Das Heer der Bündler hatte seine anfängliche Zweiteilung völlig aufgegeben; die Waffenbrüderschaft hielt die Weiße Wasserlilie und die Wahrhaft Schwachen unlöslich gebunden. Die starken Männer und Frauen rannten, schlugen Zelte, fuhren Proviantkarren, schwangen Beile und Schwerter; die schwarzen Fahnen klatschten; das weitere stand nicht vor Augen. Man mußte siegen, Mandschus vertreiben, goldene Mings wieder einsetzen. Die Wahrhaft Schwachen unterschieden sich nicht von den Geheimbündlern, nur daß sie stolzer waren, in den Schlachten Berserkerstücke verrichteten, in den Lagern zum Sport gefährliche Zwei- und Vierkämpfe ausfochten, eine drohende Zuversichtlichkeit zur Schau trugen.

Man lagerte im weiten Umkreis um Schan-hai-kwang, ruhte von den letzten Schlachten, erwartete die Hilfstruppen, die aus Schan-tung und Kan-su im Anmarsch waren. Aus Tschi-li und den Nachbarprovinzen verlautete die Sammlung von Provinzialheeren; Zuläufer wollten so wissen, daß die Provinztruppen zu großen Kontingenten angewachsen seien. Jede Nachricht wurde mit Gelächter und Wonne aufgenommen.

Auf die Kunde von der Ausdehnung der Rebellen kamen aus Nan-king zwei Männer gewandert, die behaupteten, Nachkommen des alten Minggeschlechtes zu sein. Sie stießen zu den Bündlern am Tage nach der Niederlage in Pe-king, kämpften sogleich mit größter Bravour beim Zusammenstoß mit Chao-hoei. Sie waren Vettern, der Ältere ein Bauer in den fünfziger Jahren, der Jüngere etwa in den Zwanzigern. Sie fielen durch Ernst und sympathische, zweifellos vornehme Haltung auf. Sie vermochten sich natürlich nur durch Erzählungen sehr phantastischer Art zu legitimieren, fanden allgemeinen Glauben. Von seinem Ritt um die Stadt zurückkehrend, fragte Wang den Jüngeren der Mingvettern, ob er verheiratet sei. Der verneinte. Da betrachtete Wang den zarten, tiefbraunen Jüngling, meinte, es sei vielleicht zu erwägen, ob er sich nicht verheiratete. Der schlanke Mensch drehte sein längliches Gesicht lächelnd beiseite; er freue sich über Wangs gute Laune; er hätte für Wang ein kleines Kistchen kandierter Datteln aufbewahrt und sie wollten zusammen Späße machen. Der andere lobte das, und wo er denn die Datteln hätte. Vor einem Zelt lutschend und spuckend, sahen sie sich vergnügt an. Er hätte solche kandierte Datteln schon lange nicht gegessen, sann Wang, zuletzt in Schan-tung; es sei schon lange her. In Po-schan sei er einmal eingeladen gewesen bei einem Kaufmann, der die Weiße Wasserlilie führte; da hätte er viele davon essen müssen und seinen Spaß gehabt. Ja, erwiderte der Ming, sie seien ziemlich rar in dieser Gegend, besonders jetzt. Ob er also wirklich nicht verheiratet sei, fuhr der andere fort; in Kriegszeiten sich verheiraten, zeuge von großer Vorsicht; denn man könne vielleicht einen Sohn bekommen und dann stürbe man ruhiger. Ja, er brauche ihn nicht so anzusehen. Also kurz und bündig: ob der junge Ming sich mit der Tochter des Mandschugenerals Chao-hoei verheiraten wolle. Wenn er wolle, brauche er nur zugreifen; Wang werde den Vermittler spielen. Der junge Mensch verneigte sich sehr ernst vor Wang; er wolle Wang nicht verletzen; aber solche Späße verdiene er nicht; er lege keinen Wert auf seine Mingabstammung in diesem Moment. Unbeirrt wiederholte Wang: es handle sich um Dinge, die so klipp und klar wären; gebe Chao-hoei seine Tochter her, so hätte man den General mitgewonnen; gebe er sie nicht, dann, nun dann würde man ja sehen. Die Mings sollten nicht trotzig auftreten, durch Ruhe entwaffnen, diplomatisch denken. Verwirrt, errötend stammelte der Ming etwas. Jedenfalls bliebe es dabei, bestimmte Wang, bevor sie an das Kochen von Hirse gingen, daß er, der Ming, unverlobt, Wang zur Vermittlung ermächtige. Er solle ihm sogleich Geburtstag, Jahr, Monat, Stunde für die späteren Berechnungen aufschreiben.

In der Stadt gab es Anhänger der Bündler. Die Belagerer suchten mit ihnen in Verbindung zu treten. Die anfänglichen Bemühungen, Nachrichten und Verabredungen auf Papier in hohlen Lanzen zu befördern, scheiterten; die Zettel kamen überhaupt nicht an oder an falsche Adressen; man erschwerte durch jeden mißglückten Versuch den Brüdern drin die Arbeit. Aussichtsvoller war der Wasserweg.

Zwei Tage nach der Zernierung der Stadt langte eine große Flotte stark bemannter Schiffe draußen an; sie kamen vom Süden herauf. Die Belagerer, die zuerst jubelten, weil die Schiffer keine kaiserliche Tracht trugen, sondern ersichtlich Seeräuber waren, wurden bei dem ersten Annäherungsversuch schwer enttäuscht; die Rebellendschunken wurden von zwei der großen Schiffe einfach überrannt. Es waren Seeräuber, die von dem Tsong-tou von Tschi-li geworben waren und deren Anführer der Kaiser zur Belohnung eine Pfauenfeder im voraus verliehen hatte. Sie schwammen stolz auf dem Wasser, kaperten verdächtige Boote, verpraßten in der Stadt und benachbarten Küstenorten ihr Geld und begönnerten Chao-hoei.

Wang-lun ging mit fünfzig seiner verwegensten Leute in eins der Küstennester. Er sagte seinen Männern, sie wollten die Stadttore von innen öffnen. Stark bewaffnet näherten sie sich dem Fischerdorf, in dem die Mannschaften dreier großer Schiffe saßen. Lärmend zogen sie aus einer südlichen Seitenstraße in die auf einer Dünensenkung kriechende Hauptstraße. Die überraschten Piraten, mit Strohhüten und geflochtenen Strohmänteln, traten aus den Häusern auf die Straße. Wang stieg zu einer Schenke herauf, vor der eine Rotte stand, fragte, wem die Schiffe draußen gehörten.

Einer, der Wangs Größe hatte, zweifellos aber nicht Führer war, drängte sich nach vorn und sagte, das ginge Wang nichts an. Wang schob ihm den breiten Strohhut aus dem Gesicht; das solle er nicht so sagen; wenn die Schiffe keinem sicher gehörten, dann wolle er sie mit seinen Kameraden nehmen. Die Piraten brüllten vor Vergnügen, sicher gehörten die Schiffe keinem; aber inzwischen gehörten sie ihnen, und da sei es nichts mit dem Wegnehmen.

Dann sei er ganz zufrieden, meinte Wang; das hätte er ja nur wissen wollen. Dann sei es eben nichts. Aber ob sie nicht irgend wo anders kleinere Schiffe, Segeldschunken gesehen hätten, die man wegnehmen könne. Er und seine Kameraden wollten zu Schiff gehen, weil es mit dem Lande nichts wäre.

Das meinten die Piraten auch, beschauten die Ankömmlinge, zufrieden als Besitzer, sagten spöttisch, Dschunken würden sich schon irgendwo finden; sie seien ja rüstige Burschen, die wohl gut schwimmen könnten. Als neulich das große Hagelwetter war, seien sechzig kleine Dschunken und fünf große Schiffe vielleicht sechs Li vor der Küste gekentert; die könnten sie bequem holen, die gehörten jetzt keinem und seien vorzüglich ausgerüstet. Wenn sie gut tauchen würden, könnten sie die Schiffe nicht verfehlen; es sei da hinten, in südlicher, etwas östlicher Richtung.

Wang fand diesen Rat außerordentlich; die genaue Ortsangabe würde er sich gut merken. Freilich seien seine Kameraden ebenso wie er selbst noch zu wenig an das Wasser gewöhnt, um gleich so anstrengende Tauchübungen zu machen. Da die Sache nach ihrer Beschreibung so einfach sei, so würde aber ihnen beiden bald geholfen sein. Er werde sich mit seinen Begleitern der drei Schiffe draußen bemächtigen, an diese Arbeitsweise seien sie als Landbewohner gewöhnt, sie sollten dann neben den Schiffen schwimmen; er werde sie sicher zu der Stelle hingeleiten, sechs Li vor der Küste, wo die sechzig kleinen Dschunken und fünf große Schiffe auf sie warteten.