Nach zwei Tagen wußten alle Jamenläufer in Tsi-nan-fu und damit die ganze Stadt, daß der Nieh-tai zur Entscheidung der schwebenden politischen Prozesse morgen in Tsi-nan-fu eintreffen würde, rascher, als man erwartet hatte.

Wang-lun hatte mit zwanzig schnell aufgetriebenen Nichtstuern und Gaunern aus der Stadt nicht weniger als drei Brücken, die der Sendling passieren mußte, unbrauchbar gemacht, hatte sich und seinen Spießgesellen Festkleider aus einem Pfandhaus entliehen, das ihm und dem Toh wegen mancher billig erworbener Versatzstücke verpflichtet war, und rückte mit seinem sich übertrieben ernst gebärdenden Zuge am angegebenen Tage durch dasselbe Tor in die mächtige Stadt, durch das er wenige Monate vorher allein gependelt war, lächelnd, die feisten Torwächter vertraut grüßend, als käme er eben aus einem der vielen Teepavillons vor der Stadt, in denen sich Dichter und galante Jünglinge ergingen.

An diesem heißen Morgen des achten Monats schlugen ehrfurchtheischend Gong auf Gong vor ihm. Zwei der verbrüderten Lumpen ritten mit Hellebarden dem Zuge voraus auf klapprigen Braunen, auf denen sie unsicher saßen. Es folgten die beiden gongschlagenden Knaben mit drohenden Stirnen, vier Unterbeamte mit den frischlackierten Zeichen der oberrichterlichen Würde. Und in dem blauen Tragstuhl saß hinter geschlossenen Vorhängen ein träumender ehrwürdiger Greis mit einem weißen Bart, der rechts und links von Backen und Kinn in dichten Schwanzquasten herunterfiel auf das schwarze glatte Seidenkleid und fast das wunderschöne Brustschild bedeckte mit dem gestickten Silberfasan: Wang-lun selbst. Die runde schwarze Mandarinenmütze schmückte die Kugel aus Saphir.

Ein kleiner Trupp Soldaten hinter einem Offizier schloß den Zug, Soldaten der Provinzialarmee von der grünen Standarte. Über die Plätze und menschengestopften Märkte, die Stätten seiner ehemaligen Wirksamkeit, zog Wang zwischen Mauern von verstummenden Bürgersleuten; die Tore des Jamens standen weit offen.

Nur einen halben Tag hielt sich der Nieh-tai in der Präfektur auf. Er beschloß, die politischen Gefangenen aus der Suhfamilie nicht gleich abzuurteilen, sondern sie mit sich nach Kwan-ping zu nehmen, dort die Antwort des Kaisers auf seinen Bericht abzuwarten.

Ohne in der Stadt zu übernachten, schon gegen Abend, verließ der hohe Blauknopf die aufgeregte Stadt; auf einem Karren unter den Soldaten seines Zuges stand ein schmaler Holzkäfig; in dem saßen, die Hälse durch einen einzigen Holzkragen gezogen, Su und seine beiden Söhne.

Am Abend des folgenden Tages kamen die Läufer des echten Nieh-tais an, die zugleich Beschwerden des Richters überbrachten über die schlechte Wegeverfassung und Polizei im Distrikt. Die ungeheuerliche Nachricht erfüllte dann, aufgedeckt, die ganze Stadt mit Entsetzen.

Es war mit dem Namen der höchsten juristischen Behörde gespielt worden. Der Tao-tai samt seinem Beamtenstab war verloren; die mohammedanischen Einwohner sahen einer summarischen Bestrafung entgegen; die Täter mußten aus ihren Kreisen stammen. Es war vorauszusehen, daß der Stadt das Recht, zu den Prüfungen zugelassen zu werden, kaiserlicherseits auf Jahre entzogen würde.

Wang hatte sich inzwischen mit seiner Gesellschaft demaskiert in einer der Schluchten des Gebirges. Su-koh und seine Söhne, die schon dem Tode verfallen waren, verbrüderten sich mit Wang; es war bei aller schreckhaften Freude kein lauter Jubel in der Schlucht; die drei waren unter den Foltern hinfällig geworden.

Wang kehrte am nächsten Tage in die Stadt zurück zu Toh-tsin, den er ins Vertrauen zog.