Der Nieh-tai blieb noch fünf Tage zur Untersuchung in Tsi-nan. Nach seiner Abreise bei Anbruch der Nacht wurde der Priester des Musikfürsten durch leises Pochen an der Kammertür geweckt. Die gesetzliche Frau des Su-koh schlüpfte in die Kammer, verhüllte weinend ihr Gesicht mit einem dicken weißen Schleier und setzte sich, ohne Worte zu finden, auf den Boden. Su-koh war mit seinen Söhnen bewaffnet nach Hause zurückgekehrt, weigerte sich, sich zu verstecken und gab an, daß er jeden, der in sein Haus eindringen würde, ihn zu fangen, niederschlagen würde mit Hilfe seiner Söhne und Sippengenossen. Sie beschwor auf der Diele den Bonzen und Wang-lun, sich mit ihr zusammenzutun, damit der Mann und die Kinder wieder ins Gebirge zurückgingen.

Die Frau blieb bei dem Bonzen, Wang lief in das Haus der Sus. Er fand den Vater gekräftigt, ruhig, würdevoll wie sonst, aber in einer entschlossenen Bitterkeit. Su-koh erklärte, er würde die Stadt und Provinz verlassen, aber erst in Ruhe seinen Besitz verkaufen, seine Schulden bezahlen, seinen Priester befragen, welchen Wohnsitz er wählen solle. Wang, indem er den Kopf zwischen die Schultern zog, bot ihm an, den Verkauf und die Lösung der Verbindlichkeiten zu leiten, auch den Verkehr mit dem mohammedanischen Priester zu vermitteln. Su-koh lehnte alles ab.

Da beschloß Wang-lun, sich an seine Fersen zu heften und ihm zu helfen.

Su-koh ging schon am frühen Morgen durch die entsetzten Häuser, verlangte seine Schulden und die, welche seine Frau in seiner Abwesenheit gemacht hatte, zu bezahlen. Er erkundigte sich, ob man wisse, wo er sein Haus zu einem angemessenen Preise verkaufen könnte. In der Menschenmenge, die dicht hinter ihm folgte, sprang der öffentliche Spaßmacher, der Gehilfe Toh-tsins, des Bonzen, der riesengroße Wang-lun, schwatzend und aufgeregt.

Nach kurzer Zeit kamen die Polizisten angerannt. Aber Wang und seine Helfer wußten es einzurichten, daß die Menschenmenge sich mit Kindern und Frauen vor den Su drängte und drohte. Der Alte hatte seine Geschäfte schon erledigt, ging, unbeirrt durch das Geschrei der Leute und Bekannten, die auf ihn einredeten, in sein kleines Haus. Dann erfolgte ein Trommeln und Blasen. Blaujackige Soldaten sperrten die Straße bis auf eine kleine Durchgangspassage, trieben Herumstehende in die Häuser. Ein hagerer Tou-ssee, ein Hauptmann, befehligte sie.

Barhäuptig trat Su-koh aus seinem Hause, verneigte sich höflich vor dem Offizier und wollte, ohne einen Blick auf die Soldaten zu werfen und ohne Erstaunen über die Umgebung, an der Hausmauer entlang gehen, um ein paar Häuser entfernt eine Besorgung zu machen. Der knochige Tou-ssee sprang hinter dem langsamen, wohlbeleibten Mann her, stieß ihn mit dem Säbelknauf ins Kreuz, riß ihn bei der Schulter herum, schreiend: ob er Su-koh, der entwichene Dochtfabrikant, wäre. Su verschränkte die Arme und sagte, er wäre das; aber wer er, der Tou-ssee, wäre; ob er ein Wegelagerer und Räuber wäre und wie er die Dreistigkeit so weit treibe, einen schuldlosen Mann am hellen Tag mit dem Degenknauf zu stoßen und ihm aufzulauern.

Noch ehe Su zu Ende gesprochen hatte, hatten der Offizier und zwei herbeigesprungene Soldaten ihn mit einigen Säbelhieben an der Mauer niedergemacht.

Wang schrie hell mit den andern auf, die von den Ecken der Straßen dies angesehen hatten. Er wollte zuspringen, aber er zitterte, konnte nicht von der Stelle, seine Glieder waren plötzlich von einer Schwäche und Lähmung befallen. Er trieb mit der Menschenflut im Zickzack über die Plätze, seiner nicht ganz bewußt. Seine Blicke liefen hilflos über die Gesichter, die Gänsekiele und die Ladenschilder, die goldbemalten. Er erkannte keine Farben. Eine immer wachsende Ängstlichkeit trieb ihn vorwärts. Fünf Säbel fuhren dicht nacheinander durch die Luft, zehn Schritte vor ihm, wohin er sah. Und dann ein graues Durcheinander. Übereinander.

Su-koh, sein ernster Bruder, lag ungerettet auf der Straße.

Su-koh war sein Bruder.