Ma-noh betrat kein Kloster mehr. Er verschrullte, wo er wie ein Kakihändler seinen Karren mit den Buddhas schob und sich zuletzt an der Bergstraße auf Nan-ku ansiedelte. Er umschlich den heiligen Wu-tai-schan, konnte sich nicht losreißen von diesen Dingen, an die ihn nur seine Unzulänglichkeit bannte. Der Fischersohn von Hun-kang-tsun wurde ihm rasch zu einer tieferen Quelle des Nachsinnens als die hundertacht Figuren auf der Fußsohle des Cakya-muni und die achtzehn Bedingungen der Unabhängigkeit. Dieser Bursche, der ihn auf Schritt und Tritt belog, gehörte ohne Zweifel zu den Strolchen, mit denen das entlassene Heer die Provinz überschwemmte. Er drängte sich seinem Wirt auf. Seine Fragen, seine haftenden Blicke beleidigten ihn. Am meisten aber beleidigte es Ma, wie Wang mit den fünf Buddhas umsprang, zuerst wie jeder rohe Chinese, als hätte er Angestellte oder Rechtsanwälte vor sich, die man nach Erfolg lobt oder wegschickt. Später mit einer zudringlichen Nähe, die Ma quälte. Und darum quälte, weil er fühlte, daß alles Verleumden nichts half, daß Wang unerklärliche Fühlung zu diesen stummen milden Wesen gewann. Ma schloß neidisch tagelang seine Klause, ließ den bekannten Gast nicht ein, ahmte drin vor dem Regale Wangs Mundspitzen, Kopfsenken, stilles Schielen nach. Wenn ihn nichts von Ruhe überkam, bewarf er Wang mit Vorwürfen, spuckte sich auf die Füße, weil er so dumm war, die Eifersüchteleien des Klosters wieder einzulassen. Ja dieser Netzflicker kniete auf der Bambusmatte vor dem Regal, als wäre Ma-noh nur sein Tempelverwalter, vor den Buddhas, die Ma zehn Jahre vor sich geschleppt hatte durch die endlosen Provinzen Ngan-wei, Kiang-su, Ho-nan, der Strauchdieb, der sicher einen Menschenmord auf dem Gewissen hatte.
Es gab ein Ringen zwischen ihm und Wang, Wiederkauen der Vorwürfe, langsames Vollaufen von Unwillen. Wang kam ununterbrochen, konnte sich an Sutren und Sentenzen aus den heiligen Büchern nicht sättigen; Ma-noh mußte ihm widerstrebend mehr geben; der große Mensch nickte dazu, als hätte er dies und jenes schon erwartet. Schamlos erschien dies Ma-noh, und er rang die mageren Hände, gab sich in seiner eigenen Wohnung verloren, war gehemmt, vor Wang die Tür zu verriegeln. Wenn der Strolch auf der schmutzstarrenden Matte kauerte, Lehren auf seine plumpe Art wiedergab, setzte sich der kleine Mönch atemlos neben ihn, fühlte sich ängstlich an ihn heran, beschnüffelte ihn. Zweimal wies er Wang in einer Aufwallung die Tür.
Ein stiller Augenblick, der das Gebirge um Ma-noh weit werden ließ, war es dann, als sich Ma einmal abends nach Wangs Fortgang vor seiner Tür bei etwas Merkwürdigem ertappte: wie er in einer zerfließenden Versunkenheit den schneeschweren Himmel betrachtete und dabei klar wußte, daß er Wang unterlegen sei und nicht litt. Plötzlich in der folgenden Nacht trat vor ihn die Erinnerung an diese Versunkenheit. Dumpfes Staunen hinter diesen Zustand: „Und nicht litt.“ Er war Wang unterlegen und litt nicht. Das Gefühl zog sich eng über seine Haut, machte das Herz zu einer Feder; zart und schlecker dachte es in ihm hin zu Wang unter kniebrechender Knechtung: „O wie gut ist es, Ma-noh zu sein.“
Nur Minuten.
Dann wehrte er sich, knirschte alles bedächtig herunter, legte sich vorn über seinen Leib und zersprengte das Gefühl.
Erschrak zum Schluß über sich und das ganze Geschehnis. Zerrte sich in den Schlaf.
Konnte in den nächsten Tagen Wang nicht unter die Augen treten; schämte sich vor ihm, und sich selbst stach und biß er. Unberührt aber verharrte dieses Gesicht in ihm: „Schneeschwerer Himmel, und ich bin Wang unterlegen.“ Es trat aus seiner Brust heraus und zog ihn hinter sich, wachsend, wachsend. Er überlegte manche Nacht, ob er nicht wieder wandern sollte. Blieb zu seinem eigenen Staunen. Näherte sich leidend Wang. Ihre sonderbaren Gespräche nahmen einen Fortgang. Es folgten die Tage, wo Ma-noh ungeduldig wurde, wenn der Strolch nicht hereintrampelte, wo er sich erkundigte, was er vorhatte, auf das Halunkenpack hetzte.
Der Priester belehrte den Strolch mit einer Empfindung von Angst. In ihm rüstete sich alles, die Waffen zu strecken.
Eine eisige Kälte stellte sich zu Beginn des neuen Jahres ein. Die Felsenwege wurden ungangbar unter der Glätte. Auf höheren Partieen des Gebirges lag der Schnee wie Daunen meterhoch geschichtet. Trat man in die weißen Massen, so schrumpften sie nicht weich zusammen; es gab ein zartes Klirren wie von tausend Schieferplatten, der Schnee riß Wunden in die Hände. Die Luft, zuerst von einer tiefgrünen Durchsichtigkeit, nahm einen grauen Ton an.
Eine mongolische Karawane, die von den nördlichen Pässen herüberkam, zog dicht bis an die Nan-kuberge. In einer Nacht erfroren fünfunddreißig Maultiere; zwei Bären saßen am hellen Morgen unvertreibbar mit rot unterlaufenen drohenden Augen bei einem Pferde, von dem man nicht wußte, ob es erfroren oder lebend zerrissen war. Die Tee- und Seidenballen, die mächtigen Pelze blieben auf dem letzten Paß liegen, die Pilger überwinterten in einem rückwärts gelegenen Dorfe.