Nach längerem Feilschen kam man überein: die bewaffneten Fremden besetzten zwei Schiffe zur Sicherheit; das dritte Schiff fährt in den Hafen, verschafft die Hälfte des Geldes; alsdann fährt man gemeinsam vor die Stadt; kommt das dritte Schiff mit Polizei zurück, soll das als Verrat gelten und an der Besatzung der zurückgebliebenen Schiffe gerächt werden.
Der Plan wurde ausgeführt; Wang empfing das Geld, sie setzten sich auf die Schiffe, ankerten vor der Stadt. Als sie an Land gingen, wozu sie die Piraten eingeladen hatten, war dieses Abenteuer rasch zu Ende; denn hinter ihren Booten scholl das Hohnlachen der Seeleute, denen ihr Streich gelungen war; die Schiffe, die zu den andern in See stachen, waren Wang und seinen Leuten verloren.
Wang ging mit mehreren Begleitern wegen der andern Hälfte des Geldes klagend in die Stadt; die Mandarine wiesen ihn ab, für solche Verträge gäbe es kein Recht; die Piraten seien nicht zu fassen, und in diesem Augenblick Freunde des Himmelssohnes. Er suchte seine Anhänger in der Stadt auf; kleidete sich um, spazierte auf den Märkten und Straßen. Mehrere Tage unternahm er nichts als Flanieren, Besuchen der Tempel, Anhören des Klatsches, Feilschen mit Pfeifenhändlern, Lungern in den Teestuben. Es war frisches schönes Sommerwetter; um seine Begleiter kümmerte er sich in diesen Tagen nicht. Dann versammelte er sie in dem Hause eines Gefängnisaufsehers; seine Absicht war, Dinge besonderer Art in der Stadt zu veranstalten, darauf Revolte, wobei sich das weitere ergeben sollte.
Chao-hoeis Palast stand einsam hinter der Stadt auf den nordwestlichen Abhängen der Magnolien. Der besiegte General verließ selten sein Haus; wanderte von einem Zimmer ins andere, aus dem Hof in den Garten. Er stand nicht mehr an dem Fenster, das nach dem Meer blickte; der Triumphbogen am Ausgang der Hon-pun-straße störte ihn nicht; nur daß dort das Meer lag, an das ihn die Rebellen gedrängt hatten, ergrimmte ihn, daß seine Soldaten und sein Feldherrnglück nichts waren und er wie eine Katze, die man ertränken wollte, am Wasser hin und her jaulen mußte.
In seinem friesumzogenen Arbeitszimmer saß er viel, blies die Wasserpfeife und grübelte. Er war ein sonderbarer Torhüter Pe-kings; durch eine rätselhafte Wendung des Kampfes war Pe-king noch im letzten Augenblick gerettet worden; ihn setzte man ans Wasser; wo war sein Kriegsruhm, was dachte Khien-lung? Er konnte nicht mehr A-kui und kundige Eunuchen anklagen, daß sie ihn auf den verlorenen Posten geschickt hätten. Kampf war da, und Niederlage war da. Der junge unerfahrene Tsong-tou von Tschi-li Chen-juen-li wird sich ein Vergnügen daraus machen, die Stadt zu entsetzen; auch der Herr von Schan-tung und Pi-juen von Ho-nan werden sich Ehren gewinnen, an ihm, dem Verunglückten. Er hatte das Gesicht verloren. Schande über sein Haus, Schande über seine Ahnen.
Die jugendliche Hai-tang, seine rechtliche Frau, tröstete den Melancholischen; sie trieb den ergrauten Mann aus dem Hause heraus, damit er die Mauern inspiziere, die Zucht in der Stadt kontrolliere. Aber Chao hatte einen Widerwillen gegen diese Stadt, die er einmal geliebt hatte; ihn ekelte es vor den zweideutigen Bürgern, er begegnete mit Widerwillen dem betrügerischen Tao-tai, Tang-schao-i, der sich beim Einzug der Truppen in die Stadt bedankt hatte, daß ihm das schlimme Schicksal der benachbarten Magistrate erspart blieb, freilich durch das Unglück seines verehrten Freundes Chao-hoei. Die Wunden seines Sohnes Lao-sü waren längst geheilt; untätig saß der General mit ihm beim Morraspiel, hockte in den Frauengemächern, hörte seiner Frau zu, die die zarte Nai, die fünfzehnjährige Tochter, im Spiel der Pipa unterrichtete.
Eines Vormittags, während die gesamten Truppen auf den Hügelflächen zwischen Mauer und Stadt exerzierten, zog aus einer Gasse im Nordwesten der Stadt, wie aus dem Boden auftauchend, eine feierliche prunkvolle Prozession geradeswegs über die Chaussee auf das Wohnhaus Chao-hoeis zu. Es mußte sich um ein freudiges Ereignis handeln; die Männer, die zwei goldgeschmückten Sänften folgten, trugen lange rote Schärpen über ihren schwarzen Gewändern. Mit Gongschall und „Platz“rufen marschierte man unter dem warmen Sonnenlicht; der Zug schlängelte sich rasch den einsamen Magnolienhügel hinan. Das Väterchen ohne Zunge, Chaos Haussklave, nahm unter grotesken Verbeugungen die riesige rote Visitenkarte entgegen, die ihm aus einer Sänfte gereicht wurde. Der schlanke Mandarin im Haus legte seine Perlenkette um, ging an der Türe des Saales der zwölf grünen Säulen seinen Gästen entgegen. Ein unbekannter mandschurischer Name hatte auf der Visitenkarte gestanden. Sechs der Fremden, in ernster Haltung, starke ausdrucksvolle Gesichter, traten in die Halle; Wang-lun und fünf Gefährten. Wang stellte sich zuerst vor unter dem mandschurischen Namen der Visitenkarte, mit frei erfundenen die andern, dann setzte man sich auf Einladung des Wirtes an einen kleinen Tisch zwischen zwei Pfeilern und schwieg. Chao-hoei schlug in die Hände nach Diener und Tee; das Blut stieg ihm ins Gesicht; es kam niemand. In Scham bat er seine Gäste um Entschuldigung, er klatschte nochmal, vor Erregung zitternd. Aber die Fremden lenkten begütigend ein, sie seien geschäftlich anwesend, zu Schiff eingetroffen, würden nur kurze Zeit verweilen; auf das Gesinde sei nirgends Verlaß.
Man sah sich prüfend an. Chao-hoei wollte in einer plötzlichen Regung sich erheben, um nach den Dienern zu sehen, aber wiederum baten die Fremden, sich nicht anzustrengen; sie würden ja in Raschheit ihre Angelegenheit erledigt haben.
Wieder schwiegen sie. Wang, in einem schwarzen Gewand, das ihm nicht den Knöchel bedeckte, zog den Fächer aus dem Gürtel, preßte das Gesicht zusammen, sagte mit kaltem, festem Blick, er und seine Begleiter kämen als Brautwerber in das Haus des ruhmreichen Generals; er hätte bei einem Aufenthalt im Hia-ho von der gebildeten und kunstverständigen Hai-tang, der Tochter des ehemaligen Tsong-tous von An-hui, Hwang-tsi-tung, gehört; von der Feinheit und Wohlerzogenheit der Tochter spreche die Stadt; so ungewöhnlich das Vorgehen sei, so bliebe doch seinem Herrn, in dessen Auftrag er erschiene, keine andere Möglichkeit, die Verbindung anzuknüpfen. Er reichte mit seinem langen Arm ein großes rotes Kuvert mit dem Personalschein über den leeren Tisch.
Der General steif, zuckte mit den Mundwinkeln. Wang sprach ruhig weiter, lud ein, das Kuvert zu öffnen; das Volk singe: „Wie fängt man an, Holz zu spalten? Ohne ein Beil kann es nicht geschehen. Wie fängt man an, eine Frau zu nehmen? Ohne eine Mittelsperson kann es nicht geschehen.“