht gewirkt. Er verkaufte ihr sehr leichtsinnig für zwei Mark Gift, 10-15 Gramm Arsen. Der Entschluß, Link zu beseitigen, war fest in Elli; es war ein Kind ihrer Seele und ganz geboren. Jetzt hatte sie den Entschluß durch die Furchtbarkeit der Ausführung zu tragen. Sie machte sich im Beginn davon keine Vorstellung.

Es waren die Monate Februar-März 22. Der Anfang ging leicht. Sie hatte es vielleicht provoziert, vielleicht auch einfach kommen lassen: er torkelte abends betrunken nach Hause, warf ihr das Essen an den Kopf, stieß sie über das Bett, verlangte Quetschkartoffeln. Darin bekam er die erste Giftdose. Nach drei Tagen eine zweite. Der Mann wurde krank; Magen- und Darmerscheinungen traten auf. Er lag acht Tage, ging dann wieder zur Arbeit. Dann wurde es schwerer und schwerer. Die Vergiftung befiel den ganzen Organismus. Sie sah, wie er vergeblich zu schwitzen versuchte, aber „das Zeug saß fest“. Es schien alles gut zu verlaufen, er kam nicht richtig auf die Beine, sie wollte nicht locker lassen. Aber es kamen andere Dinge. Langsam mußte sie durch den Schleier ihrer Faszination die Tat sehen. Einmal, wie er sich besser fühlte, war er nicht nach Hause gekommen; sie fürchtete, er sei zusammengebrochen, ein Arzt habe ihm den Magen ausgepumpt und das Gift festgestellt. Trübe, erregende Worte hörte sie von Seiten der Freundin: ein Mensch solle aufplatzen von Gift. Sie glaubte es und fürchtete sich. Und öfter wußte sie selbst nicht, wie ihr war: sie hatte eine schreckliche Unruhe in sich, konnte laufen, soweit sie die Beine trugen. Sie fragte die Bende, ob das das böse Gewissen war.

Die Freundin sah, wie es um Elli stand. Wenn sie doch dem Mann gleich das ganze Gift gegeben hätte, daß alles zu Ende wäre. Und dann die ungeheure Furcht vor der Entdeckung. „Bloß mein einziges Lieb, sei du auch sehr vorsichtig, daß es nachher nicht ans Tageslicht kommt. Denn das sind die Schufte nicht wert.“

Und als der Ehemann Bende hörte, daß Link krank war, meinte er leichthin: „Na, wenn ihm die Link nur nichts gegeben hat. Gerühmt hat sie sich ja, sie würde sich an ihm rächen.“ Die Frau: „Dann würde der Arzt doch nicht Grippe festgestellt haben, die auf die Lunge geschlagen ist.“ Und eine Nachbarin, eine Frau N. äußerte zur Mutter der Bende: sie denke, es sei mit der Krankheit Links nicht richtig; Frau Link habe da bestimmt was gemacht.

In größter Unruhe, völliger Zerfahrenheit Frau Link. Sie war matt, pflegte den Mann. Sie baute auf, sie baute ab. Wie er saß, lag und nicht verging. Er war ihr in einer ganz neuen Weise zuwider, ja schrecklich. Der vergiftete Mensch. Sie sah, was sie tat; er war ihr ein Grauen, eine körperliche Anklage. Sie pflegte ihn, war oft furchtbar gezwungen, ihm besonders gut zu sein. Die Aufgabe, die sie sich gestellt hatte, war entsetzlich. Sie erlahmte, als er sich wieder einmal erholte. Sie wollte bis zum Frühjahr warten.

Das scharfe, überscharfe Auge der Freundin sah manches davon. Ob nicht Elli vielleicht verliebt in ihren Mann sei. Nein, nein, gab die wieder, sehr gequält. Was wolle sie nur, sie täte es ja nur der Freundin wegen. Sie mußte sich verteidigen wegen ihrer Besorgnisse um Link; wenn die so groß wären, dann „brauchte sie ihm doch das Zeug nicht zu geben“. Die Bende riß in den Gesprächen mit der Link sehr den Mund auf. In ihrer Gefühlsschwelgerei war es ihr herausgefahren: sie werde auch ihren Mann vergiften. Sie, die mit ihrem Mann oft erträglich lebte und immer an ihm hing und um seine Liebe rang. Sie meinte es nicht ernst und ehrlich mit dem Vergiften. Die Link gab ihr etwas Arsen ab. Sie warf es draußen entsetzt weg, gab der Freundin eine klägliche Erklärung: der Mann würde zu Hause nichts mehr essen, wenn er es merkte, und dann würde sie auch nichts von der „Viktoria“ bekommen, wenn es herauskäme. Wetteifernd mit Elli und um sie zu belohnen, log sie auch einmal, es wäre ihr heute aber beinahe ganz schlecht gegangen. Sie hätte versucht, ihrem Mann Salzsäure zu geben, er hätte es bemerkt, hätte sie gezwungen, selbst davon zu essen und nun sei ihr so schlecht. Elli glaubte es. Noch anderes, was die Bende in dieser Zeit sagte und tat, war nichts als schwärmerische Nachäfferei der Freundin. Sie redete von dem Zwang, den sie sich zu Hause anlege, sie empfinde gar nichts für ihren Mann. Aber es sei doch besser, wenn man gegen Bende noch nichts täte; sonst wäre es sonderbar für die anderen, wenn die beiden Kerls zusammen weg seien.