Am folgenden Abend saß sie wieder unter dem Granitblock. Die Fackeln schwankten an ihr vorbei. Sie drohte im Finstern mit siegesheißem, haßverzehrtem Gesicht nach dem schwarzen Tempel. Sie schüttelte über die Köpfe der Mönche ihre Arme.

Am dritten Abend schickte sie die Dienerinnen fort. Das Gemurmel des Zuges erfüllte die Wege. Hai-tang starrte in das blendende Fackellicht. Sie fiel nieder, schrie, zerriß ihre Brust. Die Göttin war stärker; die Mönche vermochten nichts. Sie konnten beten und beten und beten. Wer hatte die Kraft, wer rettete sie?

Da war ihr, als ob die Mönche schon wieder zurückkehrten. Es rauschte. Ein Licht floß über den Boden. In dem Schein des eben vortretenden Mondes schritt schmalhüftig Kuan-yin, die Perlmutterweiße, an ihr vorbei. Das Diadem auf dem geringelten Haar blitzte grasgrün bei der Drehung des schräggelegten Kopfes. Sie lächelte, sah Hai-tang an, sagte: „Hai-tang, laß deine Brust. Deine Kinder schlafen bei mir. Stille sein, nicht widerstreben, oh, nicht widerstreben.“

Hai-tang blickte weiter in den grünschleppenden Mondschein. Sie setzte sich auf, schob die Schaufeln ihrer Hände über das kalte Gesicht: „Stille sein, nicht widerstreben, kann ich es denn?“

Ende

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden, zum Teil unter Hinzuziehung späterer Ausgaben, korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):