Das Heer, dezimiert, gänzlich erschöpft, war verloren. Dieser Rest durfte die letzten Tage Wang-luns miterleben. Von Nan-ku klang unter diesen Bündlern kaum noch ein Gerücht. Als Wang ihnen sagte, daß er von einer großen Wanderung zu ihnen zurückgekehrt sei, von Nan-ku über das Hia-ho nach Lint-sing, da wußten sie gut, wer er war und daß es sich lohnte, für das Wu-wei gelebt zu haben und in das Westliche Paradies einzugehen.

In der ersten Stunde des Nachmittags, an dem sie in die Stadt getrieben waren, zog Wang-lun, blutend am Hals, schweißtriefend, zitternd die Gelbe Glocke in den leeren Hof eines Hauses, umarmte ihn stürmisch, stotterte außer sich, mit leuchtenden Augen: „Bruder, wir sind besiegt. Es ist zu Ende. Bruder, die Tore sind zu. Wem soll ich danken?“

Die Gelbe Glocke stöhnte: „Wir sind besiegt.“

„Glaubst du? Ich sterbe gern. Es bleibt dabei, was ich in Tung-chong sagte: es kann anders nicht kommen. Der Nai-ho ist schlammschwarz. Aber ich bin bei euch, bei euch allen, hier ist das Einzige, was ich in meinem Leben geliebt habe: Nan-ku. Ich komme wieder zu euch. Die Tore sind zu. Wir dürfen beten; wir dürfen uns freuen. Wir sind alle auf einmal frei.“

In den nächsten Tagen öffnete sich Wang ganz. Über die Plätze und Straßen stieg er ununterbrochen. Er suchte jeden einzelnen der Bündler kennen zu lernen, ließ sich Schicksale erzählen. Er weinte mit ihnen über die toten Freunde, denen man ein gemeinsames Brandopfer auf dem Markt brachte, entschuldigte die Kaiserlichen, gegen die man hatte kämpfen müssen. Die Zeit, wo alle den reinen Weg gingen, sei noch nicht da. Nur durch die Ergebung und Sanftmut könnte man die Furchtbarkeiten des Lebens, die Eisenhiebe des Leidens verwinden.

Bei den Andachten auf dem Markte kletterte der barfüßige Barhäuptige auf die queren Planken einer Verkaufsbude. Er erzählte von seiner Wanderung nach dem Hia-ho, und wie sie ihm nicht genutzt hätte, von den tausenden glückseligen Brüdern und Schwestern, die Ma-noh nach dem Kun-lungebirge geführt hätte. Er nannte viele bei Namen, beschrieb sie. Andere Male, und dies geschah mit großer Eindringlichkeit, lobte er das Schicksal. Die Worte von Nan-ku fand er wieder; wie klein die Menschen wären, wie rasch alles verginge und wie wenig der Lärm nütze. Die Kaiserlichen und Mandschus könnten siegen; was würde es ihnen helfen? Wer im Fieber lebt, erobert Länder und verliert sie; es ist ein Durcheinander, weiter nichts. Die Wölfe und Tiger sind schlechte Tiere; wer sich diese zum Vorbild nehme, fresse und werde gefressen. Die Menschen müßten denken wie der Boden denkt, das Wasser denkt, die Wälder denken: ohne Aufsehen, langsam, still; alle Veränderungen und Einflüsse nähmen sie hin, wandeln sich nach ihnen. Sie, die wahrhaft schwach gegen das gute Schicksal waren, seien gezwungen worden zu kämpfen. Die reine Lehre dürfte nicht ausgerottet werden, gelöscht wie eine schlechte Tusche. Nun sei alles Kämpfen für sie vorbei, sollte vorbei sein; Beile, Schwerter, Sensen brauchten sie nur noch einmal zu nehmen. Das Wu-wei sei eingegraben in die Geister der hundert Familien. Es würde sich nach ihnen ausbreiten in heimlicher, wunderstrotzender Weise, während sie auf den weißen Wolken des Westlichen Paradieses spazierten und bis an die Lenden in dem schönen Ambraduft versänken. Von Leichnamen seien sie umgeben; Schatten und Skelette griffen sie an, der stärkste Zauber könne diese Bösen nicht bezwingen. Nur das Wu-wei vermöchte es; das trenne Leben von Tod mit so einfachem Griff. Das wußten schon die grauen Alten, von denen man spricht. Schwach sein, ertragen, sich fügen hieße der reine Weg. In die Schläge des Schicksals sich finden hieße der reine Weg. Angeschmiegt an die Ereignisse, Wasser an Wasser, angeschmiegt an die Flüsse, das Land, die Luft, immer Bruder und Schwester, Liebe hieße der reine Weg.

Er plätscherte von dem Traum, der ihm Nacht um Nacht erschiene: er stünde an dem Stamm; erst sei es wie eine Sykomore. Allmählich finge der Baum an, so schlank und gleichzeitig so zottig um ihn zu wuchern, ihn wie eine Trauerweide schwelgerisch zu überhängen, wie ein grüner Sarg zu umschließen. Manchmal beim Aufwachen nehme sein Kopf den Traum mit und dann käme ihm vor, daß sich der dünne Baumstamm nach Art eines saftigen Schmarotzers um seine Beine, seinen Leib und Arme gestengelt habe, so daß er sie nicht herausziehen konnte aus dem wässerigen Mark und ganz aufgesogen wurde von der reichen Pflanze, an deren Anblick sich alle beglückten.

Ekstasen schäumten und klatschten auf diese Reden Wangs. Oft kam es vor, daß sich Haufen zusammentaten, an den Toren versammelten und umnebelt hinausziehen wollten, um die Feinde zu belehren und ihnen zuzureden. Man drängte in Wang, in die Gelbe Glocke, man wolle Feste feiern. Und eines Tages flötete der Jubel eines Festes durch die Stadt, bei dem man das holzgeschnitzte Bild einer Göttin, der königlichen Mutter des Westlichen Paradieses, aus einem prächtigen Tempel holte, auf einen freien Platz außerhalb der Häuser trug, vor ihr räucherte, sprang. Brüder schritten hier mit bloßen Sohlen über ein Feld glühender Kohlen, die man vor die Bildsäule der Göttin geworfen hatte, lachend und triumphierend zu der königlichen Mutter hin. Die Brüder und Schwestern ließen nicht ab, Wang zu bitten, zu ihr Geister zu schicken, die sich vor sie hinwerfen sollten und sie lobpreisen für alle, die das heilige Wu-wei verehrten. Sie warfen Stäbe und losten. Fünf mal fünf Männer und Frauen schleppten Balken und lose Bretter über das Kohlenfeld. Und als das Holz in ganzer Breite loderte, rasselten sie unter den frenetischen Rufen der Menge hintereinander, übereinander, glucksend, belfernd in die blähenden Flammen vor dem sanften Bild, wie Kücken unter die Flügel der Henne.

Chao-hoei führte den Oberbefehl über eine beinah zehnfach dem Feind überlegene Truppe. Man erwartete täglich das Eintreffen jener mandschurischen Bogenschützen, deren Verwendung der Kaiser angeordnet hatte. Ein junger Offizier stand bei der Bannermannschaft des Generals: Lao-sü, Chaos und Hai-tangs Sohn. Wie Hai-tang erst Chao-hoei aus dem Hause gedrängt hatte, um die zarte Tochter zu rächen, so bald danach den eleganten Flaneur, der sich nach dem Tode seiner Schwester rasch veränderte. Er hätte des Wunsches seiner Mutter kaum mehr bedurft.

Lint-sing gliederte sich in Altstadt und Neustadt. Nur die Neustadt war stark ummauert und von einem besonderen Erdwall umgeben; die Mauer der Altstadt war nicht ganz gediehen, von ihren Wachtürmen nur zwei gebrauchsfertig. Yin-tsi-tu, ein Hauptmann von Chaos Banner, nahm, noch bevor die Bogenschützen eintrafen, zweihundert Mann, fiel in das Osttor der Neustadt, erstürmte die kaum verteidigte Mauer, machte die schlecht bewaffneten Rebellen nieder. Bei diesem Handstreich kamen nur vierzig Kaiserliche um, während man zweihundertdreißig tote Brüder und Städter zählte.