Der Frau war ein Stein vom Herzen gefallen. Sie dachte nicht eigentlich an Link. Sie tat nach außen vergrämt, aber war ganz glücklich, erlöst. Worüber? Daß sie nicht mehr töten brauchte, daß sie sich selbst wieder hatte, daß ihr eigenes Kranksein jetzt zu Ende ging. Das Pendel ihrer Seele mußte sich jetzt, hoffte sie, wieder einstellen. Ja, was war alles geschehen? Sie empfand nur unklar, daß eine Fülle von Schrecklichem jetzt gewichen war. Keine Rohheit gegen den toten Mann war in ihrem Gefühl, weil kaum ein Gedanke an ihn. Ja, sie konnte jetzt in manchen Augenblicken, wo sie an ihn dachte, wehmütig sein. Einen Brief schrieb sie in diesen Tagen an ihre Eltern: Link sei besser geworden; er habe zuletzt sein Versprechen gehalten. Sie konnte vor sich und vor anderen nur gut von ihm sprechen. Ihr war ein Glück geschehen; sie kam in ihr altes, reinliches, glattes Milieu. Nach der ängstlichen Gespanntheit der letzten Wochen kam ein freudiger Überschwang. Es war ein Durcheinander; sie sah nichts ab.
Gegen die Bende hielt sie wie immer einige Gefühle zurück und war nur Freude. Sie dachte schon an eine weitere Zukunft: wollte vorläufig nicht heiraten, aber vielleicht später, wenn sich etwas bietet, wo sie in die Wirtschaft kommt und wo einer einen Geldbeutel mitbringt. „Nun bin ich die junge lustige Witwe,“ jubelte sie, ohne auf das Gefühl der Bende Rücksicht zu nehmen, „mein Wunsch war ja, Ostern frei zu sein. Da ich nichts anzuziehen habe, nun kann ich mir etwas kaufen. Und wenn sollte mal das Glück auch an dich herantreten und Mutter dann nach hier kommt, dann kennt sie uns nicht wieder. Dann sind wir die lustigen Witwen aus Berlin.“
Die Bende hatte sich in den letzten Wochen schrecklich geängstigt und konnte den Termin der Beerdigung nicht erwarten. Bei der Tötung Links fand sie sich als der Hehler, der so gut ist wie der Stehler. Sie ging nicht mit zu der Beerdigung, aber ihre Mutter. Sie glaubte, die Freundin beruhigen zu müssen: „Der größte Schuft ist, der heute unter der Erde liegt. Der Kerl müßte im Grab keine Ruhe finden.“ Aber am gleichen Tag schrieb sie: „Mein Lieb, ob du in dem Moment an mich denkst, wo er in die Gruft gesenkt wird, da ich doch eigentlich am allermeisten die Hauptschuldige bin. Mir brennt das Gesicht wie Feuer. Es ist jetzt zehn nach ein halb vier. Gleich, wenn alles pünktlich ist, beginnt die großartige Feier und der Herr Kommunist marschiert von dieser Welt.“
Elli hatte keine Ermunterung nötig. Zynisch und übermütig, aber nicht ganz ehrlich, renommierte sie vor der Freundin: „Habe alles durchgeführt, was ich im Schilde hatte. Habe dadurch meine Liebe bewiesen, daß mein Herz nur für dich schlug und Link Liebe vorgeheuchelt bis auf den letzten Tag. Wo du manchmal sagtest: ich hätte Mitleid mit ihm. Nein, mein Lieb. Nun bin ich erst glücklich, daß ich es für vier Mark geschafft habe und seine gottlose Schnauze gestopft habe.“
Aber dann kamen schon mehr und mehr Ernüchterungen, Entspannungen bei Elli. Der Frau Schnürer erzählte sie, der Mutter Gretens, vom Krankenlager Links, wie er immer arbeiten wollte und wie sie oft weinte, weil er es jetzt so gut mit ihr meinte. Sie saß oft wehmütigen Gesichts da. Die Faszination ließ nach. Es war nicht die Furcht vor Strafe bei ihr wie bei der Bende, sondern die beginnende schreckliche Klarheit, das Zurückschwingen in den alten Zustand. Betrübt sah die Bende sie an, fühlte, daß sich Elli auch gegen sie richtete: „Du gibst mir ein großes Rätsel zu raten auf. Was mach ich mir für Gedanken und Vorwürfe. Auch wenn ich bei dir bin, so ist das von dir zu mir alles so gezwungen, als wenn du mir bloß immer sagen willst, ich habe Schuld, daß du das gemacht hast.“ Die Betrübnis der Bende war groß. Sie sagte einmal verzweifelt, sie gebe sich an allem schuld; Elli liebte sie nicht wirklich; sie hätte damals, als sie zurückkehrte zu Link, ein glückliches Leben anfangen können.
Elli, die Witwe, hob sich aus ihrer unklaren Trauer, verteidigte sich vor der Freundin: „Liebes Gretchen, wie kannst du sagen, daß ich mich um Link habe. Bin ich denn nicht rüdig genug? Wenn das alles Zwang wäre, wäre ich nicht so ausgelassen. Glaube mir, daß sich mir nicht eine Faser gerührt hat. Ich war kalt und habe alles mit kaltem Herzen gemacht und ich bereue es auch nicht im Geringsten. Ich bin nur froh und glücklich, daß ich erlöst bin.“
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Um diese Zeit tat die Bende, wetteifernd und werbend um die Freundin, tat so, als wäre sie aktiv und wollte auch ihren Mann beseitigen. Es waren vielleicht solche hingerissene, rauschartige Gedanken in ihr. Sie wurde um diese Zeit sehr durch den Schmerz und die Angst um die Freundin bedrängt. Aber wenn sie einen Schritt vorwärts machte, ging sie zwei zurück. Sie besuchte die verhutzelte Wahrsagerin Feist, holte Tropfen, erzählte ihrer Freundin, sie gebe sie dem Mann. Sie war sehr aufgewühlt und durch die Liebe zu ihrer Freundin zu Dingen gedrängt, die außerhalb ihrer Natur lagen. Sie haßte ihren Mann gar nicht, und wenn sie Elli umarmte, bei aller Lust trauerte und weinte sie, drängte zu ihrem Mann. Immer vertröstete sie die Freundin: „Warte auf mich und bleibe mir treu. Es wird ja doch hier ein Weilchen vergehen.“ Zugleich dabei der verzückte Gedanke, Elli zu sich zu holen, mit ihr und der Mutter zu leben. Schrecklich klang es der Bende, der warmblütigen, gefühlsvollen, als die Freundin ihr keck zurief, bis Pfingsten spätestens sollte die Freundin frei sein für sie. Die Bende las bedrückt, was Elli lockend schrieb: wie schön es jetzt sei, allein, nicht zu rennen, den Pudel zu spielen, auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen. Das Kindliche und Harte in Elli, das Lustige, Unbekümmerte und zugleich Eisige wurde auch ihr sichtbar. Jetzt war die Bende in einem Konflikt, fast in einer Krise. Es war ihr beinah lieb, daß die Katastrophe, die Entdeckung hereinbrach.
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