Unbeirrt um das ungeheure Ereignis, das sich hier vorbereitete, die Trennung des Buddhas von seinem jüngsten Körper, redete dann der alte Kaiser. Er fragte oft, ob ihn der Kranke verstünde. Der nickte deutlich. Mit einer harten Bestimmtheit trug Khien-lung die letzten Ereignisse vor, den Aufruhr, die Ruchlosigkeit Miens. Paldan Jisches Augen wurden lebendig, während Khien-lung flüsterte. Der Heilige war in seinem Element, unter den schweren geworfenen Seelen. Als Khien-lung zu Ende war, sah er die Glocken der braunen Augen sich bewegen, aber die Lippen des Kranken zuckten ohne ein Wort zu bilden.

Der Kaiser richtete sich auf, warf den Kopf mit Strenge zurück.

Am nächsten Nachmittag saß er wieder am Bett des Heiligen. Die sechs Bischöfe standen unbeweglich in Bettlerkleidung an den Wänden, warteten. Dringlicher flüsterte der Kaiser, wiederholte den Bericht, faßte den Kranken bei den Handknöcheln, verlangte neuen Rat, versprach der Gelben Kirche Klöster in jeder Provinz neu zu bauen.

Der Kranke mühte sich nach Worten, lächelte. Nur der Blick sprach, schwieg. Der Zorn verzerrte das Gesicht des Kaisers.

Als der Kaiser am nächsten Nachmittag eintrat, fand er den Heiligen sitzend im Bett. Es standen nur vier Bischöfe barfuß an der Wand in braunen Kutten. Zwei stützten den Heiligen, der die Augen geschlossen hielt und sie unter der kissenartigen Schwellung von Wangen, Lidern, Stirn, nicht mehr öffnen konnte. Die beiden Kahlköpfe hielten ihn, denn er hatte Zeichen gegeben, daß er wandern wolle. Eine schwere Weihrauchwolke hüllte den Raum ein. In dem Nebel blieb der Gelbe Herr erstarrt stehen. Keinem Blick begegnete er. Der Heilige war mit dem Gesicht nach Westen gedreht worden. Khien-lungs Sänfte kehrte rasch zurück.

Zwischen dem Zickzack der Delirien, Verschleierungen, bunten Wirrsalen wachte und träumte Paldan Jische. Ein fleischschnürender Krampf, ein hohler Schwindel über Schlünden, eine klare federnde Helligkeit wechselten. Die große Ermüdung verdunstete. Die weißen Mauern des Labrang tauchten auf, die Dächer leuchteten in dem matten Gold. Der tote Dalai-Lama erschien und ging rasch unter seinem Schirm vorüber. Die Bilder bewältigen, Besinnung, Besinnung! Kurze Rast in weißen Sälen. Menschen, wieviel Menschen, auf Kamelen, Karren, tauchende sinkende Menschen. Hoftüren, Sänften, Gongs. Hilfe über dem Meere, große Boote, kleine Boote. Er schleifte riesengroß, unkörperlich seinen Glanzleib mit einer phosphoreszierenden Schleppe, war ein himmelhoher Pfeiler, der sich rund drehte. Ihn befiel kein Zittern. Er wußte nicht, ob es sein Empfinden war, das er empfand, ob es anderer, vieler, zahlloser Empfindungen waren. Schwebend. Schwebte geheimnisvoll zwischen sechs geheimnisvollen Silben.

Drei Tage und zwei Nächte hielten die sechs Bischöfe den Heiligen, der als Buddha sterben mußte. Sie stemmten sich zu zweien von hinten gegen seinen Rücken, der sich immer wieder rundete. Einer umfaßte den Kopf und trieb ihn hoch. Einer preßte die schilfernden Hände gegen die Brust und drückte oft die winkelspitzigen Ellenbogen dicht an den Leib. Einer schlug die Beine des Sterbenden übereinander. Der sechste bog die Sohlen, die flammendrot waren, nach oben um.

Am Morgen des dritten Tages verließ Amithaba den Körper Lobsang Paldan Jisches. Der tote Leib erstarrte in der Stellung des betenden Buddhas.

Wochen vergingen, bis der Leib Jisches die Rückreise nach Tibet antrat, Monate, bis er in Taschi-Lunpo, der tränenfließenden Stadt eintraf. Der Geist des Buddha wanderte schon längst über die geliebten Schneefelder, Grassteppen, streichelte die zottigen Yaks, irrte herum, suchte das Kind, in dem er seine neue Wohnung nehmen wollte.

Die Menschen in Pe-kings Kloster Kuang-tse umschlangen den ausgeglühten Leib des Lobsang Paldan Jische, Sohnes jenes tibetanischen Zivilbeamten. Sie balsamierten ihn ein.