Wie dem Einhalt gebieten, wie nicht erschrecken, den Atem verlieren und keuchend auf die Stirn fallen — vor Angst und Ohnmacht.
Die Lamas lebten, Pfähle in dem Morast, Inseln in der erregten See, Glücksblicke des Lichtes, Beender des Kreislaufs, Ringlöser.
Mehr Hilfe, mehr Kerzen.
Und es brannten nur so fein in der Finsternis die kleinen wandelnden Kerzen, die Wahrhaft Schwachen, die Laienbrüder, die Toten dieser Mongolenstadt.
Ein leises, zunehmendes Plärren, Quaken von Fröschen ließ sich vernehmen; ein breitsitzender, behäbiger Chor blies sich im Wasser auf.
Einmal ließ sich der wunderbare Mensch auch herbei, zu den Frauen des kaiserlichen Harems zu gehen. Unter einem Schirm von gelber Seide saß er in der offenen Sänfte; er hielt die Blicke gesenkt, um sich nicht zu besudeln durch das Anschauen der schönen Weiber; sie erschauerten unter seinen segnenden Händen und küßten sich, als er sie verlassen hatte, glücklich ihn gesehen zu haben.
Die Zeit des Aufenthalts in Pe-king neigte sich zu Ende. Da bemerkte man, wie der Wanderer vom Gnadenberge stiller und zurückhaltender wurde. Eine Müdigkeit lastete auf ihm. Er seufzte viel; aus seinen Versenkungen erhob er sich mit leeren, eingesunkenen Augen. Man fragte ihn nicht, in keiner Weise ließ man erkennen, daß man eine Veränderung seines Zustandes merkte. Es wäre auch gegen die geistliche Einsicht gewesen, zu trauern, da es ja dem lebenden Buddha freistand, seinen leiblichen Wohnsitz zu wechseln. Man wurde von einer menschlichen Angst um den gnadenspendenden Mann ergriffen. Ihn schien etwas zu drücken. Er rückte mit einer Äußerung zu dem Tschan-tscha Chu-tuk-tu heraus, zu diesem Bücherwurm, der ihn beschnüffelte, registrierte; es sei das heiße Klima und die eigentümliche Feuchtigkeit des Landes vielleicht ungünstig; er habe Verlangen nach den schwarzen Filzzelten und den Schneesteppen. Das war nur eine einzelne Bemerkung; der Pantschen Rinpotsche schwieg sich über sich aus.
Er war nicht von der Art der Frommen, die eine Leichtigkeit, Fröhlichkeit durch die Existenz begleitet; er schloß sich wenig an Kinder und harmlose Naturen an. Beim Anblick der runden Kinderaugen fror ihn. Wo die schweren Seelen waren, bettete er sich. Da wurde ihm leicht, er fühlte sich in guter Luft; ließ sich gehen, ließ sich strahlen. Er kannte von klein auf nur die härtesten und furchtbarsten Dinge, sah sich von Schicksalgeschlagenen umringt.
Und nun, in dieses kaum vorbereitete Riesenreich verschlagen, türmte und wackelte es von allen Seiten ungeheuer über ihn her. Ohne Ende streckten sich die Länder und Menschen. In einer Verwirrung beugte er sich. In dieser Verwirrung erschien er sich als ein Bauer, der dieses Land der achtzehn Provinzen bepflügen sollte, allein bepflügen sollte. Ein unsicheres Zittern, Schwirren, tiefinneres Schwindeln berührte seine Kopfhaut, füllte sein Gehirn wie ein Schwamm. Eine große Ermüdung fühlte er im Kreuz; sein Herz und seine Lungen schienen wie aus Holz in ihm zu hängen und gelegentlich zu klappern.
Vier Tage waren schon die Tore und Höfe des Klosters Kuang-tse geschlossen. Paldan Jische war krank. Er erinnerte sich in manchen Augenblicken des Klosters, das er zuletzt besucht hatte, mit dem Liegenden Buddha. Das Bild hatte sich seinen Augen sehr eingeprägt. Er lächelte; er konnte sich mit den Beinen nicht aus dieser Stellung herausfinden. Die Ärzte, die ihn begleiteten, tibetanische und mongolische, waren noch nicht zu einer Diagnose gekommen; fünfstündlich wurde einem andern die Gnade zuteil den Puls des Kranken zu betasten.