Die abschließenden Regierungsmaßnahmen in dieser Angelegenheit dauerten einen Monat. In dieser Zeit wurden die Gefangenen nach Pe-king transportiert; Khien-lung hörte sie größtenteils persönlich aus, um Begünstigungen der Behörden, Saumseligkeit der Verfolgung zu ermitteln. Dann wurden die Brüder und Schwestern vor Pe-king im Angesicht eines großen Volkes abgeurteilt nach den Bestimmungen des Ketzereigesetzes. Ihre Familien und die der bekannten Rebellen verbannte man nach dem Ili und der Mongolei; es waren etwa zweitausend Menschen. Das Dorf Hun-kang-tsun wurde völlig eingeäschert; die Leichname der Eltern Wangs ausgegraben, zerstückelt; sämtliche Einwohner des Dorfes vertrieben, ihr geringes bewegliches Besitztum konfisziert. Die Leichen der Rebellen verwesten auf den Straßen Lint-sings, vergifteten die Luft, so daß die wenigen Insassen der Stadt sich an den Präfekten wandten. Ein Dekret Khien-lungs ordnete dann an, daß die Kadaver gesammelt und vor die Mauern nächst dem Kanal geschafft würden. Man schaufelte zwei breite flache Gräber für die Männer und Frauen am Flußdamm, an einer Stelle, wo böse Geister sich versammeln. Hier hinein stülpte man die Karren mit den Kadavern, warf den Abraum der verbrannten Häuser und Balken hinzu. Vom Kanal sahen die beiden langen gewölbten Gräber und Schutthügel aus wie die Buckel zweier riesiger Maulwürfe, die sich aus der Erde aufwühlen.
Khien-lung sonnte sich. Dem Hohen Rat gab er bekannt, daß er Kia-king, seinen Sohn, der ihn mit seinen Ahnen versöhnt hatte, zu seinem Nachfolger ernenne. Die Offiziere, Generäle, hohen Beamten, Ratgeber, die sich an der Niederwerfung der Rebellion beteiligt hatten, erhielten Ehrentitel, Ländereien. Mit fester Hand schrieb Khien-lung am Tage des Dankfestes in der hinteren Halle des Kung-fu-tsetempels an: ‚wenn Kung-fu-tse hier wäre, er würde nicht gründlicher vorgegangen sein als ich.‘
Als noch die Leichen der Rebellen auf den stillen Straßen, in den Häusern Lint-sings faulten, der verkohlte Leib Wang-luns, welcher als Fischerssohn geboren, als Verbrecher gelebt, das Wu-wei gestiftet hatte für die Unglücklichen der achtzehn Provinzen und dafür unter das Ketzereigesetz gefallen war, der durchlöcherte Körper der Gelben Glocke, der der feinste und weichste der Brüder war und in tiefer Seelenruhe seinen Speer empfing, gegen eine weiße schöne Wolke zärtlich aufwallend, Ngoh, der schwächste von allen, von seinem Elend langsam zermahlen, die zahllosen Brüder und Schwestern, die unter dem Frieden des Wu-wei geblüht hatten, fuhr auf einem großen Trauerschiff Hai-tang, umgeben von ihren Frauen, nach ihrer südlichen Heimat die Küste entlang.
Chao-hoei, den gebrochenen Sieger, hielt Khien-lung am Hofe fest. Hai-tang wollte allein fahren; sie sagte zu Chao-hoei, als er sein Haus in Schan-hai-kwang verkauft hatte, er solle sich eine Nebenfrau nehmen, damit er von ihr einen Sohn bekomme.
Der sanfte Herbst kam. Das Schiff glitt die südliche Küste entlang. Aus den Städten schrillte Musik; die Ernteprozessionen auf den Feldern böllerten; die Dschunken flitzten spielerisch über das dunkle Wasser. Totenstille auf dem schweren breiten Schiff der Hai-tang. Sie segelte nicht gleich in ihre Heimat, das Schiff landete vor der Insel Pu-to-schan. Hai-tang wollte gehen vor die gnadenreiche Kuan-yin, das Gebet der frömmsten Mönche für sich erwirken.
Besonnte Zacken der Granitberge. Träumerische Landschaften eingesenkt. Schlanksäulige Fächerpalmen mit hellen Stimmen. Kamelien hunderttausend. Hauchende Teiche, schwimmende Lotos. Zwischen Hecken, hinter steinigen Wegen Tempel am Fuße des Hanges. Starrgespannter Himmel.
Von zwei Frauen gestützt, knisterte Hai-tang hinauf, in faltenreichen grauen Gewändern, grauer Schleier vor dem Gesicht. Sie gingen durch die Eingangshalle, über die mächtige Terrasse und Plattform vor der Gebetshalle. Hai-tangs Augen erduldeten an der steilen Brüstung der Terrasse die Reliefs, welche die kindliche Liebe verherrlichten. Vor dem Altartisch qualmte im geschnitzten Holzgehäuse die ewige Lampe. Vorhänge, Flickteppiche, Standarten, Pauken, Weihrauch.
Riesengroß hinter allen Kuan-yin. Sie saß an der Wand in einem weißen Kleide da, die linke Hand fein angehoben; ihr Gesicht war golden; eine Krone von fünf Lotosblättern trug sie; ein Diadem faßte ihren blauen Haarknoten zusammen. Mit schlanken Hüften, starken Beinen saß sie, den Kopf leicht zurücklehnend, auf Marmorsockel; violetter Brustlatz, weißes Seidentuch floß über ihre engen Schultern. Die Lider unter den schwarzen Augenbrauen hielt sie gesenkt; aber die gelblichen Wimpern, die schmal geöffneten Lippen schienen leicht zu zittern. So milde schwieg sie; so versunken hörte sie und gab sie. Tafeln und Banner priesen: „Kuan-yin, die große Freundin. Ihr gnadenreiches Boot trägt alle hinüber. Die Gnade ist groß wie die Wogen der See. Für alles Volk ist sie erstanden. Ein mütterliches Herz. Ihr goldener Körper wird nicht vergehen.“
Die Mönche in braunen Mänteln vor ihr rieben die Stirnen am Boden; Murmeln, Klingeln, dumpfes Liturgieren. Hai-tang knüllte ihren Schleier, sie atmete stürmisch und lächelte, über die Mönche wegsehend.
Es war später Abend. Die Insel verschwand im Finstern. Mit Laternen zogen hundert Mönche aus ihren Zellen und Kapellen über die steinigen Wege. Hai-tang hatte eine ungeheure Summe gespendet, damit die Geweihten bei der Göttin für sie beteten. Sie saß an einer Biegung des Weges unter einem Granitblock. Der Zug murmelte an ihr vorüber, die Arme verschränkt, Kutte nach Kutte. Sie zählte die Mönche, kam nicht zu Ende. Stolz, triumphierend überblickte sie diese grenzenlose Menge: es mußte ihr gelingen, die Göttin zu überwältigen. Ruhe, Ruhe wollte sie; Wang-lun nahm ihr ihre beiden Kinder; die Rache war nicht geglückt; und wenn sie geglückt war, so gab sie keine Hilfe. Ruhe für sich, Frieden für die toten jungen Kinder, endlose, immer erneute Folter über Wang-lun! In ihr wurde es still, als die Fackeln unter Singsang in den Tempel verschwanden. Sie schlürfte die warme Luft; jetzt sollte sich die Göttin wehren, jetzt drangen die Mönche auf sie ein, rangen mit ihr — für sie. Die Dienerinnen erhoben sich. Hai-tang ging auf das Schiff für die Nacht.