Tags drauf glühte eine rote Sonne. Als sie erlosch, gab Wang in der Altstadt allen, die Waffen besaßen, Auftrag, sich zu rüsten und die schlecht verschließbaren Häuser zu verlassen. Sie sollten sich in möglichst großen Häusern auf den engsten Straßen aufhalten. Kleine Trupps von Bogenschützen und Steinwerfern hätten sich auf den Mauern an bestimmten Punkten aufzustellen, sobald die Nacht anbräche. Die militärischen Anordnungen führte die Gelbe Glocke mit kalter Routine durch; seine Ruhe nahm dem Augenblick alles Unheimliche.

Wie es finster geworden war, kam jemand vor das Haus, das Wang bewohnte, gab, als man auf das Klopfen das Tor öffnete, eine Vase ab und sagte, man solle sie nicht öffnen. Der Mann, der das Tor geschlossen hatte, stand noch zweifelnd da und wollte fragen, da war der Bote verschwunden. Der Mann verriegelte unsicher das Tor, trug die verschlossene Porzellanvase, die nicht schwer wog, auf das Zimmer Wangs, stellte sie auf die Matte. Kurz darauf langte die Gelbe Glocke vor dem Haus an, um Wang zu sprechen. Er ging auf das Zimmer und sah Wang bei der Öllampe am Tisch sitzen, den Rücken nach der Türe gewandt; er schien zu lesen. Da rief der Pförtner vom Hofe, die Gelbe Glocke solle nach oben gehen; Wang-lun säße im ersten Stock bei den Brüdern und frage nach ihm. Erschreckt stolperte die Gelbe Glocke die Treppe hinauf; aus dem Zimmer oben tönte lautes Sprechen und Rumoren; Wang verteilte den Männern Spieße und kurze Dolche. Die Gelbe Glocke rief Wang an, der auf den entsetzten Blick des Offiziers die Dolche fallen ließ, mit ihm die Treppe hinunterstürzte, leise an die Türe trat. Die Erscheinung las noch am Tisch, Wang rief sie an, sie drehte sich um, sah Wang, der sich an den Hals faßte, mit seinen eigenen Blicken an, bewegte sich nach der Matte, verschwand. Die beiden gingen zögernd näher. Die Vase stand da, verschlossen. Die Gelbe Glocke hielt Wang, der schwankte, bei den Schultern. „Weißt du, Gelbe Glocke, was das war?“

Die Gelbe Glocke schwieg und schloß die Augen. Wang schlotterte:

„Das heißt, daß ich morgen sterben muß.“

Hastig und verstört gab Wang dem Pförtner Auftrag, die Vase vorsichtig hinauszutragen. Nach einem kurzen Vorsichhinstarren stieg er mit der Gelben Glocke hinauf.

Die Berennung der Tore begann kurz vor Sonnenaufgang von der Neustadt her. Der tapfere riesenstarke Yin-tsi-tu war der erste, der durch das gebrochene Tor in die Stadt stürmte; er suchte Wang-lun, den er mit eigener Hand erwürgen wollte. Dicht hinter ihm rannte Lao-sü mit einem roten Helmbuschel, ohne Schild, in jeder Faust ein langes doppelschneidiges Messer. Die Sprengung der südlichen Tore durch die Provinzialtruppen, denen sich die Bogenschützen angeschlossen hatten, erfolgte nicht viel später, weil im Augenblick, wo Yin-tsi-tu vom Osttor in die Stadt drang, alle Verteidiger sich von der Mauer in die Straßen und Häuser zurückzogen. Auf der südlichen Mauer stand eine gußeiserne Kanone, welche die Angreifer mit dem Blut einer Jungfrau, die sie in der Nacht vor dem Sturm abgestochen hatten, füllten und in die Stadt schossen, um die Luft von den Geistern der gefallenen Rebellen zu reinigen. Weiber stürzten den Soldaten mit grauenhaftem Jubel und Gekreisch aus den Gassen entgegen; sie versperrten die Zugänge der besetzten Straßen; dickes besessenes Menschenfleisch, das man wegräumen mußte. Von der Peripherie der Stadt ritten die Flammen der brennenden Häuser an.

Der tobende Straßenkampf begann. Die Brüder ließen sich nicht in den Häusern halten, ein Haus nach dem andern machte Ausfälle. Die Stadt bebte Mord. Die Straßen füllten sich mit würgenden Soldaten. Immer neue drängten von den Mauern her, fletschten die Zähne und waren nicht zu bändigen. Aus der Mitte der Stadt schwoll zwischen dem tobenden Gebrüll, den langen spitzen Schreien das heisere Gröhlen und Jauchzen der Rebellen, erstickt, wieder aufbrausend.

In einer mit Weiberleichen bepflanzten Straße, die auf den Markt führte, sahen Brüder, wie sie die Tore ihres Hauses zum Ausfall öffneten, Wang-lun in großen Sätzen vom Markt herlaufen, barhäuptig, sein Schwert über die linke Schulter geschwungen. Er rannte an ihnen vorbei, sein schweißübergossenes Gesicht eingesunken und unkenntlich; seine Augen leer, Yin-tsi-tu und Lao-sü hinter ihm an der Spitze von Bogenschützen und Lanzenträgern. Die Brüder hielten den Ansturm der Soldaten aus. Wang verschwand in ein großes leeres Haus am Ende der Straße. Eine kleine Schar Bündler mit Dolchen lief die Häuser entlang, stürzte sich auf die Bogenschützen vor dem letzten Torweg. Yin-tsi-tu hob, von Lao-sü gedeckt, stöhnend die Torflügel aus. Wang keuchte an der Hofmauer. Yin-tsi-tu parierte mit seinem Schwert den Schlag Wangs; sie rangen; der Hauptmann entwand dem Rebellenführer den Gelben Springer. Einem Dutzend Bündler gelang es, in den Hof einzudringen. Sie stießen Lao-sü mit ihren Messern nieder, befreiten Wang und krochen mit ihm zusammen in das obere Stockwerk des Hauses. Hier stapelten Bretter von Kampferholz; sie verbarrikadierten die Treppen mit dem umgeworfenen Stapel, mit Schränken und Tischen. Während die Bogenschützen von Kirin Pfeil auf Pfeil in die Fenster jagten, legten sie oben Feuer an und verbrannten, ehe nur ein einziger Soldat die Treppe erstiegen hatte.

Yin-tsi-tu toste die Straße herunter nach Rebellen; den Gelben Springer schleuderte er um sich; an zwanzig Schwestern und Brüder erschlug er.

Im südlichen Stadtteil hielt die Gelbe Glocke am längsten sein Haus. Als es von brennenden Pfeilen angezündet war, stieg er mit seinen vierzig Mann auf die Straße. Er focht mit größter Vorsicht gegen die kaiserlichen Bannersleute, die zurückwichen, als sie den in den Kasernen verehrten Offizier erkannten. Die ganze Stadt wand sich schon in den Händen der siegheulenden Regulären, da kämpfte er noch, mit einem hohen Schild sich deckend, hinter der vorderen Hofmauer. Eine Lanze in den Hals klafterte ihn um; seine letzten Leute wurden durch Beilwürfe gefällt. Die hundert Männer und Frauen, die unter Singen waffenlos auf den Markt gezogen waren, um sich niedermetzeln zu lassen, wurden umstellt, gebunden, zu Paaren in das Lager vor der brennenden Stadt geschleppt.