In einem kleinen Fichtenwald nördlich der Tatarenstadt Pe-kings lag das Kloster Kuang-tse. Hier wohnte der Heilige aus Tibet.
Sein Zug von Jehol nach Pe-king war auf einer einzigen Triumphstraße erfolgt. Die Vögel der Anbetung rauschten in schwarzen Scharen um seine Mitra. Als er sich in das kleine Kloster Kuang-tse gesenkt hatte, schienen tausend magnetische Arme über die Klostermauern nach außen zu wachsen und die Anbeter herbeizuziehen. Auf kaiserlichen Befehl umgab beständig eine Kompagnie des Roten Banners den Wohnort des hohen Gastes; sie vermochten den Andrang nicht zu regeln.
Unübersehbare Menschenströme; Wagen, Karren, Reiter, Mütter mit Säuglingen, Bettler, Fürsten, Vagabunden; ein Zusammenschlagen und Vereinigen aller Blicke; ein Brechen aller Knie vor dem hölzernen Zepter, das der ernst lächelnde starke Lama an der Hoftür hob.
Aus Hintertüren verließ Paldan Jische, der zu Fuß ging, an Vormittagen in Begleitung zweier Gelehrter das Kloster, spazierte wie ein einfacher gelbrockiger Lama im spitzen Hute. Er besuchte das östliche Tung-huang-tse, das Kloster des Tschan-tscha Chu-tuk-tu, machte in der Sänfte einen großen Ausflug nach dem Jagdpark Hung-schan, westlich des Kun-ming. Die herrlichen Waldungen der Ulmen, Maulbeerbäume durchschritt er in einem strahlenden Entzücken; Marmorbrücken führten über Schluchten und grüne Bäche; die schlanken Rehe jagten dicht vorüber.
Die Tauperlen des Waldes hingen noch an seinem Hute, als er das Kloster der fünfhundert Lohans betrat, von dem niederstürzenden Abt und dem großen Mönchskapitel empfangen. Mit hoher Pracht schimmerten hier in einer Grotte die achtzehn Martern und neun Belohnungen aus Ton geformt.
Eine Nacht verbrachte der Heilige in dem seitlich versteckten Kloster des Liegenden Buddhas; er war, als der Abend kam, schon seit Stunden in Kontemplation vor der Kolossalstatue versunken; als er sich losgerissen hatte, genoß er den Anbruch der weichen, warmen Nacht unter den Roßkastanien des Parkes, zwischen der gebärenden Feuchtigkeit der Teiche.
Dieses östliche Land war gesegnet. Die Menschen erfüllten es; das gute Gesetz machte unter ihnen Fortschritte. Mit fremden freudigen Augen betrachtete der Taschi-Lama die bergehoch gehäuften Schönheiten der Gebiete, ohne Begier, wie ein Spender, Gönner, der still lächelt und Vergnügen aus der fremden Freude gewinnt. Die Gebete und Bitten, die heimlichen Klagen der Fürsten klangen zu ihm; auch die warme Luft besserte nichts, die Marmorbrücken waren leicht wie ein Atemzug, die hohen Sorghofelder, die Reispflanzungen mit aller Üppigkeit verschwanden, wenn man die Hand vor die Stirn legte. Welch gutes, tüchtiges, maskenfrohes Volk spielte hier; wie es herrisch die Nachbarvölker bedrückte. Aber selbst der Kaiser, der Herr der Gelben Erde, wußte, wie wenig das bedeutete, zehn Jahre, fünfzig Jahre, hundert, tausend Jahre, klagte. Es regte sich hier im Lande von dem reinen, süßen, bewältigenden Geiste des Allerherrlichst-Vollendeten; noch war nicht die Zeit, wo das Reich des Cakya-muni sich erfüllen sollte, erst mußte die Bedrängnis der heiligen Lamas, so lautete die Weissagung, bis ins Unerträgliche wachsen.
Was hatten die Stillen zu leiden, die Träger des Wu-wei, von denen Khien-lung klagte, deren Untergang schwere Zeichen begleiteten. Arme Suchende; Buddha würde ihnen ihren Platz unter den Wiedergeburten geben. Grauenvoller Widerspruch; der Kaiser ahnte, wie er ein Nichts wäre, und ließ die morden, die es noch tiefer ahnten, die es inniger bekannten.
Rettungsloses Wuchern der Geburten aus allen Teichen, Verzehnfachen, Vertausendfachen der Welt in einem Augenblick.
Wäre der Weltenberg Sumeru nicht von sieben Meeren und sieben Felsgürteln umringt, so würde die Wildheit der Gelüste alle Grenzen sprengen und überfluten, in das Leere eindringen, aufrauchen in die Glanzhimmel der Formen und Formlosigkeit.