Am Vormittag nach dem Tode hallten die kaiserlichen Gongs vor dem Kloster. In der weißen Totenkleidung stand Khien-lung ohne Gürtel, ohne Ring, mit kahlem Schädel vor der Samtbank, auf dessen Violett im gelben päpstlichen Ornat ein furchtbarer Buddha die Schenkel kreuzte, thronend in einer grausigen Ruhe.

Schwarze brandige Borken hingen in Fetzen von einem geblähten Gesicht herunter. Ein blutiger Schleim tropfte von Minute zu Minute aus dem Munde. Dicke runde Wülste durchquerten statt Lippen die untere Gesichtshälfte. Die Lider geschlossen; aber in eigentümlicher Weise hatte sich ihre Schwellung verloren, so daß neben der kloßförmigen Nasenwurzel zwei grünlich schimmernde Höhlungen sich in den Schädel senkten. Die Mitra mit den fünf edelsteinbesetzten Buddhabildern rutschte auf dem Kopf schief vor. Über den bestickten Goldbrokat der Brust sickerten die Schleimtropfen und rannen hinter die angelegten Ärmel.

Rechts und links von dem thronenden Buddha standen auf Tischchen die Opfer für den Toten, niedrige Reis- und Tonpyramiden. Räucherstäbchen brannten. Die Bischöfe, der Tschan-tscha stopften ihre Münder auf die Dielen.

Khien-lung verharrte minutenlang ohne Bewegung. Sein Blick schweifte nach dem Fensterplatz, auf dem er das Erwachen des Heiligen erwartet hatte, nach der Ostwand, wo sich am Boden die Holzklötze des Sterbebettes erhoben. In einer kalten Gelassenheit prüfte er die Züge des emporgestiegenen Lamas. Keinen Abscheu spürte er, verfolgte die langsame Entwicklung einer Blutblase auf der Unterlippe der Leiche und wie die ekle Flüssigkeit abquoll.

Dieser Mann war mit Recht gezeichnet. Sein Körper zerplatzte aus Eitergeschwüren. Er war nicht besser als die betenden Pfaffen. Sein Schicksal bewies es klar. Hier die Mongolenstadt, da die Blattern: man konnte es auf eine Wage legen. Der hingeraffte Pfaffenkönig vermochte nicht zu raten trotz der Bücherhaufen Kand-schur und Tand-schur.

Und da wurde Khien-lung unsicher. Seine Kälte zerbrach. Er fiel vor der thronenden Leiche auf die Knie und weinte, aber niemand im Zimmer wußte, daß er vor Wut über den Lama weinte, in tobenden Anklagen, weil der prunkende Weise ihn betrogen hatte. Khien-lung hatte sich in Verblendung auf das Eis dieses Betrügers locken lassen. Und der Gnadeüberfließende war ihm entwischt, ehe er ihn gestellt hatte. Blut hatte der Tote speien können, Trostblicke werfen, aber der hohnvolle Priester entschloß sich zu keiner Silbe.

Einen Sarkophag in Gestalt einer Reliquienpyramide befahl Khien-lung aus Gold herzustellen. Da hinein versenkte man den Körper Paldan Jisches. Die leer bleibende Höhlung und den Körper überschüttete man mit weißem Salz.

Es kamen die hundert Tage für Seelenmessen, an denen die nördlichen Provinzen, die ganze Mongolei teilnahmen. Ein ganzes Volk zerbrach in Schmerz um den entschwundenen Buddha. Und noch war man nicht in Tibet.

Der endlose Trauerkondukt setzte sich in Bewegung, nicht nach Norden, sondern Westen. Man drang mühsam durch die westlichen Provinzen; die Menschen schlossen sich um die goldene Stupa zusammen und hielten sie fest, als wäre sie eine Pagode, die den Ort beschützt. Weder Tag noch Nacht berührte der schwere Schrein mit der Leiche den Boden; von Schultern glitt er auf Schultern. Nachdem er in Kuang-tse unter Dröhnen der ungeheuren Posaunen aufgehoben war vom Boden, sank er in Taschi-Lunpo herunter, im weißen jammerberstenden Labrang, nach sieben Monaten und acht Tagen. Bei Kuang-tse wuchs im selben Jahre der Marmorobelisk, den Khien-lung dem Andenken des Heiligen widmete; der Stein von der goldenen Papstmitra gedeckt; der Opferaltar an einer Seite, umweht von langen Seidenwimpeln.

Zwei Tage nach dem Tode Paldan Jisches saßen in der kleinen Empfangshalle vor der Estrade des Himmelssohnes die Vertrauten Khien-lungs. Er selbst blickte viel zu den weitgeöffneten Fenstern hinaus. A-kui kauerte unten neben Chao-hoei, Song; auch Kia-king, dessen Höflichkeitsbesuch der Kaiser angenommen hatte, den er zu Audienzen berief, ohne ihn eines Gespräches unter vier Augen zu würdigen.