Bis am fünften Tage das Fieber ausbrach, im Gesicht des Heiligen kleine Blütchen, zarte Pusteln erschienen und mit Entsetzen von dem Ärztekollegium des Klosters die schwarzen Blattern erkannt wurden.

Mit einmal war das Licht aus der Menge der Kardinäle, Priester und Frommen gerissen. Die Hochbetitelten, die Magister, die Überströmenden, die Gesetzesfürsten, liefen durcheinander, Sandkörnchen und rollten nur, rollten. Aus den weihrauchdampfenden Korridoren lief das schreckliche Gerücht, wie eine schwarze Katze schleichend, heimlich sich an die Wände zur Seite drückend, die Höfe kreuzend, dann mit einem klatschenden Absprung der Hinterpfoten hoch, in eine beschwingte Fledermaus verwandelt, breiter, ein gelles Pfeifen ausstoßend, als klumpige, schwefelhelle Wolke am Horizont fliegend, den Himmel bedeckend.

Kia-king wechselte mit anderen kaiserlichen Prinzen am Krankenbett in Kuang-tse ab; der Kaiser selbst, schon unterwegs, ließ durch Eilläufer anordnen, dreihunderttausend Taels unter die Armen der Stadt zu verteilen. In Kuang-tse, dicht am Lager des vom Fieber Verbrühten, hörten die Messen nicht auf. Die Höfe klangen noch unter den Festpauken, den Zinken, weißen Trompeten, Glöckchen, Gongs, der blauweiße grelle Prunk der heiligen ausgestellten Gefäße lockte das Licht und die Menschenblicke an. Die Mönche zogen einen Wall um das Kloster mit Andachtswimpeln, Segensbäumen, Glücksschärpen. Die Menschenströme, von außen gegen das Kloster anbrandend, warfen Mauern aus Gebete tragenden Steinen um die Klosterwände aus.

Drin war es still. Der Buddha rang mit der Pockengöttin. Die spitzhütigen Bischöfe und Würdenträger, in Brokat und bunten Stiefeln, liefen matt und übernächtig umeinander; ein Fasten höhlte ihre Leiber aus.

In der kleinen Kuppelhalle des Tempels schauerten jeden dritten Tag Sodschongs, die großen Opferfeiern. Während auf den Klang der Posaune des Gesetzes sich vor der Klostermauer die Menschenmassen von Osten nach Westen in Bewegung setzten, schwerfällig vorrückten um die Mauern unter dem Scharren des Sandes, dem Klappern der Rosenkränze, dem gewitterartig anschwellenden Om mani padme hum, zerquetschten die Geweihten in der Kuppelhalle ihre Knie, lastend auf den Matten in langen Reihen, Gelbmantel hinter Gelbmantel. Murmeln, Glöckchenklingen, Vorbeten, Händeklatschen, brausende Instrumente. Schwermütig nahm der Tschan-tscha den kleinen Goldspiegel vom Altar, hob ihn. Der älteste Chan-po schwenkte das schnablige Weihwassergefäß, hielt in der Linken einen gebuckelten Teller. Und während der Tschan-tscha den Spiegel drehte, so daß der Schatten Buddhas hineinfiel, goß der Chan-po. Die Gemeinde hingesunken. Das zuckersüße Wasser lief über das Gesicht des Spiegels, tropfte in den Teller. Der leise Gesang bebte, von Hand zu Hand wanderte der gefüllte Teller. Die Priester bestrichen sich Scheitel, Stirn, Brust, und weinten.

Paldan Jische delirierte. Die Geschwüre krochen über seine Bronzehaut; flossen zusammen. Erst füllte sie eine gelbe Flüssigkeit, dann begann sie zu dunkeln, dickrötlich, schwarz zu werden.

Kia-king saß stundenlang am Fenster der Zelle und betrachtete das verschwollene, unkenntliche Gesicht, das dem weisesten Menschen angehörte, das Gesicht, in dem manchmal zwei ganz unirdische Augen sich von dem Verschluß hartkrustiger Lider befreiten und kühle helle Blicke an die blaue Decke sandten, wie die kristallenen Springbrunnen unter den Ulmen von Kun-ming-hu. Der feiste Prinz empfand einen stechenden Neid auf den Taschi-Lama, der sein Nachfolger im Vertrauen Khien-lungs geworden war. Aber er wurde wehrlos gegen den Fremden beim Beobachten dieser befreiten Blicke. Bis zu der Krankheit mied der Prinz nach der einmaligen Visite den Tibetaner, den er als gefährlichen Parasiten ansah, als König der gelben Pfaffen. Die Hingeworfenheit des Kranken machte den Prinzen geneigter; er beschnüffelte ihn, schließlich zitterte Kia-king unter dem Gedanken, daß sein Vater auch diesen Mann verlor. Kia-king tat Gelübde, damit Paldan Jische leben bliebe.

Die Ärzte bestrichen den Leib des Kranken mit Safran; sie banden seine Hände zusammen, hielten seine Ellenbogen und brannten siebenmal seine rechte und linke Seite mit dem trockenen Stengel von Moxaholz, das sie in Hanföl tauchten. Die Papierfenster bekritzelten sie mit roten Zeichen, die Wände, die Schwelle. Als die Krankheit zunahm, auch im Mund die Geschwüre platzten, duldeten die Doktoren, daß die sechs Tschoßkjong, naive volkstümliche Zauberer, denen der Taschi-Lama wohlwollte, eingelassen wurden.

Im Federfell, mit Vogelklauen, unförmigen Helmen, an denen der fünffache Totenkopf grinste, hüpften sie zu dritt im Zimmer vor dem Halbbewußtlosen herum, flüsternd, überzeugt, heute ihr Meisterstück zu verrichten. Sie riefen den furchtbaren Takma an.

Sie warfen das Bett umkreisend ein dünnes Pulver in die Luft.