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Elli sah das schreckliche Bild des kranken Mannes, wie er im Fieber die Stube auf und ab ging, die Wände vor Schmerzen hoch kroch. Grausam litt sie darunter. Sie mußte in die Briefe flüchten, sich bestärken: ich lasse nicht locker, er soll büßen und wenn ich schließlich selbst noch daran glauben soll. Von Zeit zu Zeit brach in ihr eine ganz viehische Unbekümmertheit aus; nach dem Übermaß ließ plötzlich alle Spannung nach. Sie brachte ihm dann gleichgültig die Suppe mit Krankenmehl „und besorgte es ihm“ dabei. Und es machte ihr geradezu Spaß, wie sie es trieb: vor den Augen so und hinter dem Rücken schüttete sie das Gift in das Essen: „Wenn das Schwein doch nur bald krepierte. Das Schwein ist ja so zähe. Heute habe ich ihm Tropfen gegeben, aber ordentlich. Da hatte er auf einmal solch Herzklopfen und sollte ihm Umschläge machen. Hab ihn aber gar nicht aufs Herz gelegt, sondern unter den Arm, was er nicht merkte.“

Das waren nicht häufige Momente zynischer Entspannung. An manchen Tagen wußte sie sich nicht zu halten vor Schuldgefühl und innerer Qual. Da lag sie vor ihm und bat ihn, doch bei ihr zu bleiben, sie wollte ihn pflegen. Da war sie wieder die Ehefrau, das Kind aus der Braunschweiger Familie, und der Mann, den der Vater ihr gegeben hatte. Die Furcht vor Strafe: „Wenn Link erfährt, daß er vergiftet ist, bin ich ohne Gnade und Barmherzigkeit verloren.“

Welches Schwanken in den Worten und Briefen, die sie um diese Zeit mit der Bende tauschte. Sie, die aktive männliche, phantasierte sich fast in die Rolle einer Hörigen der Bende hinein. Mitten in den schrecklichen Meldungen von Links Zustand schrieb sie: „Wenn ich es mit Link geschafft habe, dann werde ich dir wohl genug bewiesen haben, daß ich nur um deinetwillen, mein Lieb, es durchgesetzt habe.“ Einmal unter dem Geraune und Gerede und falschen Befürchtungen nahm die Link den Rest des Giftes und warf es in das Klosett und dann stand sie ratlos da. Der Entschluß, Link zu beseitigen, drängte, vergewaltigte sie. Sie zergrübelte sich den Kopf, was sie anfangen sollte. „Grete versuch doch mal, ob du etwas bekommst. Ich könnte mir alle Haare ausreißen. Warum mußte ich doch so töricht sein? Nun ist alles Essig. Gretchen, verschaff mir bitte, bitte, etwas. Ich glaube kaum, daß ich mal richtig von ihm frei komme und ich muß, ich will ihn los sein. Denn ich hasse ihn zu sehr.“ Und die Frauen saßen zusammen, weinten; sie hatten sich zu Schweres übernommen. Die mißtrauische Bende fühlte heimliche Vorwürfe aus der Art ihrer Freundin: ihr war weh ums Herz, wie sie einmal schrieb, sie fühlte ihre Schuld und fürchtete für ihre Liebe.

Elli ging noch einmal zu dem Drogisten. Bekam das Gift wieder. Das Opfer lag inzwischen zu Hause herum oder lief zu Ärzten. Sie stellten Grippe fest. Seine Wutausbrüche ließen nach. Aber der finstere, mürrische Mensch blieb er. Die Verstimmung über seinen kläglichen Zustand entlud er von Zeit zu Zeit an der Frau. Er war ein Arbeitstier. Wenn er nur heraus könnte, arbeiten könnte. Manchmal, wenn er Elli ansah, empfand er Reue. Sie saß neben ihm und weinte; er wußte nicht warum. Keine Aufhellung seiner Seele, keine Erwärmung bis zuletzt. Die Vergiftung ergriff den Magen und Darm, machte schwere katarrhalische Entzündungen. Erbrechen, choleraartige Durchfälle traten besonders nach den großen Dosen auf. Sehr blaß und grau wurde er, der Kopfschmerz, die Neuralgieen, Schwäche im ganzen Körper. Bisweilen Herzanfälle, ohnmachtsartige Zustände, Delirien.

Die schrecklichen Tage Ende März vor seinem Ende verbrachten die beiden Freundinnen in größter Anspannung. Die Bende war die ruhigere trotz ihrer Furchtsamkeit: sie war fern vom Schuß und vor allem, sie fühlte immer selig, daß hier etwas für sie geschah. Sie schwatzten beide noch phrasenhaft, es solle bald niemand mehr ihr Glück zerstören. Dabei waren sie oft in fieberhafter Angst. Immer wieder sprach die Bende der Freundin Ruhe zu, warnte sie, nur bei einer eventuellen Vernehmung später keine Reue zu verspüren und es einzugestehen. Sie erschrak einmal freudig, als die Link morgens früh zu ihr kam; dachte schon, sie brächte eine bestimmte Nachricht.

In der Seele Ellis war für Link selten eine Empfindung. Sie war nun beherrscht von dem Gedanken: es muß ein Ende damit sein. Sie hatte noch manchmal Haß auf den Mann, weil dieser Zustand zu lange dauerte. Oft auflebend, oft von ihr gerufen die betäubende süße Faszination, das sehr hilfreiche Gefühl: ich tue es für meine Freundin, ich beweise ihr meine Liebe, nachdem ich ihr solchen Schmerz mit meiner Rückkehr bereitet habe. Sie hatte sich damals fast mit Gewalt, wie nie vorher, in diese Liebe gestürzt. Aber leise und manchmal trat jetzt die Liebe zurück vor der Neigung mit allem ein Ende zu machen. Mit dem Nachlaß des Hasses auf Link sank auch die Liebesempfindung. Ein Zurück aber gab es nicht. Sie hegte Todesgedanken gegen sich selbst. In die Form gehüllt, sie würde sich einer Bestrafung entziehen, sprach sie verschleiert davon: „Kommt es an den Tag und ich müßte büßen, so machte ich sofort Schluß mit mir.“ Und ein andermal: „Wenn es an den Tag kommt, was mir gleich ist, dann sind meine Tage gezählt wie seine.“

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Gegen Ende März 22 ging wieder das Gift aus und da konnten beide, die Link und die Bende, das Leiden, die Angst, das Hangen und Bangen nicht mehr ertragen. Die Bende willigte ein, daß die Frau den Mann ins Krankenhaus schaffte. Die Energie Ellis war gebrochen. Sie schrieb der Freundin, schwach und dankbar: ja, sie werde es tun; und wenn sie zum zweiten Mal heirate, so werde sie ihre Freundin heiraten.

An dem Tage, an dem Link in das Lichtenberger Krankenhaus gebracht wurde, am 1. April 22, starb er, 30 Jahre alt.