Am Abend dieses Tages der drei Sprünge ließen sich zwei Damen aus der Stadt zu Wang führen. Eine elegante, schlanke Dame betrat zuerst das stille Jamen, in dem Wang auf der Matte sitzen blieb. Sie hob das Lid des linken Auges selten; dann und wann erkannte man auf dem Augapfel große, weiße Flecken. Eine rundliche, sehr schöne Frau folgte, die sich weniger sicher bewegte als jene elegante. Die erste Dame nannte sich Pei, die andere Jing. Auf der Matte sich niedersetzend erwarteten sie Wangs Begrüßung. Die Ältere ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen, als der Mann sie barsch nach ihren Wünschen fragte. Sie kämen aus der Roten Stadt. Sie hätten noch vor der Belagerung flüchten müssen. Sie böten den Bündlern ihre Dienste an. Die Dame Pei erzählte in Breite ihr Schicksal, endete mit der Erklärung, daß sie imstande sei, noch jetzt in die Rote Stadt einzudringen und die Häupter der Mandschudynastie mit einem Zauber umzubringen. Wang war einiges von der Angelegenheit dieser Zauberfrau zu Ohren gekommen. Eine kleine Zeit blieb er stumm auf seinem Platz. Dann stieg er herunter, dankte den Damen, bat sie, ihm ihre Adressen zu hinterlassen, schickte zwei Soldaten zu ihrem Schutz mit. Wang kam an dem Abend nicht zur Ruhe unter dieser Sache. Erst sandte er nach der Gelben Glocke; dann mußte der Bote zurückgeholt werden. Er wollte allein zu einem Beschluß kommen. Im Hof des Jamens trabte er herum. Das war ein neues Zeichen. Unerwartetes Ende der Mandschus. Sollte man zugreifen, mußte man nicht? Noch nicht der Nai-ho! Aber der anfängliche Widerwille kehrte zurück. Irgend etwas war unerträglich an dem Vorschlag. Er war ekel, das Ganze war sinnlos, es kam von außen her, war kein Wink, es störte nur den Verlauf. Was er mit der Gelben Glocke an dem kleinen Wasser erlebt hatte, war endgültig und da sollte niemand eingreifen. Nicht morden. Die Wege lagen alle eben da.
Und noch ehe die Nacht kam, schickte er vier Soldaten zu den Damen, die sie unter Aufsicht eines Offiziers aus der Stadt geleiteten. Man drohte ihnen Rutenhiebe an, wenn sie den Wahrhaft Schwachen wieder unter die Augen träten.
Es ist beschlossen, vollendet, jauchzte Wang. Glücklich schlief er ein. Im Traum stand er unter einer Sykomore, an deren Stamm er sich hielt. Über seinen Kopf wuchs der Wipfel des Baumes in die grüne Breite und Höhe, so daß er, als die schweren Äste sich senkten, ganz eingehüllt und versunken im kühlen Blattwerk war und niemand ihn mehr sehen konnte von den vielen Menschen, die vorüberspazierten und sich an dem unerschöpflichen Wachstum ergötzten.
Nachdem die gesamten Provinzialtruppen des Tsong-tous von Tschi-li Chen-juen-li vor Tung-chong aufmarschiert waren, wurden die Bündler zum Ausfall gereizt und besiegt. Chen-juen-li zog sich darauf zurück. Der Tsong-tou von Schan-tung mit Bannertruppen unter Chao-hoei stellte sich den flüchtigen Bündlern am westlichen Damm des Kaiserkanals entgegen. Der General des Tsong-tous kam in ein hitziges Gefecht mit den tollkühnen Rebellen, welche über den Kanal flohen, den weiteren Angriff in der Ebene vor der Stadt Lint-sing, östlich des Kanals, erwarteten. Hier entspann sich die große Schlacht, in deren Verlauf der Rest der Bündler in die Stadt getrieben wurde. Sie hatten sich vorsorglich der Mauern und Tore versichert, so daß nunmehr die regulären Truppen zu einer Belagerung Lint-sings gezwungen waren.
Die Zahl der Bündler betrug nicht mehr als Ma-nohs, kaum fünfzehnhundert Menschen, darunter viele Frauen. Wang-lun und die Gelbe Glocke hatten nur leichte Säbelhiebe erlitten. Ngohs rechter Arm war bis auf die Schulter zerschmettert. Der feine Mann hielt sich mühselig aufrecht, suchte sich für den Endkampf zu üben im Schwingen des Beils mit der linken Hand.
Unbeschreiblich innig hingen Brüder und Schwestern zusammen. Die Freunde von der Weißen Wasserlilie schienen verschwunden; unter der Schwere der letzten Ereignisse hatten sie sich aufsaugen lassen von den Wahrhaft Schwachen. Die frommen Lieder von der Fahrt zum Westlichen Paradies schallten über die Mauern. Es wogte die freudige Stimmung.
Unter den Frauen befanden sich manche, die glaubten, die Entsetzen einer Schlacht nicht noch einmal ertragen zu können. Diese waren es, die sich feierlich auf dem Markte erhängten, am zweiten Tag der Belagerung.
Der Geist einiger Brüder verwirrte sich, als sich erkennen ließ, daß die Umzingelung der Stadt durch unermeßliche Truppenmassen vollkommen war und daß es auf ihre Ausrottung ging. Sie tanzten nackt auf den Straßen, jauchzten mit markerschütternden Stimmen. Sie wüßten den wahren und guten Weg und den tanzten sie. Geheimnisvoll schlichen sie sich über die Plätze, sanken mit geschlossenen Augen über den Boden und röchelten im Delirium. Manche von diesen Männern brachten sich Wunden an den Armen und Lippen bei mit spitzen Steinen wie Fopriester; faßten, mit weißen Augäpfeln wandelnd, träumende Frauen bei den Händen an, und unmittelbar an Entrückungen, in Entrückungen erfolgte die Brunst der Umarmungen, die niemand verachtete.
Ein kleiner Teil der Eingeschlossenen sah schief, mißtrauisch, gehässig auf die andern, konnte sich nicht zur letzten Hingerissenheit entschließen, dachte irgendwie zu entweichen, die Bündler zu verraten. Dies waren die, welche viel auf den Höfen weinten, alle Stunden auf die Mauern krochen, gramvoll winselnd die Bewegungen der Kaiserlichen verfolgten. Dann horchten sie wieder alle aus, stopften sich in das Gedränge der Märkte und quälten sich über ihre zuckenden Gesichter die festliche Ruhe der andern zu spannen.
Hie und da vollendete sich in aller Raschheit ein Sonderschicksal. Ngoh hatte das Wu-wei gesucht, um für sich Frieden zu gewinnen. Es bedeutete ihm Qual, als die Verfolgungen begannen, daß er sich an der Führerschaft beteiligen mußte. Mit halbem Herzen ging er in die Schlachten und war glücklich in der Betäubung des Gewühls. Seine Abneigung gegen die Rote Stadt verdichtete sich mit dem Haß auf die Mandschus, die ihm die Kämpfe aufzwangen. Kaum einer aller Wahrhaft Schwachen hegte zuletzt einen so unbändigen Haß auf den Kaiser als der ehemalige Hauptmann Ngoh. Allein gelassen, von seinem Haß befreit, da der Untergang herannahte, saß er in Lint-sing. Er hörte trübe die abgestandenen Lieder seiner Freunde, sah sie in einer großen Entfernung von sich gehen. Die Erinnerung an den Kaiser, an die Wanderung mit Ma-noh, an seinen geliebten Knaben wachte auf und alles ohne Gefühl. Sein rechter Arm war zerschlagen; er übte den linken und bemerkte heimlich, daß es gleich war, ob er mit dem Beil gegen Holzpfosten, gegen Kaiserliche oder gegen sich selbst schlüge. Die Gespräche und Gesellschaft der Brüder suchend fand er nicht zurück. Er fragte sich, ob es nicht eben so gut gewesen wäre, seinen Knaben weiter zu lieben und neue zu lieben, und fühlte sich so heftig in diese Vorstellung hinein, daß er in geträumter Zärtlichkeit zerfloß, ja mit einer angstvollen Begierde sich diesen beglückenden verschollenen Gestalten näherte, bittend ihm zu verzeihen, weil er so lange ferngeblieben war, keine Parfüms, kein Konfekt brachte. Er dämmerte so ganze Tage herum. Die Gelbe Glocke fand ihn matt und in hohem Fieber. Der Offizier ging in Erschütterung von dem Kranken; diese Blicke tauchten schon in die letzte Dunkelheit ein. Als Ngoh in dem leeren Zimmer, das man ihm eingeräumt hatte, sterben sollte, tastete er schon zwischen den Frösten und Farbenblitzen nach den feinen Knien und Ohren seines Knaben, sperrte sich gegen das rieselnde Wu-wei mit krampfenden Kiefern, suchte sich bald mit Skepsis, bald mit Ungeduld zurecht zu finden, irrend, stammelnd, ganz still.