Wie viele leben noch von den Brüdern aus Nan-ku? Zu keiner Zeit, glaube ich, hat die Erde rasch so viele kostbare Krieger aufgenommen; von den süßen Geistern duftet das Land. Und ich bin noch übrig, und soll zum Sieg führen. Und was tu ich jetzt weiter und weiter? Verschlingen, den Boden sättigen mit kostbaren Körpern; hinter Ho-kien in Pe-king, bei Ying-ping. Mich haben sie nicht mitnehmen wollen. Vor mir häufen sich die Opfer, ich bin selbst schon eine Leiche, nach der der Boden nicht schnappen will, um mich fernzuhalten von den teuren Geopferten. So werde ich noch eine Zeitlang auf der Erde herumrasen; der Name Wang-lun wird den Klang eines Höllengottes bekommen; ich werde irgendwo irgendwann einschlafen, ohne zu wissen, warum das alles gewesen ist.“
Sie stiegen in einer Ulmenpflanzung ab, banden ihre Pferde fest, saßen im Moos.
Die Gelbe Glocke streichelte mit schmerzlichem Ausdruck Wangs Schultern: „Was ist das? Was ist das?“
„Wir müssen das Reich für uns erobern. Die Mingkaiser, die unsere Kaiser sein sollen, müssen wir einsetzen. Das darf nicht über mich fallen, daß alles nichts gewesen ist. Ma-noh sagte, seine Brüder und Schwestern seien zu einem Ring zusammengeschmiedet; er wollte sich nicht von mir retten lassen. Und so sage ich auch. Wir dürfen es uns nicht entreißen lassen, dieses durch keine Niederlage, daß wir das Kaiserreich der Mings aufrichten. In mir, lieber Bruder, schwirrt es auf und ab. An dieser eisernen Stange beiß ich mich fest; der Weg ist vorgeschrieben; ich komme nicht in Frage.“
„Was willst du damit sagen, Wang, daß du nicht in Frage kommst?“
Wang drehte sich geheimnisvoll zu dem langen Offizier: „Es ist ein Unterschied zwischen dir und mir. Ich bin der Boden, auf dem das Wu-wei gewachsen ist, das einen Teil meines Geistes mit sich fortgenommen hat. Früher glaubte ich, ich müßte dem Wu-wei eine schöne, reiche, weiche Wohnung unter den Menschen Tschi-lis bereiten, bin mit dem Gelben Springer hin und her gelaufen; jetzt hat das Wu-wei eine Stimme und tönende Kehle für sich bekommen, seufzt deutlich, es wäre ein Geist meines Körpers und ich sollte ihm Obdach und Ruhestatt in mir bestellen. Es lacht über mich, wie Ma-noh gelacht hat. O, Ma-noh, der auf Nan-ku mich belehrt hat über die milden, wegschauenden Buddhas, kommt so viel über mich. Jetzt richtet sich, lieber Bruder, alles auf mich, und nimmt ein so sonderbar gequältes Gesicht an. Meine Frau sitzt im Hia-ho und weint nicht über mich; aber mein Sohn, den ich ohne Frau gezeugt habe, das Wu-wei winselt nach mir. Du weißt ja selbst, was ich sagen will. Mein Sohn kann winseln. Ich muß die Brüder und Schwestern beschützen, wie ich’s schon immer getan habe. Wir müssen das Kaiserreich der Mings aufrichten . . .“
Der Offizier blickte seitlich, ohne sich zu einer Äußerung zu sammeln, dann: „Du bist anders, als Ma-noh, du bist ganz anders. Mein Bruder Wang-lun geht einen guten Weg mit — Angst und Widerangst. Die Gelbe Glocke hat nicht viel erfahren von dem harten Schicksal Wang-luns. Die Gelbe Glocke denkt, man muß kühn werden, mit der Welt streiten. Wir sind Kinder der hundert Familien, ich sage auch: was kommt es auf mich an? Unser Haus wollen wir reinigen, damit es uns gut geht, Wang, lieber Bruder.“
Wang berührte ihn zärtlich an der Hand: „Komm weiter, Bruder. Ich bin, seitdem ich aus dem Hia-ho kam, zum Lachen verwirrt. Ich weiß nur, daß ich aus Hun-kang-tsun stamme, so starke Knochen und solch Maul habe; sonst weiß ich nichts von mir. Einmal kannte ich einen Mohammedaner und einen Bonzen. Das waren früher meine Gesellen. Du mußt nicht so darauf hören, was ich sage. Auch Ngoh hat den Kopf geschüttelt.“
Sie ritten fast auf Pfeilschußnähe an die Mauer, auf der eine Abteilung der eingeschlossenen Soldaten patrouillierte. Sie konnten noch über die Mauer wegsehen, die vollgestopften Straßen erkennen, die untätigen Rotten auf den Märkten zwischen den Händlern unterscheiden. Wang-luns Pferd tänzelte; auf dem Gesicht des Reiters markierte sich eine freudige Neugier; die listigen Augen zerlegten die ganz kleinen Gruppen drüben. Auf einen Ruf der Gelben Glocke riß er sein Pferd um; die Patrouillen spannten ihre Bogen. Sie sprengten weiter um die Stadt.
Blitzschnell war vor Wang alles Quälerische versunken. Ma-noh und die Gebrochene Melone hatte er ausgelöscht in der Mongolenstadt, wie mit einem Strich unter eine verlorene Rechnung. Er war Ma-noh gefolgt, der ohne ihn alles verwirklichte von der Wu-wei-lehre; mit Spannung und Grauen sah Wang die Entwicklung und Beendigung; der letzte Schluß lag ihm ob in dieser Sache, die im Grunde seine Sache war; die Gemeinheit durfte nicht in das Sterben dieses Traums hineinjohlen. Er schleppte noch in einer Art Rachsucht sein Schwert, lief todverheißend von dem Totenfeld, aber heimlich erkannte er schon, daß hier eigentlich nichts zu rächen war, daß kein Feind da war, gegen den er sein Schwert erheben sollte, weil alles dies Ende nehmen mußte. Und als Ngoh ihm vom Tod Ma-nohs erzählte, wurde die Decke der Rachsucht mit einem grausamen Ruck weggezogen; besiegt war er, vernichtet, schlimmer erwürgt als der Tu-ssee. Der Ekel kam, zu Ende war es mit dem Wu-wei! Das Hia-ho mit seiner entschlossenen Versenktheit tauchte auf, die erpreßte Ruhe einiger Monate; der Bauer in Wang schien langsam hervorzutreten. Inzwischen fraß seine Lehre in Tschi-li um sich; er konnte sich nicht lange taub und blind stellen, seine Vergangenheit wie Staub von sich abschütteln; der Grimm über den Kaiser entkorkte ihn wieder; das Wu-wei, zwar fortgeschleudert, war seine eigenste herzlichste Sache. Halb gestoßen kehrte er zurück, die stürmische Bewegung riß ihn dann mit sich; er selbst wußte oft nicht, was er sollte, dachte an die Sanftheit des Nichtwiderstrebens und sah sich in einem endlosen, hoffnungslosen Morden. Er fand nicht zu sich. Über die Mauer von Schan-hai-kwang blickend, sah er das lebendige Gewimmel der Märkte, Straßen; eine freudige Erregung überwältigte ihn blitzschnell; Entschlüsse, ein Drang unbegründeter Art wurden in ihm ausgehebelt: „Da hinein, da hinein, ohne Waffen!“ Er wußte nicht, daß das Bild des alten Tsi-nan-fu vor ihm stand, daß das Wu-wei ihm aus allen Poren schwitzte. Dulden, dulden, leiden, ertragen! Nicht widerstreben! Su-koh! Zum ersten Mal liebte er wieder das Leben. Er hob jauchzend seine Arme gegen die Stadt. In einem Gefühl von Schwäche begehrte er wieder Stadtnarr zu sein.